Von Helmut Merschmann
Etwas verlegen steht Shaun White im Bild herum und schlackert mit den Armen, kratzt sich an der Seite und fordert den Zuschauer auf, irgendetwas anzuklicken. Im Hintergrund ist eine Liste mit Icons zu erkennen, hinter denen sich Videos mit Verhaltenstipps "für die Schule und darüber hinaus" verbergen.
Skateboard-Stunt: In Werbeclips kann man Shaun White über Statisten springen lassen
Klickt man aber die Videofenster an, sieht man interaktive Werbevideos, mit denen der Konzern HP seiner Kampagne "The Computer is personal again" im Netz einen jugendlichen Anstrich geben will.
Viele Markenhersteller sind auf diesem Gebiet aktiv. Sie lassen den Konsumenten die Freiheit, durch ihre Klicks selbst zu bestimmen, welche Episode als nächstes gespielt wird oder welchen Verlauf die Handlung nimmt. Ein Produktbezug ist oftmals gar nicht zu erkennen. Die Masche ist trotzdem Trend: Wenn Werbung Wirkung zeigen soll, muss sie gerade im Web vor allem Spaß machen.
Skateboard-Tricks, Biergeschichte und Partypannen - SPIEGEL ONLINE zeigt die witzigsten interaktiven Werbevideos im Netz.
Ein Skateboard-Star lässt sich durchkitzeln
Viel Sinn ergeben die lustig gemeinten, englischsprachigen Videos des kalifornischen Snow- und Skateboard Shaun White nicht. In der Video-Episode elf "Life is better with a soundtrack" spielt Shaun White das Mitglied einer erfolglosen Band beim Vorspielen vor einem Musikproduzenten.
Der vermeintliche Nonsens hat dabei Entertainment- wie Werbe-Wert: Er verbindet die beworbene Marke in Filmform mit der Lebenswelt der umworbenen Zielgruppe
Episode 32 mit dem Titel "Im Chemie-Unterricht besser aufpassen" zeigt den 22-Jährigen, wie er mit seiner Clique auf einen Überwachungsmonitor starrt. Darauf läuft - offenbar live – der zum Scheitern verurteilte Versuch eines Freundes, im Garten ein Mädchen anzugraben. Und in Episode 55 wird Shaun auf dem Sofa durchgekitzelt – passend zum Thema: "Vergiss nicht, Spaß zu haben."
Ob Teenager und Twens solche abgestandenen Tipps wirklich nötig haben, bleibt dahingestellt. Doch die Clips der HP-Werbekampagne " The Computer is personal again" sehen ganz witzig aus.
Krieg’ das Mädchen
Genau darauf setzt auch die Werbung für den Schokoriegel Twix. Die interaktive Liebesgeschichte " Get the Girl" spielt auf einer Party, wo einem jungen Typen von einer hübschen Frau das Ohr mit klugem Geschwätz abgekaut wird.
Halb Soap-Opera, halb Videospiel: Twix buhlt in OC-Optik und entsprechendem Setting um die Zielgruppe
Gute Frage. Der Zuschauer, der in die Rolle des jungen Eroberers schlüpft, hat nun die Möglichkeit, sich zwischen einer oberflächlichen und einer tiefsinnigen Antwort zu entscheiden. Die Handlung nimmt jeweils einen unterschiedlichen Verlauf.
Nur so viel sei gesagt: Die Geschichte kann ein erfolgreiches Ende nehmen. Durch geschicktes Lavieren und das Ausstechen von Konkurrenten gelingt es dem Don Juan, seine Angebetete schließlich zu erobern. Unabhängig davon, wie realistisch dieser Feldzug ist, überzeugt seine Umsetzung.
... und lässt sie im Dienste des höheren Zweckes nach Kräften flirten: Es geht natürlich darum, das Image trockener Kekse mit Karamell und Schoko-Hülle zu verbessern
Bei jeder schwerwiegenden Entscheidung zieht der Protagonist erstmal einen Schokoriegel und kaut genüsslich darauf rum, solange bis sich der Zuschauer für eine Wahlmöglichkeit entschieden hat und die Story weitergeht. Wer bislang dachte, Schokolade sei Ersatznahrung für Sex, wird hier eines Besseren belehrt.
Ins Mikro brüllen, damit Tore fallen
Der Hygieneartikelhersteller Unilever hat sich ein komplettes interaktives Spiel einfallen lassen, um seine Deo-Serie "Rexona Men" unters Netzvolk zu bringen. Bei "Ocho Reclutas" (acht Rekruten) bewirbt sich der Spieler dafür, die mexikanische Nationalmannschaft zur Fußballweltmeisterschaft zu begleiten. In der düsteren Kulisse eines Polizeireviers geht es als erstes hinunter in ein Kellerverließ, wo man von einem Agenten im weißen Hemd grimmig angestarrt und aufgefordert wird, ein Mikro an den eigenen PC anzuschließen und möglichst entschlossen und lautstark "Tooooooor" zu brüllen.
Je nach Pegelausschlag, geht es dann weiter zur nächsten Aufgabe. Dort muss der Spieler einige Fragen beantworten, beispielsweise die mexikanische Nationalspieler identifizieren. Am Schluss kann man sich über seine Punktzahl informieren und darüber, ob man zu den Rekrutierten gehört. Ein Bezug zum umworbenen Produkt ist bei "Ocho Reclutas" nicht einfach zu erkennen. Allenfalls wer hier ins Schwitzen geraten ist, hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich unangenehme Körpergerüche künftig vermeiden lassen.
Das Mittelalter-Bier
Ganz neu ist die Idee, Konsumenten durch gewitzte Klicks an sich zu binden, natürlich nicht. Interaktive Werbeformen gibt es seit langem, sie verbreiten sich momentan jedoch rasant. Im Gegensatz zu interaktiver Fernsehwerbung, von der die Branche träumt, ist mit dem Klick im Netz zunächst jedoch keine Kaufentscheidung verbunden. Er ist gratis und dient der Unterhaltung. Und nebenbei kann man manchmal auch etwas lernen.
Ganz schön alt wirkendes Pseudo-Kino: Auch Stella Artois kommt seinen Kunden cineastisch
Um das beste Bier zu brauen, ist hier die Mithilfe des Spielers gefragt. Tradition kommt schließlich nicht von ungefähr.
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH