31. März 2005, 08:45 Uhr

Videospiele

Kunst mit der Doom-Engine

Von Danny Kringiel

Computerspiele sind mal Kunst und mal Schrott. Aber als Ausdrucksmittel können sie alle dienen. Sieben Game-Künstler treten den Beweis an, dass eine 3D-Engine und Pixelgrafik weit mehr erzeugen können als virtuelle Spielewelten.

John Haddock

Revolte in China: Welt aus "War-Craft"-Sicht

Revolte in China: Welt aus "War-Craft"-Sicht

Es gibt Bilder, die jeder in seinem Kopf gespeichert hat: die Ermordung JFKs. Rodney King, der im Scheinwerferlicht eines Einsatzwagens der LAPD von Polizisten zusammengeschlagen wird. Eric Harris und Dylan Klebold, die, ihre Waffen im Anschlag, durch die menschenleere Cafeteria der Columbine High School laufen. Oder die gewalttätige Niederschlagung der studentischen Revolte am Platz des himmlischen Friedens.

Jon Haddock nimmt diese modernen Ikonen und verfremdet sie. Am Bildschirm formt er sie zu digitalen Gemälden, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind in isometrischer Perspektive dargestellt. Mit dem simplen Trick, das Weltgeschehen aus der "War-Craft"-Sicht zu zeigen, schafft der Künstler eine beachtliche Irritation. Er führt uns vor Augen, wie sehr unser popkulturelles und politisches Gedächtnis in den Schienen läuft, die die Massenmedien verlegt haben. Und wie es entgleist, wenn jemand diese Schienen verbiegt. www.whitelead.com/jrh

Brody Condon

Computerspiele sind seit den ersten Gewaltdarstellungen ein Politikum. Dass sie aber auch selbst einen Beitrag zu politischen Diskussionen leisten können, beweist der amerikanische Künstler Brody Condon. In seinem mit der Künstlergruppe "C-Level" entwickelten Spiel "Waco: Resurrection" erlebt man den blutigen FBI-Einsatz gegen den Sektenführer David Koresh und seine Anhänger, bei dem 1993 mehr als 70 Menschen ihr Leben verloren. Nach dem Blutbad hatte es hitzige Debatten darüber gegeben, ob hier christliche Hardliner in der US-Regierung an Koresh ein Exempel statuieren wollten. Im Spiel nimmt man Koreshs Perspektive ein, verhandelt mit Gott und kämpft mittels göttlicher Superkräfte gegen das FBI.

Um reine Gewalt dreht sich die Half-Life-Mod "Adam Killer", in der Condon in leeren weißen Räumen den immergleichen Gegner Mal um Mal wehrlos zur Schlachtung freigibt. Durch einen Grafik-Glitch füllen sich die Levels zunehmend mit

"Adam Killer": Blutige Zerrbilder

"Adam Killer": Blutige Zerrbilder

blutigen Zerrbildern der Gewalttaten des Spielers, bis der sich zuletzt in einem endlosen weißen Schacht wiederfindet, aus dem zerfetzte Gliedmaßen auf ihn herabregnen. Mit "650 Polygon John Carmack 2.0" verließ Condon jüngst den virtuellen Raum. Er baute eine Kunststoffskulptur des Spieleschöpfers Carmack als eine aus 650 Polygonen zusammengesetzte "Quake"-Spielfigur. www.tmpspace.com

Moswitzer-Jahrmann

Das österreichische Künstlerduo Max Moswitzer und Margarete Jahrmann machte lange Zeit nur Netzkunst. "LinX3D", ursprünglich der Name eines von ihnen eingerichteten Linux-Kunstservers, war ihr erstes Computerspiel-Kunstwerk. Der Spieler steht hier an einem Arcade-Automaten und spielt online gegen Kontrahenten, die in Form von ASCII-Programmcode dargestellt werden. Der Spieler selbst wird während des Spiels von einer Kamera aufgezeichnet und ebenfalls in ASCII-Zeichen übersetzt, die als zusätzliche Textur in die Spielgrafik eingebaut werden.

