30. März 1999, 18:17 Uhr

Netz

Krieg ohne Bilder

Von Tilman Baumgärtel

Die internationale Presse mußte Rest-Jugoslawien verlassen. Auf Websites und Mailinglisten im Internet finden sich ungefilterte Informationen aus dem Kriegsgebiet.

Pater Sava Janjic ist Mönch in einem 663 Jahre alten Kloster im Süden des Kosovos. Auf der Website seines Klosters finden sich Links zu einem Live-Chat und einer Mailingliste, die Augenzeugenberichte direkt aus den bombardierten Gebieten in der ganzen Welt verbreitet. Schon kurz nachdem die ersten Marschflugkörper auf Pristina gefallen waren, gab es auf der Liste einen ersten Bericht von Sevdie Ahmeti aus der bombardierten Stadt: "Die Bomben fielen wie Regen auf Pristina. Fünf von ihnen konnte man sehen. Sie sahen aus wie Flammen und kamen herunter wie Sternschnuppen."

Pater Sava Janjic ist einer der wenigen verbliebenen unabhängigen Berichterstatter aus dem Kosovo. Der Krieg in Jugoslawien ist ein Krieg ohne Bilder. Seit die jugoslawische Bundesregierung in der vergangenen Woche die Eurovisions-Satellitenverbindung unterbrechen ließ, ist es technisch unmöglich geworden, Fernsehbilder ins Ausland zu übertragen; seit Journalisten aus Nato-Ländern Jugoslawien verlassen mußten, ist es für westliche Reporter unmöglich geworden, objektive, glaubwürdige Informationen aus dem Krisengebiet zu sammeln. Die einzige Möglichkeit, Informationen direkt aus Jugoslawien und dem Kosovo zu erhalten, ist das Internet. Nur auf Websites, Mailinglisten und per direkter E-Mail kommen Augenzeugenberichte aus dem Land, das seit letztem Mittwoch von der Nato bombardiert wird. So auch auf der Liste "Kosovo-Reports", die der Amerikaner Steven Clift eingerichtet hat. Hier sind Berichte aus Jugoslawien zu finden - genauso wie zum Teil heftige Debatten zwischen Serben und Albanern aus den verschiedenen Teilen des Landes.

Aber nicht nur diese neu eingerichteten Foren liefern "Live-Berichterstattung" aus dem Krisengebiet. Vollkommen überraschend hat sich zum Beispiel die kleine Mailingliste "Syndicate" zu einer Quelle für direkte Augenzeugenberichte aus Belgrad entwickelt. Eigentlich ist "Syndicate" ein Forum für Medien- und Netzkunst aus Osteuropa. Aber seit die ersten Nato-Bomben auf Jugoslawien gefallen sind, vergeht kein Tag, manchmal keine Stunde, ohne daß ein Listenmitglied seine persönlichen Wahrnehmungen und Erlebnisse aus dem Kriegsgebiet auf der Liste veröffentlicht.

Das amerikanisch-deutsche Ezine "Rewired" veröffentlicht seit gestern das E-Mail-Tagebuch einer serbischen Literaturprofessorin aus Belgrad. "Die Nacht nach dem ersten Nato-Schlag war ruhelos", schreibt Vladislava Gordic. "Wir sind die ganze Nacht hin und her gerannt. Von unserem Haus zum Luftschutzkeller und wieder zurück, um ein paar Stunden zu schlafen. Wenn ich nach Hause komme, ist das erste, wonach ich greife, nicht etwas zu essen, sondern die Tastatur meines Computers. So lange, wie wir noch Strom haben, so lange das Telefon noch funktioniert und mein Modem (das schon ganz schön alt ist) noch geht, werde ich weiter schreiben, um das hier festzuhalten..." Zwei Tage später heißt es: "Heute schreibe ich online, weil ich nicht weiß, wann und wie ich wieder eine Internet-Verbindung bekommen werde. Bitte, wer immer das liest: tut etwas, um diese Apokalypse zu verhindern..."

Für Jugoslawen kann es freilich auch gefährlich oder sogar lebensbedrohlich werden, kritische Äußerungen unter ihrer E-Mail-Adresse im Internet zu veröffentlichen. Die amerikanische Website Anonymizer.com hat darum das Kosovo Privacy Project eingerichtet. Von dieser Site können Jugoslawen anonyme E-Mails verschicken, ohne befürchten zu müssen, daß ihre Äußerungen später gegen sie verwendet werden können.

Diese Form selbstorganisierter Gegenöffentlichkeit funktioniert allerdings nur, solange Jugoslawien überhaupt noch Zugang zum Internet hat. Und auch der ist durch die Nato-Bomben bedroht. Telekommunikationsexperten befürchten, daß die Netz-Infrastruktur Jugoslawiens durch das Bombardement zerstört werden könnte. Nicht nur das Telefonnetz ist zur Zeit vollkommen überlastet, auch die wenigen Internet-Backbones in dem kleinen Land könnten durch die Bomben zerstört werden. Die vier größten Internet Serviceprovider sind mit dem Rest der Welt nur durch drei Landverbindungen und einem einzigen Satellitenlink verbunden. Wenn diese Verbindungen zerstört würden, wäre die letzte direkte Verbindung Jugoslawiens aus dem Land heraus unterbrochen.

Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen die Studenten der Belgrader Universität und an anderen akademischen Institutionen in Jugoslawien bereits von Internet abgeschnitten worden zu sein. Die offizielle Begründung der Belgrader Führung: Die Studenten sollen davon abgehalten werden, Server in Nato-Ländern zu hacken und so einen Grund dafür liefern, daß Jugoslawien ganz vom Internet abgehängt wird!


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