1959 bis 1966
Wahrscheinlich gibt es Computer und wahrscheinlich nehmen sie Einfluss auf mein Leben – ich merke es aber noch nicht.
1966 und folgende
1970 und folgende
Computer sind groß, bedrohlich und meist von IBM. Das suggerieren mir die Werbung, Science-Fiction-Filme und das Börsenspiel.
1980 bis 1985
Alles, was mit Computern zu tun hat, wird als EDV bezeichnet. Mein Arbeitgeber arbeitet mit Lochkarten und ein Cousin hat einen Taschenrechner von Texas Instruments, der programmierbar ist. Sogar ein "Spiel" ist vorhanden. Man muss eine Mondfähre durch Eingabe von Daten "steuern" – zu viel Schub und sie geht nicht runter, zu wenig Schub und sie stürzt ab; spannende Angelegenheit – nach drei Versuchen aber zu langweilig.
Interessanter sind da schon die aufkommenden Spiele in Spielhallen und Gaststätten.
1986
Bei einem Besuch zeigt mir mein Cousin, der mittlerweile Physik studiert, die Computer an seiner Uni, die in einem Netzwerk miteinander verbunden sind - wozu braucht man denn so etwas? - und über eine Gesamtspeicherkapazität von 10 Megabyte verfügen. Eine gigantische Summe.
1987
Ich verliere die Nerven, gehe los und kaufe einen
C64 mit Erweiterung auf 128 kb. Als erstes Projekt wird die Plattensammlung archiviert.
Abgespeichert auf Datasette ist das Wiederfinden bei der Aufteilung in A-D, E-H usw. so zeitraubend, dass der Blick in den Plattenschrank dann doch noch einfacher ist. Programme jeder Art sind teuer und deshalb werden Fachzeitschriften gekauft und Programme abgeschrieben - seitenweise. Beim Abtippen von Basic-Programmen lerne ich viel über deren Logik.
Aus monetären Gründen schiebe ich den Kauf eines sogenannten Floppy-Laufwerks und eines Nadeldruckers immer wieder heraus. Irgendwann wird das selbst abgeschriebene Spiel "Kniffel am C64" langweilig. Ein Spiel, das mit sogenannten Windows arbeitet, und in dem man sich von Level zu Level durcharbeiten muss, ist zwar sehr unterhaltsam, hängt sich aber immer wieder an derselben Stelle auf – das soll ein Bug sein. Der Fehler lässt sich nicht beheben – das Spiel gerät in Vergessenheit.
1988/89
Ich erhalte dienstlichen Zugang zu einem IBM-PC, mit dem die Auswertung eines Großprojekts begleitet werden soll. Ein Abiturient/Praktikant ist so pfiffig, dass er unter Zuhilfenahme der Software "f&a" (Frage und Antwort) und mit einigen eigenen Ideen und Programmierkenntnissen nach kurzer Zeit eine komplexe Auswertung zu technischen Materialzuständen sowie Leistungen der Mitarbeiter und der von ihnen bedienten Systemen liefern kann. Ich finde erstmalig den Einstieg in MS-DOS, kann die Floppy nutzen und Texte und einfache Grafiken formatieren und drucken.
1990-97
Da mir ein sogenannter IBM-kompatibler PC zu teuer ist, kaufe ich mir eine Schreibmaschine von Olivetti, mit Disketten-Laufwerk, 12-Zeilen-Display sowie integrierter Textverarbeitung (links-/rechtsbündig, Blocksatz und Rechtschreibprüfung) und Tabellenkalkulation. Mit verschiedenen austauschbaren Schrifttypen auf Rädern, Korrekturtaste und einem Austausch der Daten zu PCs (über ASCII) habe ich für lange Zeit alles, was ich für den Schriftverkehr im täglichen Dienst und für den privaten Bereich benötige.
Allen, die mich auf meine (vielbewunderte und immerhin 800 Mark teure) Schreibmaschine ansprechen und fragen, warum ich denn keinen PC habe, sage ich, dass doch ohnehin fast jeder seinen PC zur Schreibmaschine degeneriert – warum dann nicht gleich eine Schreibmaschine nutzen? Außerdem bin ich mit ihr mobil, weil sie schnell zusammengepackt ist. Irgendwo schaue ich aber immer mit Neid auf die PC-Besitzer, die mich mit Ihren Kenntnissen über Windows 3.11 und dann Windows 95 langsam abhängen. Ich fürchte, ich verpasse den Sprung in die Informationsgesellschaft.
1998
Ich verliere erneut die Nerven, gehe zu einer Niederlassung von Vobis, weil die anderen Elektronik-Discounter noch im Kerngeschäft Unterhaltungselektronik vertreiben. Außerdem habe ich einfach keine Zeit, mich irgendwann in der Nacht für einen ALDI-PC anzustellen. Um 2600 Mark erleichtert verlasse ich den Laden mit einem High-End-PC, der Windows 98 und die Small-Business-Edition von MS-Office aufgespielt hat, über eine 4,5 GB-Festplatte, ein CD-ROM-Laufwerk und einen CD-Brenner verfügt. Als Peripheriegeräte sind noch ein Flachbettscanner, ein Farbdrucker, ein 19 Zoll-Monitor und ein 56k-Modem im Kofferraum.
