25. Februar 2008, 08:46 Uhr

IT-Visionär Norman

"Viele Leute brauchen gar keinen Computer"

Dateien-Wirrwarr, verwirrende Menüs, viel zu viele Fenster: Computer-Visionär Don Norman findet die Programme von heute unmenschlich und überkompliziert. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die Zukunft des Computers - und dessen nahes Ende.

SPIEGEL ONLINE: Herr Norman, warum muss ich meinen Computer immer noch mit Maus und Tastatur steuern?

Norman: Sie meinen wohl: Wo bleiben denn die tollen Hightech-Spielzeuge - 3D-Brillen, Datenhandschuhe, Virtual-Reality-Welten - von denen wir in Science-Fiction-Geschichten lesen und die abenteuerlustige Forschungslabore ersinnen? Ich meine: Gott sei Dank sind die immer noch in den Forschungslaboren!

SPIEGEL ONLINE: Was stört Sie an solchen Dingen?

Norman: Es macht Spaß, mit ihnen herumzudaddeln. Aber wir sollten nur die Technologien umsetzen, die auch wirklich sinnvoll sind. Denn: Wir wollen nicht noch mehr Technik im Alltag. Wir wollen Dinge in einer natürlichen Weise erledigen und uns daran erfreuen. Deshalb sollten all diese wunderbaren Science-Fiction-Sachen ganz einfach Science-Fiction bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Also konkret: Wie kann ich meine E-Mails besser managen, Bild- und Musikdateien verwalten?

Norman: Das ist schon wieder eine falsche Frage. Was sie da aufgezählt haben, müssen wir doch nur tun, weil es uns die aktuelle Technologie abverlangt. Und sie ist nicht sonderlich hilfreich, uns dabei unter die Arme zu greifen. Deshalb müssen wir uns mit all dem so lange herumschlagen. Sie fragen: Wie finde ich etwas in all diesen Dateien? - Nun, warum haben wir überhaupt Dateien?

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte es anders sein?

Norman: Nehmen wir an, sie suchen ein Bild. Warum beschreiben Sie es nicht einfach? Wenn sie ein Internettool wie Flickr benutzen, dann machen sie genau das. Bei Flickr gibt es keine Dateien und Ordner. Sie geben einfach ein paar Schlagwörter ein und stöbern im Suchergebnis. So suchen wir auch bei uns zuhause. Ich habe meine Socken ja auch nicht in Ordnern sortiert.

SPIEGEL ONLINE: Tippen statt Zeigen - bedeutet das also einen großen Schritt zurück zur Kommandozeile?

Norman: Die Kommandozeile ist schnell. Man muss einfach eingeben, was man vom Computer will. Früher musste man dafür quasi eine eigene Programmiersprache lernen. Man musste sich enorm viel merken. Die grafische Benutzeroberfläche ist großartig, gerade weil man sich nichts merken muss. Aber sie funktioniert nur, wenn man aus wenigen Sachen auswählen muss. Nicht aus Dutzenden, Hunderten, Tausenden Dateien. Um ihre Fragen zu beantworten: Ja, wir kehren zur Kommandozeile zurück. Aber diesmal ist sie viel natürlicher und menschlicher.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Rolle spielen da Betriebssysteme?

Norman: Wen interessieren schon Betriebssysteme? Das ist das Ding, was unter der Haube läuft. Was ist das Betriebssystem in ihrem Fernseher? Das wissen sie nicht, das kümmert sie nicht. Sie wollen doch einfach nur fernsehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten sie Software wie Enzo, Quicksilver oder Googles Desktop Search, die mit Kommandozeilen experimentieren?

Norman: Diese Programme gehen in die richtige Richtung. Aber sie haben ein großes Problem: Sie verbessern nur ein bereits schlechtes System. Man sollte lieber ganz von vorne beginnen - ohne diesen massiven Computer, der allem zugrundeliegt. Das gilt übrigens auch für Browser. Die können viel zu viele Sachen. Schauen sie sich nur mal die obersten zehn Zentimeter im Browserfenster an. All diese Buttons und Tabs und Befehle, um die sich niemand Gedanken machen will…

SPIEGEL ONLINE: Kein Computer, kein Browser … wie dann?

Norman: Ich war schon immer ein Fan von sogenannten "Application-based Systems". Geräten, die nur eine Sache können. Handys sind so ein Beispiel. Ich würde gerne mehr Displays im Haushalt sehen, elektronisches Papier. Das E-Book-Lesegerät Kindle ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ein elektronisches Buch ist nur ein Buch - das wenig wiegt und es wirklich leicht macht, neue Inhalte dafür zu kaufen. Perfekt fürs Flugzeug, für den Zug. Ein anderes Beispiel: Navigationssysteme; die sind nichts anderes als elektrische Landkarten, die einem sagen, in welche Richtung man fahren soll. Das alles geht für mich in die richtige Richtung. Wenn ich etwas für meine Bücher zeichnen will, dann mache ich das mit einem Grafik-Tablett. Grafischer Input, ein perfektes Werkzeug für Künstler.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also eine technische Lösung für speziell jede Aufgabe. Bedeutet das nicht das Ende des klassischen Computers?

Norman: Ich hoffe! Aber die Entwicklung dahin ist langsam. Vor etwa zehn Jahren hab ich ein Buch geschrieben: "Der unsichtbare Computer", in dem ich diese Entwicklung vorhersagte. Es dauert ein wenig länger, als ich dachte, aber ich stehe noch immer hinter dieser Vorhersage. Ich glaube einfach, dass viele Leute gar keinen Computer brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie die Leute von der Welt abschneiden?

Norman: Viele Leute werden gezwungen, einen Computer zu benutzen. Einfach, weil es nichts besseres gibt. Kleine Tablet-Computer wären eine viel bessere Lösung für E-Mails. Der liegt in meinem Wohnzimmer, ich nehm ihn in die Hand, lese eine E-Mail, antworte, leg ihn wieder weg. Fürs Büro braucht man ein, zwei große Displays - praktisch wie die Papierstapel auf dem Schreibtisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie am liebsten arbeiten?

Norman: Ich schreibe gerne mit einer Tastatur. Andere wollen diktieren, andere mit einem (elektronischen) Stift etwas niederschreiben. Für jeden sollte es das richtige Hilfsmittel geben. Heute gibt es das nicht, jeder muss vor dieser geistlosen Maschine sitzen und Maus und Tastatur verwenden. Für Fotos eignet sich Microsofts Table. Ich sitze vor diesem riesigen Display und verschiebe Fotos, vergrößere sie, ordne sie in Stapeln. Alles mit meinen Händen. Das geht ziemlich intuitiv und natürlich.

SPIEGEL ONLINE: Bei Computerspielen gibt es so etwas ja schon: Lenkräder für Rennspiele, Joysticks für Flugsimulationen.

Norman: Sehen Sie: Es gibt nicht nur eine Antwort. Es gibt viele Antworten, je nachdem, was ich tun will, wie ich etwas erreichen will. Virtuelle Realitäten in 3D sind da nur eine Möglichkeit. Second Life ist ein interessantes Experiment. Vielleicht, weil es genau das ist, worüber viele Science-Fiction-Autoren seit Jahren schreiben. Aber es wird nur einige Anwednungsfälle geben, wo so eine Welt wirklich praktisch ist.

Das Interview führte Felix Knoke


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