03. November 2008, 16:44 Uhr

Web-Wahlkampf

Die Stunde der Statistiker

Von Tobias Moorstedt

Umfragen ohne Ende, Statistiken bis zum Abwinken und minütliche Trend-Updates per Twitter und iPhone: Die US-Präsidentenwahl ist ein mathematisches Großereignis. Die Beschäftigung mit den Zahlenspielen der Statistiker ist in den USA zum allgemeinen Zeitvertreib geworden.

Ein Morgen in New York City. Verschlafen trottet man um acht Uhr in die Küche. Setzt Kaffee auf. Zisch! Schaltet den Laptop ein. Di-Ding! Das rote Lämpchen der Kaffeemaschine und die grüne Diode des PC leuchten in Eintracht. Der Tag beginnt, und auf dem Bildschirm tauchen die ersten Zahlen auf, die uns sagen sollen, ob es ein guter Tag wird, oder ob die Welt doch schon heute untergeht. Die Börse in London: minus 200 Punkte. Die US-Wahl: neue Umfragen aus Virginia und Pennsylvania, McCain holt 0,9 Prozent auf. Das Wetter: 18 Grad, wechselhaft. Aus diesen Zahlen und Parametern errechnet sich dann jeder seinen individualisierten Index – bis der Markt schließt, bis endlich gewählt wird, bis uns der Himmel auf den Kopf fällt.

Die Welt verwandelt sich in Mathematik – auf Web-Seiten wie RealClearPolitics (RCP) oder Pollster kann man jeden Tag bis zu zehn neue landesweite Wahlumfragen abrufen, sowie die Prognosen und Statistiken für die Battleground-States und die einzelnen Wahldistrikte. RCP ist der Nexus des politisch-medialen Komplexes. Hier holen sich Journalisten, Strategen und TV-Analysten ihren minütlichen News-Fix – in gewisser Weise macht die Web-Seite aber gerade diese Experten und Mittelsmänner überflüssig. Denn auf RCP erfährt der einfache Wähler/Medien-Konsument jede noch so marginale Entwicklung. Vielleicht ist das der Grund, warum die Menschen in der U-Bahn schon so klingen wie die Talking Heads der Nachrichtensender: "Obama didn't close the deal", Obama hat es noch nicht geschafft - "But for McCain it is an uphill battle", aber McCain kämpft mit dem Rücken zur Wand.

Google News Alert oder der rasende Election Thread von Twitter liefern ein Echtzeit-Update der Nachrichtenlage. Ein Wahl-Widget bringt die Zahlen direkt auf den Desktop – und wer den Computer doch mal für ein paar Minuten verlassen muss, kann sich die Umfragen auch aufs iPhone schicken lassen - "damit man nicht zu lange im politischen Vakuum steckt", wie die Macher es formulieren. Heute blicken die Menschen auf dem Times Square in New York nicht mehr zu dem überdimensionalen Nachrichtenticker auf, der zwischen zwei Wolkenkratzern hin und her läuft, ein gelber, glühender Strom des Jetzt. Heute hat jeder seinen Nachrichtenticker im Kopf.

Der empirische Overkill suggeriert Verlässlichkeit und penible Analyse – schafft aber eigentlich nur eine große Unübersichtlichkeit. Die Zahlen liefern keine Antworten, sondern werfen Fragen auf: Stimmen die Umfragen? Gibt es den Bradley-Effekt? Kann McCain neuen Schwung herbeireden? Verwirrt es nicht die Wähler, wenn alle vor der Wahl schon über das vermeintliche Endergebnis sprechen?

Und vor allem: Wird alles gut?

"Poll Paranoia" (Poll = Umfrage) könnte man diese fundamentale Unsicherheit auch nennen. "Wir müssen jede neue Information in unser Weltbild integrieren", erklärt ein Psychiater, der eine Praxis an der Upper East Side hat. In diesem Wahlkampf würden die Menschen sehr oft mit widersprüchlichen Daten konfrontiert: "Irgendwann gerät die Welt ins Wanken." Bis heute gab es 2008 mehr als 720 landesweite Umfragen zu den Präsidentschaftswahlen – 215 allein im Oktober. Im gesamten Wahlkampf 2004 wurden nur 239 Umfragen durchgeführt. Außerdem, meint der Experte, haben viele Leute nach dem knappen und dubiosen Ausgang der vergangenen Wahlen einfach "auch Angst vor der letzten Zahl". "Manche können an nichts anderes mehr denken – sie reden die ganze Sitzung davon, was sie auf CNN gesehen haben." In New York fragt man sein Gegenüber schon lange nicht mehr "How are you", wie geht es Dir, sondern "How are we doing?", wie stehen unsere Chancen?

Wähler sind in diesen Tagen Studienobjekte und Analysten zugleich – die Bürgerpflicht besteht anscheinend nicht mehr nur in der Stimmabgabe, sondern auch darin, das "big picture" im Auge zu behalten. Die beliebteste Seite in der Wahlnacht wird wohl Fivethirtyeight (538) sein - die Zahl steht für die Zahl der Stimmen im Electorate College der USA, das sind die vom Volk gewählten Wahlmänner die über den Präsidenten abstimmen, eine Besonderheit des indirekten Wahlrechts der USA.

Für 538 haben zwei Computer-Nerds ihre Erfahrungen mit Baseball-Statistiken dazu genutzt, um aus der Masse an Statistiken die wahrscheinlichsten Ergebnisse zu errechnen. Umfragen sind so beliebt, weil sie eine alte Menschheitsfrage zu beantworten scheinen: Was wird passieren? Sie versprechen Sicherheit in der Unsicherheit – und 538 liefert mit einer Unzahl an Grafiken, Tabellen und Daten-Wolken nicht nur eine hochpotente Droge für News-Junkies, sondern trifft auch so prägnante Aussagen wie: "Die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg Obamas in Virginia bei gleichzeitiger Niederlage in Ohio beträgt 67,3 Prozent."

Ausgestattet mit diesem Wissen geht der Poll-Paranoiker dann zum " Political Dashboard" - einer Amerikakarte, bei der man mit ein paar Mausklicks die möglichen Wahlergebnisse durchspielt – klickt Staaten blau (Demokraten) und rot (Republikaner), sondiert "the way to victory" für seinen Kandidaten. Rot, Blau-Rot, Blau, Rot, Klick, Klick – viele Wähler verbringen ganze Nächte vor dem digitalen Orakel. Bis irgendwann der Tag der Wahl anbricht.


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