21. Juli 2009, 19:34 Uhr

Telefonwerbung

Vodafone-Kampagne treibt Bloggerin zum Ausstieg

Von Christian Stöcker

"Schnutinger" will nicht mehr bloggen. Die junge Mutter war von Vodafone für eine Werbekampagne angeheuert worden, mit der Handyverträge verkauft werden sollen. Deutschlands Blogosphäre reagierte unwirsch bis bösartig. Ein Lehrstück über missglückte Öffentlichkeitsarbeit im Web 2.0.

Den Marketingstrategen von Vodafone ist es womöglich in Wahrheit gar nicht so wichtig, was deutsche Blogger von ihnen halten. Sie wollen mit ihrer Kampagne "Generation Upload" ja vermutlich nicht diejenigen erreichen, die ohnehin schon eine Internet-Flatrate fürs Handy haben (und dazu vermutlich ein iPhone, beides von der Konkurrenz mit dem T), sondern eben diejenigen, die bislang noch nicht so viel Geld für mobiles Surfen ausgeben. Ganz normale Leute.

Vodafone-Blogeintrag: "Tolles Ding, mit wenig Knöpfen dran"

Vodafone-Blogeintrag: "Tolles Ding, mit wenig Knöpfen dran"

Deshalb zeigt der Vodafone-Spot mit dem Titel "Es ist Deine Zeit" dynamische Menschen in Alltagssituationen, die lächelnd irgendwas mit Hightech-Spielzeug machen. Von Hochhäusern springen und sich dabei mit dem Handy filmen zum Beispiel. Dynamische Menschen, die den meisten der potentiellen Vodafone-Kunden vermutlich völlig unbekannt sind.

Einer davon ist Sascha Lobo, der schnurrbärtige Twitterprediger mit dem magenta(!)farbenen Irokesenschnitt. Lobo ist selbst Werber, Geldverdienen mit Blogs und anderen Internet-Aktivitäten ist sein erklärtes Ziel - es war also nicht weiter verwunderlich, dass er sich nun einem Telekomriesen für eine Werbekampagne zur Verfügung stellte.

Noch weniger bekannt als Lobo, der immerhin schon in diversen Talkshows saß, ist dem typischen potentiellen Vodafone-Kunden zweifellos Ute Hamelmann. Sie taucht auch in dem Spot auf, mit einem Baby und einem Laptop lümmelt sie auf einer Wiese, als glückliche, dauervernetzte junge Mutter. Hamelmann bloggte, genau wie Lobo, war also auch als Vertreterin der "Generation Upload" für die Kampagne eingekauft worden. Als "Schnutinger" zeichnet sie knuddelige kleine Cartoons (einige davon gibt es auch als Buch zu kaufen), sie schrieb Blog-Einträge und machte ab und an Podcasts. Man beachte das Präteritum: Hamelmann hat am Dienstag ( per Blog-Eintrag) bekanntgegeben, dass sie "nicht mehr Web 2.0 machen" möchte. Sie hat keine Lust mehr, Zielscheibe von ständiger Netz-Häme sein.

"We can beat them"?

Schon seitdem der Spot mit Lobo und Hamelmann - dessen unangenehmster Aspekt übrigens der grausame Umgang mit David Bowies "Heroes" ist - gesendet wird, hagelt es aus der deutschen Blogosphäre Kritik. Eine Szene, die das eigene Wirken wenigstens teilweise als Rock'n Roll'mit Wörtern wahrnimmt, empörte sich über Ausverkauf, verratene Ideale und letztlich sogar Verbrüderung mit dem Feind. Weil Sascha Lobo sich gegen das von der Leyensche Internet-Filtergesetz starkgemacht hatte, nun aber ausgerechnet für Vodafone wirbt, ein Unternehmen, das sich mit von der Leyen schon vor der Verabschiedung des Gesetzes prinzipiell aufs kooperative Filtern geeinigt hatte. Da passte es irgendwie nicht, dass Lobo im Spot ernst unter seinem Hahnenkamm hervorblickt und die "Heroes"-Zeile "we can beat them" in die Kamera spricht, was ja irgendwie revolutionär und gegenkulturell klingt.

Falls die Vodafone-Strategen tatsächlich gehofft haben sollten, dass die Internet-Prominenz in der eigenen Kampagne die deutsche Netz-Avantgarde fürs eigene Produkt würde begeistern können - das hat ganz augenscheinlich nicht geklappt. Was auch nicht anders zu erwarten war. Wer Bloggen cool findet, findet internationale Großkonzerne und ihr Gewinnstreben ganz prinzipiell eben eher nicht cool. So ist das eben, schließlich geht es um Gegenkultur, und ums Authentischsein.

"Was ist denn das für ein Bullshit?"

Doch mit der kurzen Aufregung über den Spot war die Sache nicht getan. Als Hamelmann/Schnutinger vor einigen Tagen einen Eintrag fürs Werbe-Blog von Vodafone verfasste, in dem unter anderem ein von Vodafone vermarktetes Telefon kräftig gelobt wurde ("Tolles Ding, mit wenig Knöpfen dran"), gewissermaßen ein Anti-iPhone des Herstellers HTC, platzte so manchem der Kragen. Der erste Kommentar unter dem Blogeintrag, verfasst unter dem Pseudonym "Vodafail", lautete: "Was ist denn das für ein Bullshit? Wollt ihr uns verarschen?"

Danach wurde es schlimmer.

Inzwischen stehen fast 200 Kommentare unter dem Eintrag, viele davon lang, viele hämisch bis bösartig, ein paar seltsam lobend ("Mich interessiert, mit welchen Telefonen meine Freunde telefonieren und welche Erfahrungen sie mit anderen Communitys gemacht haben!"). Vodafone-PR-Leute meldeten sich namentlich zu Wort, versuchten, ein bisschen Gift aus der Debatte zu nehmen, was die Kritiker nur noch wütender machte. In den Kommentarspalten anderer Blogs ging die Diskussion weiter, Hamelmann verteidigte sich, wurde persönlich angegriffen, andere bekannte Blogger sprangen ihr bei, es ging hin und her - nur über die Frage, wie gut das Telefon von HTC oder wie toll die Tarife von Vodafone sind, wurde eher nicht mehr gesprochen. Mit anderen Worten: Das Ganze eskalierte auf eine wohl auch für hartgesottene Vermarkter wenig angenehme Weise.

Noch unangenehmer allerdings war es offenbar für Hamelmann. Ihr bleibe nun nur noch eins, schrieb sie nun in ihr Blog, "der Rückzug". Das Ganze sei "eine Erfahrung mehr im Leben, auf die ich allerdings mit einem fünf Monate alten Babysöhnchen durchaus gerne verzichtet hätte, tja selbst schuld, ich weiß".

Für reichlich Aufregung hat die Kampagne also inzwischen gesorgt (und zwar nicht wegen der fürchterlichen Bowie-Vergewaltigung).

Nur die ganzen potentiellen Vodafone-Kunden, die nun aber bitteschön endlich Flatrate-Verträge für neue Handys abschließen sollen, haben von alldem vermutlich gar nichts mitbekommen.


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