"LinX3D": Gegner in Form von ASCII-Code

"LinX3D": Gegner in Form von ASCII-Code

Das Ergebnis ist eine Spielwelt, die gleichermaßen Text und Grafik, Programm und Programmcode ist, und in der die Bildschirmbarriere zwischen Spieler und Avatar brüchig wird. In ihrer jüngsten Arbeit "Nybble Engine" verbinden die beiden Österreicher Computerspiel mit skulptureller Arbeit und Performance: Im Rahmen einer Art Vorlesung werden Netzwerkmatches in einem abstrakten Computerspielszenario wie Echtzeit-Filme vorgeführt. Anstelle von Waffen halten die Avatare räumliche Visualisierungen von Netzwerkprozessen in den Händen, die in der realen Welt per 3D-Objekt-Printer als Skulptur ausgegeben werden. Hört sich verwirrend an? Ist es auch. Einen besseren Einblick vermittelt der 20-minütige Mitschnitt von "Nybble Engine" auf der GEE-DVD. www.climax.at

Mr. Ministeck

Das Pixel steht für die kleinste Einheit einer Rastergrafik. Ebenso aber steht es auch - was in den Zeiten von "Doom 3" und Konsorten gerne in Vergessenheit gerät - für den Grundbaustein von Computerspielgrafiken. Norbert Bayer alias Mr. Ministeck erinnert sich für uns - und kramt die Klassiker der C64-Ära wieder aus der schamhaften Verdrängung des Hightech-Zeitalters hervor.

Low Tech: Welt aus analogen Plastikstiften

Low Tech: Welt aus analogen Plastikstiften

Seine Motive reichen von "Donkey Kong" über "Giana Sisters" bis hin zum legendären "Pac-Man". Doch anders als in den aktuellen, optisch geglätteten Remakes der jugendlichen Pixelgesichter des Computerspiels bleiben bei Bayer digitale Kosmetika in der Schublade. Er geht sogar einen Schritt weiter und übersetzt die digitalen Motive in die vollanalogen Plastikstifte jener Ministeckmosaike, die in den siebziger und achtziger Jahren Spielzeugläden füllten und elterliche Geldbörsen leerten.

Kritiker mögen Norbert Bayer vorwerfen, er reproduziere immer wieder ein- und dasselbe Konzept, unbestritten bleibt: Mit seiner Hinwendung zum archaischen Material Ministeck nimmt er eine besondere Position in der heutigen Computerspielkunst-Szene ein. Und anders als andere Vertreter dieses neuen Bereichs der Medienkunst läuft er nicht Gefahr, sich in bloßer multimedialer Technikprahlerei zu verlieren. Low Tech at its best. www.misterministeck.de

Weiter in Teil 2:

Spielklempner Mario als schlafende Unschuld inszeniert

Manetas

Bei allen inhaltlichen Unterschieden der heutigen Computerspielkunst gibt es doch klar bevorzugte Arbeitsmaterialien: Vor allem Mods kommerzieller Spiele und Eingriffe in die Hardware von Spielgeräten reizen offenbar viele junge Künstler. Der gebürtige Grieche Manetas hingegen arbeitet ausgerechnet mit den altmeisterlichen Materialien schlechthin: Öl auf Leinwand. Dabei hat die Arbeit des Griechen auch immer einen Drall zum Religiösen. Er arrangiert in seinen Stillleben die Kabel von Joypads nach den Prinzipien eines Madonnenbildnisses.

Inszenierung: Mario als schlafende Unschuld

Inszenierung: Mario als schlafende Unschuld

Oder inszeniert den berühmten Spielklempner Mario als schlafende Unschuld. Denn in ihm sieht er klare Parallelen zu Christus: Beide Figuren seien eine Art Leergefäß, weder klarer Held noch Antiheld, und würden so ihre Anhänger dazu einladen, sie mit eigenen Vorstellungen aufzufüllen.

