Von Annett Meiritz
Er ist untergetaucht, und versteht es, keine Spuren zu hinterlassen. Wer einschlägige Internetportale wie Facebook, Xing oder MySpace nach Jérôme Kerviel durchsucht, wird zwar schnell fündig - allerdings sind die angelegten "Profile" des mysteriösen Finanzjongleurs zu karg, um irgendetwas über ihn zu erfahren. Keine persönlichen Informationen, kein Foto, keine Hobbys, klägliche Vernetzung.
Internetportal Facebook: Bündelt die Kerviel-Fahnder
Zum Abend ist die Gruppe bereits auf fast 400 Mitglieder angewachsen - und minütlich kommen neue dazu. Sie tauschen neueste Artikel und Gerüchte aus. Das Konterfei Kerviels ist wie ein Fahndungsfoto an das virtuelle Whiteboard gepinnt. Die Frage, die alle beschäftigt, prangt direkt darüber: "Mais ou est il?????" - "Aber wo steckt er bloß?????". Antworten können die User in ihren Kommentaren nicht geben - bloß wilde Spekulationen ("In Panama"). Vergleiche mit dem bislang populärsten Bankbetrüger Nick Leeson sind besonders beliebt.
Mitleid gibt es kaum, dafür offene Bewunderung ("Respect pour Kerviel!"). Nur ein User weiß mitfühlend zu berichten: "Der Arme. Heute mittag hatte Jerome noch zehn Facebook-Freunde. Inzwischen sind es nur noch vier".
"Jérôme Kerviel Annerkennungs-Gesellschaft"
Doch das ist längst nicht alles: Es gibt einen Kerviel-Fanclub (allerdings erst mit einem Mitglied - dem Gründer selbst), die "Jérôme Kerviel Annerkennungs-Gesellschaft" (mit immerhin zehn Mitgliedern) oder auch die "Lets poke Jérôme Kerviel"-Gruppe, die zum kollektiven Facebook-Kontakten des populären Finanzbetrügers aufruft.
Auch auf dem Businessportal Xing ist der mutmaßliche Milliarden-Versenker registriert. Hier starteten Kerviel-Fahnder eine Art Wettbewerb, wer sich am Schnellsten ins zuvor wüstenartig leere Gästebuch einträgt. Sämtliche Posts sind von heute. "Erster ;-)" triumphiert User Pasquale um 16.55 Uhr. Ansonsten gibt es auch auf dieser Onlineplattform viele Bewunderer: "Grüße aus der Realwirtschaft and happy landings!" schreibt User Daniel. Xing-Nutzer Igor schreibt ein schlichtes: "Respect!" Auch Kai Martin beglückwünscht den untergetauchten Finanzjongleur: "Who the fuck is Nick Leeson... Félicitation".
Auch in der "Wikipedia" ist Jérôme Kerviels Bekanntheitsgrad von Null auf Hundert geschnellt. Besser gesagt von Null auf Eins. Denn Kerviel nimmt seit heute Nachmittag den Spitzenplatz in der Liste der "Größten Kapitalverluste aller Zeiten" ein. Name: Jérôme Kerviel, Jahr: 2008, Land: Frankreich, Arbeitgeber: Société Générale, Höhe des Verlusts: 4, 9 Milliarden Euro, wird fein säuberlich aufgelistet.
Und natürlich existiert auch schon ein kompletter Artikel über den mysteriösen Händler, inklusive Vita, Geburtsdatum und Monatsgehalt. Doch auch bei Wikipedia kommt die Weisheit der Vielen nicht hinter das Rätsel um Kerviels Aufenthaltsort: "Nach einem Treffen mit seinen Vorgesetzten verschwand Kerviel", heißt es lapidar.
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