"Damit haben Sie für viele Jahre ausgesorgt", klingt es mir noch lange im Ohr. Freund und Feind gleichermaßen bewundern mein Equipment über ein gutes halbes Jahr lang, dann erscheint alles etwas angestaubt.
Im Moment aber bin ich der König. Ich kann CDs brennen und entdecke den Schmerz, wenn sich der Brennvorgang mit einem Buffer-Underrun verabschiedet – CD-Rohlinge kosten damals noch deutlich mehr. Ich werde ungehalten, wenn ein Stockwerk tiefer jemand den Telefonhörer mitten in der Internetsitzung abhebt und genieße es, wenn meine Schaffenskraft in Sachen persönlich gestalteter Einladungs- und Grußkarten bewundert wird.
1999
In der Freizeit sitze ich nur noch in meinem Arbeitszimmer unter dem Dach am PC – es gibt soviel zu entdecken, zu machen und zu probieren. Dass ich die Nutzung längst übertreibe, geht in meiner Begeisterung für die Informationsgewinnung, -verbreitung und -verarbeitung und meiner grenzenlosen Freude über einen neuen potenten PC, den ich an einem neuen Arbeitsplatz vorfinde, unter. Längst bin ich zum Internet- und Computer-Junkie geworden, der für jedes Problem die Lösung über den PC und das Internet sucht und auch findet.
2000
Die Ehe ist zu Bruch gegangen – meine Computer- und Internetleidenschaft hat sicherlich erheblich dazu beigetragen. Ich lerne eine Frau kennen - natürlich in einem Chatroom - die meine Begeisterung für die neuen Medien teilt. Ich finde den Zugang zu eBay und bin fassungslos, welche Dimensionen die Globalisierung hat – auch für mich. Für einen Bekannten verkaufe ich einen Dachbodenfund Blechspielzeug über virtuelle Auktionshäuser in die ganze Welt, die nur noch ein Dorf ist.
2001
Ich bin im Dienst zum gefragten Gesprächspartner der Netzwerkadministratoren geworden, baue meinen PC selber auf den neusten Leistungsstand aus, erwerbe die Teile dafür im Internet, verkaufe die Altteile fast zu Neupreis und stecke Jumper an Festplatten um, als hätte ich noch nie etwas anderes getan.
2002
Wir – die Internet-Bekanntschaft und ich - haben geheiratet und verfügen in unserem Arbeitszimmer über drei Rechner. Jeder hat seinen eigenen PC und den Internetzugang über ISDN. Ich habe noch einen Linux-Rechner, um auch hier mitreden zu können. Die drei PCs sind natürlich über einen Hub vernetzt und der Internetzugang erfolgt über einen Router. Hinzu kommt ein Notebook, mit dem der Zugang ins WWW immer und überall gewährleistet ist und mit dem im Sommer die tagsüber geschossenen Urlaubsbilder abends überarbeitet werden können.
2003
Wir kaufen ein neues Haus. Der PC begleitet das gesamte Projekt: vom Suchen und finden, der Prüfung aller Umstände, bis hin zur detaillierten Küchenplanung. Das Notebook pendelt mit allen Informationen zwischen Arbeitsplatz, Wohnung alt und Wohnung neu.
2004
Wir wohnen im neuen Haus. Das Netzwerk und der DSL-Zugang zum Internet erfolgen zunächst provisorisch – irgendwann können wir die Kabel nicht mehr sehen. Dem Himmel sei Dank, dass ich ein gutes Angebot für eine WLAN-Box und vier Sende-/Empfangseinheiten aufspüren kann – natürlich im Internet.
Ab sofort keine Kabel mehr und ich sitze wie Michael B. im Liegestuhl im Garten und surfe.
2005
Ich habe über SPIEGEL ONLINE, die Seite, die seit Jahren meine Hauptquelle für Informationen ist, einen
Artikel über Browsergames gelesen – ab sofort spiele ich
Spacepioneers und schon nach kurzer Zeit gilt für mich, was für alle SP-Zocker gilt: Jeder normale Mann denkt alle 30 Sekunden an Sex – jeder Spacepioneers-Spieler denkt alle 5 Sekunden an seine Flotte.
2006
Im Browsergame habe ich mich 2900 Plätze vorgearbeitet. Meine Frau fragt manchmal, was mein Weltraum macht. Größere Einkäufe werden zu 99,9% über das Internet getätigt. Wir haben zusammen weit über 1000 positive Bewertungen (100% positiv) bei eBay. Unsere Ferienwohnung vermitteln wir über die selbst erstellte und gepflegte Homepage, genau so, wie die Präsentation der Hundezucht meiner Frau. Das Navigationsgerät ist als Pocket-PC gleichzeitig der Notebookersatz bei Besprechungen. Telefoniert wird über das Internet. Das Handy kann alles. Steuern und jeder Schriftverkehr wird elektronisch erledigt und am Arbeitsplatz ist der PC zu über 80% mein Handwerkszeug.
Ja, die DOSe hat mein Leben ein wenig beeinflusst.
Michael Neumann
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