Als sein bekanntestes Werk gilt die allerdings digitale Arbeit "Miracle". Hier inszeniert er den Physik-Bug eines Flugsimulators als biblisches Szenario: Da die Programmierer nicht damit gerechnet haben, dass der Spieler versuchen könnte, mit seinem Jet übers Wasser zu fahren, wurde das Meer als massive Fläche modelliert - das Flugzeug kann nicht darin versinken. Manetas zweckentfremdete diese Unachtsamkeit und ließ seinen virtuellen Flieger in einem Video wie Jesus über den See Genezareth wandeln. www.manetas.com

Tobias Bernstrup und Palle Torsson

Die Kunst ist tot, lang lebe die Kunst! Immer wieder haben neue Strömungen im Kunstbetrieb die Werte der ihnen vorangegangenen Schulen zerstört und durch neue, eigene Systeme ersetzt. Die schwedischen Künstler Tobias Bernstrup und Palle Torsson verbildlichen diese revolutionäre

Museumsbesuch mit Knarre: Kunst zu Kleinholz zerlegen

Museumsbesuch mit Knarre: Kunst zu Kleinholz zerlegen

Sprengkraft moderner Kunst in ihren originalgetreuen virtuellen Nachbauten real existierender Museen. In der mittlerweile dreiteiligen Reihe "Museum Meltdown" auf Basis der "Duke-Nukem-3D"- und "Half-Life"-Engines lassen sie den Museumsbesucher schwer bewaffnet durch die geweihten Hallen kanonisierter Kunstwerke laufen und dabei sowohl die Ausstellungsräume bevölkernde Monster als auch allerlei Exponate zu Kleinholz zerlegen.

Dabei kann der kunstinteressierte Spieler wahlweise die virtuelle Abrissbirne durch das Kopenhagener Arken Museum, das Vilnius Kunstzentrum oder das Moderne Museum Stockholm schwingen. Feuer frei! Angesichts Bernstrups Nähe zur Fetischszene scheint es da nur logisch, dass er jüngst bei einer Performance im von ihm zum Fragfest umfunktionierten Stockholmer Modernen Museum in bizarrer Deathmatch-Rüstung und mit überdimensionaler Shooter-Wumme auf die Bühne trat. www.bernstrup.com

Tom Betts

Der Brite Tom Betts versucht, die Grenzen des Computerspiels neu auszuloten: In seiner Mod "CCTEX" setzt er sich mit der zunehmenden Überwachung auseinander, der wir im Namen der Sicherheit überall ausgesetzt sind. Während der Spieler sich in Egoperspektive durch virtuelle Räume bewegt, beobachten ihn in der realen Welt versteckte Kameras. Was sie aufzeichnen, wird in verfremdeter Form immer mehr ins Spiel eingespeist.

Automat "AVSeq": Grafik und Sound gekoppelt

Automat "AVSeq": Grafik und Sound gekoppelt

In einer weiteren Shooter-Mod namens "Peacekeeper" lässt der Künstler zwei Bots in einer bizarren Shooter-Arena in eine Endlosschleife von gegenseitigem Töten und Wiedergeburt eintreten. Dann kann der Betrachter, der von den Bots nicht angegriffen wird, mitspielen und so versuchen, in diesen virtuellen Kreislauf einzugreifen. Eingerahmt ist er in der realen Welt dabei von zwei Leinwänden, auf die die jeweilige Egoperspektive der unermüdlichen Killermaschinen projiziert wird.

Derzeit arbeitet Betts, der mit seiner Band Weevil auch den Boden der elektronischen Musik beackert, an dem Videospielautomaten "AVSeq". In ihm sind abstrakte Grafiken und ein Sound-Sequenzer so aneinander gekoppelt, dass Veränderungen an der grafischen Oberfläche Veränderungen der Sounds erzeugen und Einflussnahme auf die Sounds die grafische Darstellung beeinflussen. www.nullpointer.co.uk


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