Von Matthias Kremp
Sie arbeiten äußerst professionell. Sie betreiben eigene Filmstudios in Osteuropa oder Asien. Dort, wo sie billig an die Ware Kind kommen - anders kann man es kaum nennen. Sie sind eine Industrie, die keine Skrupel kennt: die Kinderporno-Mafia im Internet.
Kriminalbeamter auf der Suche nach Kinderpornografie: 12.000 Verdachtsfälle in Deutschland
Die Fahnder stoßen bei ihren Ermittlungen in die Untiefen der globalen Kinderporno-Mafia vor, die sich im Internet ausgebreitet hat. Zwar schweigen die Fahnder über die Details des Falls - doch wie die Szene arbeitet, ist inzwischen anhand einiger spektakulärer Einzelfälle zu erahnen.
Sergio M., 42, wurde Anfang November in Italien festgenommen. Er hatte offenbar professionell und weltweit mit Kinderpornos gehandelt. Die Filme ließ er in seinem Filmstudio in der Ukraine drehen, verhökerte sie im Internet. Insgesamt 50.000 E-Mail-Bestellungen für seine Videos hat die Polizei auf seinem Computer gefunden. Bei der Festnahme hatte der Porno-Produzent 70.000 Euro in bar bei sich.
Auf welche Weise der Kinderporno-Dealer seine Ware online angepriesen hat, ist noch unklar. Derzeit sind die Beamten damit beschäftigt, die auf seinem Computer gefundenen Daten auszuwerten. Das könnte Monate dauern - ebenso wie die Ermittlungen in der deutschen Geheimaktion "Himmel".
In Deutschland ist die Zentralstelle für anlassunabhängige Recherchen in Datennetzen beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden für solche Recherchen zuständig. Wie viele Spezialisten dort arbeiten, mag die Dienststelle nicht verraten. Wohl aber, dass deren Mitarbeiter 500 bis 600 Anzeigen pro Jahr schreiben. Bis zu 80 Prozent davon beträfen Kinderpornografie. Auf der diesjährigen BKA-Herbsttagung wurde der Handel mit Sex-Darstellungen mit Kindern als "Wachstumsmarkt" bezeichnet.
Internet statt Tageszeitung
Die Kinderporno-Dealer zahlen den Produzenten der Filme für ein einziges Video bis zu 10.000 Euro, sagen Insider - es geht um ein Geschäft, an dem viele verdienen. Das größte Problem bei der Strafverfolgung: Die Täter nutzen alle Tricks und Kniffe, die das Internet bietet. Die Daten werden verschlüsselt getauscht, Dateien stückweise versendet. Wer das Passwort nicht kennt, sieht nur wirre Zahlenkolonnen.
Die Kinderporno-Mafia hat damit alte Verschleierungsstrategien einfach ins Netz übertragen. Denn noch bis vor wenigen Jahren wurden Kinderpornos vorwiegend über Tageszeitungen verbreitet: In Lokalblättern wurden "Holland-Videos" oder "private Aufnahmen" feilgeboten. Die Anbieter verbargen sich in der Regel hinter Postfachadressen im nahen Ausland. Lieferungen gab es nur per Vorkasse.
Der Vertriebsweg der illegalen Schmuddelware hat sich geändert. Das Internet gilt nun als Medium der Wahl: Nirgends kann man Bilder und Videos schneller weltweit verbreiten, kein Ort ist besser geeignet, um sich zu verstecken. Das erkannten auch Produzenten und Konsumenten herkömmlicher Pornos schon früh.
Welche Vertriebswege die Kinderporno-Szene nutzt
Als wichtiger Sammelplatz für die Kinderporno-Szene gilt das Usenet, eine der ältesten Einrichtungen des Internets. Dessen Newsgroups waren schon früh ins Visier der Fahnder geraten. Bis heute bezeichnet das US-Justizministerium Usenet-Gruppen als einen der Hauptvertriebswege für Kinderpornografie.
Einige dieser Gruppen seien Nutzern und Behörden hinlänglich bekannt und würden von den meisten Internet-Anbietern ohnehin nicht zugelassen werden, heißt es in einem Lehrbuch für US-Polizisten. Über kommerzielle Usenet-Anbieter sei der Zugang aber trotzdem möglich - wobei die Anwender riskieren, über ihre IP-Adressen und Kreditkartendaten ausfindig gemacht zu werden. Allerdings, schränkt die Behörde ein, könnten PC-Profis ihre IP-Adresse verschleiern und sich so anonymisieren.
Schneller als die Polizei
Die Szene benutzt daneben auch modernere Plattformen im weltweiten Netz. Kinderporno-Filme werden auf kostenlosen Webseiten abgeladen und mit vollkommen belanglosen Titeln wie "Basketball" bezeichnet, um Suchmaschinen zu täuschen.
