Von Christoph Seidler und Wolfgang Büchner
Vorschau: So ähnlich wird die Webcam aussehen, die künftig Bilder des Internet-Artefakts "Trojan Room Coffee Pot" live aus der Redaktion von SPIEGEL ONLINE übertragen wird
Cambridge/Hamburg - Bis zuletzt ging es im virtuellen Auktionshaus eBay heiß her. Für 3350 britische Pfund, umgerechnet 10.452,70 Mark, konnte SPIEGEL ONLINE mit Unterstützung eines Sponsors - dem Gesundheitskonzern Fresenius - schließlich die historische Kaffeemaschine ersteigern. Bei zehn Pfund, rund 31 Mark, hatte der Startpreis für das Lot mit der Nummer 1260882480 gelegen. Schon am ersten Auktionstag hatte sich der Preis verzehnfacht. In letzten beiden Stunden der Auktion hatte sich der Preis von 750 Pfund auf über 3000 Pfund mehr als vervierfacht. Um 14.39 Uhr und 29 Sekunden fiel der Hammer.
Viel Geld, wenn man bedenkt, dass die Krups ProAroma, die von Oktober 1997 bis März 2001 vor der Kamera im Einsatz war, derzeit noch nicht einmal zum Kaffeekochen taugt: "Wir müssen Sie warnen, dass die Maschine kaputt ist, möglicherweise so sehr, dass sie nicht mehr repariert werden kann. Sie verliert Wasser, außerdem haben wir den Stecker abgeschnitten", hieß es in der Objektbeschreibung bei eBay.
Was macht diese Kaffeemaschine so einzigartig?
Damals: So kannten Surfer aus aller Welt die Mutter aller Webcams. Die virtuellen Besucher liebten "ihren" Coffee Pot
Praktisch veranlagt, installierten die IT-Cracks um Quentin Stafford-Fraser in ein paar Stunden eine Kamera, die fortan 24 Stunden täglich den aktuellen Füllstand der Kaffeekanne an mehrere Rechner eines Uni-Netzwerks weitergab. Über ein kleines Fensterchen mit schwarz-weißen Bildern war die Kaffeestand-Kontrolle aus der Ferne möglich. Wenig später erlebte das weltweite Computernetzwerk - besser bekannt als das Internet - seinen Boom. Seit 1993 waren die Bilder aus dem Flur vor dem Trojan Room auch im World Wide Web zu sehen. Schnell wurde die Kaffeemaschine zur virtuellen Pilgerstätte für Millionen von Surfern. Die erste Webcam war geboren.
Dann und wann ging die gläserne Kaffeekanne kaputt und wurde ersetzt. Die letzte Kanne überlebte aber immerhin 42 Monate. Irgendwann installierte die Universität Cambridge auch einen neuen Server für die Webcam, weil der alte seinen Geist aufgegeben hatte. Sonst blieb alles wie gehabt.
Ein Schock für die Community
Eine Legende wechselt den Besitzer: Versteigerung der Kaffeemaschine bei eBay. Nach zehn Tagen und 71 Geboten fiel der Hammer
Die weltweite Reaktion der Internetgemeinde war überwältigend: Internetsurfer bombardierten die Wissenschaftler der University of Cambridge mit E-Mails, in denen sie den Erhalt der Coffee-Pot-Webcam forderten. Die britische "Times" besang das bevorstehende Ende der Trojan Room Coffee Machine als "Abschied von den Anfängen des Internet". Die Washington Post beschrieb die Kaffeemaschine als "Kitsch-Ikone", als "Attraktion, die alleine durch die Absurdität ihrer Existenz eine Bedeutung gewonnen habe". Der Hype um die weiße Kaffeemaschine zeige, wie sehr das Medium Internet die Zeit verdichtet habe. "Die Anfänge des Internet sind nun Artefakte", schrieb die "Washington Post". Für 3350 Pfund wechselt der Trojan Room Coffee Pot nun in die Ost-West-Straße 57 in Hamburg - wenig Geld für eines der handverlesenen Artefakte aus der Frühgeschichte des Internet.
Der Lageplan: In Korridor vor einem Computerraum namens Trojan Room war die Krups ProAroma jahrelang zu Hause. Mehrere Millionen virtuelle Besucher besuchten die heilige Halle.
In Hamburg soll die wertvolle Kaffeemaschine - für die es selbstverständlich auch ein Echtheitszertifikat aus Großbritannien gibt - zunächst repariert werden. Danach soll sie in den Redaktionsräumen aufgestellt werden. Läuft alles nach Plan, wird sie in wenigen Wochen wieder vor einer Webcam posieren. Die Tradition des Trojan Room Coffee Pot lebt - demnächst in diesem Theater.
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