17. Dezember 1999, 17:50 Uhr

Superhelden im Netz

"Gedruckte Comics haben keine Zukunft"

Von Frank Patalong

Papier ist tot - und bald auch das Comicheft, sagt Stan Lee, seit den Sechzigern Mastermind hinter den martialischen Marvel-Superhelden. Jetzt verlegt er sich auf das Internet, will dort Synthesen aus Comic und Animation schaffen - und sucht sein Glück an der Börse. Bleibt nur eine Frage: Ist das die Zukunft des Genres - oder der letzte Sargnagel?

Comiczeichner Lee hat sich endgültig ins Web verabschiedet
STANLEE.NET

Comiczeichner Lee hat sich endgültig ins Web verabschiedet

Unter Comic-Fans war Carlsen Kult, seit langem schon. Einer breiten Öffentlichkeit wurde der Verlag aber erst 1998 bekannt, als er durch eine anhaltende Finanzkrise in die Schlagzeilen geriet. Dem Genre der Comichefte, las man im Feuilleton von "Hamburger Abendblatt", "Süddeutsche Zeitung" bis zur "Frankfurter Rundschau", ging finanziell und Auflagenmäßig die Puste aus. Die bunten Alben fanden keine Leser mehr.

Dafür gab es Gründe: In den frühen neunziger Jahren entdeckte eine Generation von mit Comics sozialisierten, erwachsenen Lesern die Kultur im Comic - und erhob das bunte ehemalige "Groschenheft" vom Schund zum Kult. Die Verlage reagierten mit immer ambitionierteren, künstlerisch anspruchsvolleren Editionen. Das hatte seinen Preis, in mehr als einer Hinsicht. Zum einen vergaßen die Verlage zusehends die junge Leserschaft, zum anderen stiegen die Preise auf ein Niveau, dass sich Kinder und Jugendliche sowieso nicht mehr leisten konnten. Comics zogen vom Kiosk in die Auslagen des Buchhandels.

Doch damit nicht genug. Im November 1998 brachte Andreas C. Knigge in einem Artikel in der "Frankfurter Rundschau" die Sache auf den Punkt: "Konkurrenz erwuchs den Alben vor allem durch das in den vergangenen Jahren stark gewachsene Angebot an Abenteuer- und Zeichentrickserien im Privatfernsehen. Auch Videospiele bieten ähnliche oder sogar die gleichen Figuren und Themen wie die Comics und sind für Kids, die mit dem PC aufgewachsen sind, ungleich attraktiver."

So kann man das sehen: Lara Croft kills the Comic-Star. Doch schnell fanden sich Verlage, die diesen Trend erkannten. Namentlich der Stuttgarter Dino-Verlag begann, sich mit Verve auf das "Crossmarketing" von Zeichentrickfilm und Comic zu stürzen. Erst die Serie, dann das Comic: Dino wurde zum Shooting-Star der Branche, ein Medium bewarb das andere. Das verschlief auch der ebenfalls in Stuttgart ansässige Egmont Ehapa-Verlag nicht lang: Der befruchtende Effekt des Zusammenspiels von TV und Comic war den deutschen Verlegern der Disney-Comics ja nicht fremd. Ein neuer Trend entstand: Weg von "Kunst-Comics", hin zu populären, vor allem durch das Fernsehen bekannt gemachten Figuren für jüngere Zielgruppen.

Lara Croft: Eine zu schlagkräftige Konkurrenz für das Comic?

Lara Croft: Eine zu schlagkräftige Konkurrenz für das Comic?

Und es ging zurück zum Actionhelden, zum Superhelden, zum brutalen Gewaltcomic für Jugendliche. Der Trend wurde für fast alle Verlage Programm, die Krise schnell überwunden. "Dieses Jahr", meint dazu Joachim Kaps, seit Andreas C. Knigges unfreiwilligem Abgang Cheflektor von Carlsen, "verzeichnen wir Zuwachsraten von mehr als 30 Prozent. Die Krise ist vorbei."

Wirklich? Einer, der es eigentlich wissen müsste, glaubt das nicht: Stan Lee, Schöpfer des "Spiderman", über Jahrzehnte Mastermind hinter den martialischen Marvel-Comics. Lee hat sich "endgültig" aus der Welt der bunten Hefte verabschiedet. "Gedruckte Comics", sagt er, "haben keine Zukunft". Was nicht heißen soll, dass er nicht fortfährt, muskelbepackte Superhelden garstig-monströse Superschurken mit einem dumpfen "THUD!" in die Ohnmacht befördern zu lassen. Nur soll man das trockene "THUD!" künftig auch hören können.

Denn Lee hat seine Aktivitäten ausschließlich auf das Internet verlegt. Im Januar, kündigt seine "Stan Lee Media Inc." marktschreierisch an, gehe "Stanlee.net" online - mit Action, Action, und noch einmal Action. Bewegt soll das sein, vertont - eine Synthese aus Comicstrip, Trickfilm und cartoonesker Animation. "Bisher einmalig" sei es - so meint er - dass exklusiv für den Internetauftritt mit "7th Portal" ein Comic nur für das neue Medium entstehe.

Obelix gehört zu den "Zugpferden" von Ehapa
EHAPA

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Doch da ist er auf dem Holzweg. Anna Berling, Chefredakteurin der Comicredaktion bei Dino, weiß, dass das auch schon von anderen versucht wurde: "Warner brachte in den Staaten das Matrix-Comic als rein virtuelles Produkt. Da riefen bei uns Fans an, die fragten, wann es das denn gedruckt gäbe. Eine Nachfrage nach einer deutschsprachigen Website gab es nicht."

Marion Egenberger, Sprecherin von Egmont Ehapa, sieht das ähnlich: "Wenn Lee glaubt, Comics nur elektronisch anbieten zu könen, dann hat er seine Rechnung ohne die Sammler gemacht! " Und Joachim Kaps vom Carlsen-Verlag hält Lees Strategie gar für "den besten Weg, bald nicht mehr am Markt präsent zu sein. Reine Internet-Comics können gegen Trickfilme nicht bestehen. Animierte Comics im Web wären weder Fisch noch Fleisch."

Comics waren über Jahrzehnte das "Jugendmedium" schlechthin. Nun haben sie virtuelle Konkurrenz bekommen. Mit welchen Strategien reagieren Deutschlands Verlage darauf? weiter ...


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