So ähnlich geschah es offenbar auch in dem Fall, der der Operation "Himmel" zugrunde liegt: Bayerns LKA-Sprecher Burghardt sagte SPIEGEL ONLINE, Kinderpornos seien auf dem Server eines Berliner Internet-Anbieters deponiert worden. Dieser Anbieter, laut ARD Strato, habe dann die Polizei eingeschaltet, weil ihm ein enormer Datentransfer auf den Servern auffiel. Das stieß die monatelangen Geheimermittlungen an.
Um die illegalen Filme von den Servern an die Interessenten zu bringen, bedienen sich die Anbieter der Chatforen im Internet, dem Usenet oder einfacher E-Mails. Dort wird die Adresse des Films verbreitet. Die Interessenten laden dann die Datei herunter, die allerdings verschlüsselt ist. Wer sie entschlüsseln will, bekommt das Passwort ebenfalls per E-Mail oder über Chaträume genannt - nach Zahlung einer bestimmten Summe an den Anbieter. Wenn die Polizei dem Treiben auf die Spur kommt, ist das Geschäft in der Regel längst gelaufen.
Kinderporno-Seiten mit anonymen Besitzern
Viel Geld wird auch mit speziellen Webseiten gemacht, die Pornos von Minderjährigen gegen Geld anbieten. Die meisten von ihnen liegen auf dubiosen Servern in Russland und den USA. Diese Seiten enthalten Bilder von offensichtlich Kindern und Jugendlichen ohne Altersangabe - und legen in ihrer ganzen Aufmachung nahe, dass die Sexbilder und -filme auf der Seite keine erwachsenen Darsteller zeigen.
Um die Hintermänner der Seiten zu verschleiern, werden die Internet-Adressen (Domains) der Pornoseiten nicht direkt von den Betreibern angemeldet. Stattdessen nutzen sie Anonymisierungsdienste wie Privacy Protect. Solche Firmen bieten ihre Dienste mit der Begründung an, sie würden vor Spammern und Telefonwerbern schützen, die sonst die Adresse eines Webseiten-Besitzers über Datenbanken wie Whois abgreifen würden.
In Datenbanken wie Whois müssen die Kontaktdaten jedes Webseiten-Betreibers abrufbar sein. Wer diese Pflicht umgehen will, läuft Gefahr, dass seine Webseite geschlossen wird. Nutzt man allerdings einen Anonymisierungsdienst, tauchen bei Whois nur dessen Daten und eine allgemeine E-Mail-Adresse auf - ideal für die Kinderporno-Szene.
Immerhin: Privacy Protect bietet die Möglichkeit, einen Missbrauch des Dienstes zu melden. Doch wenn es den Betreibern zu gefährlich wird, ziehen sie einfach zum nächsten Provider um und melden eine neue Seite an.
Die Betreiber akzeptieren die gängigen Kreditkarten
Die Kunden werden auf unterschiedliche Weise auf solche Internet-Seiten gelockt. Die simpelste Methode: Auf dem Startbildschirm werden "Free Pics", also kostenlose Bilder angeboten. Wer mehr sehen will, muss zahlen, um uneingeschränkten Zugriff auf das Angebot zu bekommen. Zimperlich sind die Anbieter nicht: Sie akzeptieren meist alle gängigen Kreditkarten.
Eine andere Variante sind Link-Seiten. Sie täuschen durch eine Vielzahl kleiner Vorschaubildchen vor, selbst ein überbordendes Angebot zu bieten - kostenlos. Klickt der Nutzer allerdings auf eines dieser Bildchen, landet er auf einer Bezahlseite, die ihn wiederum durch wenige Vorschaubilder zum Abschluss einer kostenpflichtigen Mitgliedschaft bewegen will.
Der Betreiber der Vorschalt-Webseite bekommt für jeden vermittelten Kunden eine Provision. Viele Vorschaltseiten verweisen gegenseitig aufeinander, bilden ein Netz - um den sogenannten Pagerank der Seiten nach oben zu treiben. Auf diese Weise stehen sie in Suchmaschinen weiter oben, sind also besser sicht- und schneller auffindbar.
Dubiose Seiten und Mails an die Behörden melden
Diesem Treiben der Kinderporno-Mafia auf die Schliche zu kommen, überfordert die Behörden meist. In der Operation "Himmel" werden die Ermittlungen noch Monate dauern, bis alle Fälle geklärt sind. Jetzt, da der Fall zum Ärger der Ermittler vorzeitig in der Öffentlichkeit bekannt wurde, könnten etliche Täter wichtige Spuren verwischen.
Wer immer im Internet auf Kinderpornografie stößt, sollte sich an die Behörden wenden. Wer es nicht tut, riskiert Strafen - der Besitz von Kinderpornos ist verboten und wird mit Geld- oder bis zu zweijährigen Haftstrafen geahndet. Aus welchen Beweggründen und wie man an die Bilder gekommen ist, ist dafür erst mal nicht relevant.
Auch Spam-Mails mit kinderpornografischen Darstellungen sollte man an die Ermittler weiterleiten und dann sofort löschen. Unter der E-Mail-Adresse info@bka.de kann man den BKA-Spezialisten Hinweise zukommen lassen.
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH