Von Felix Knoke
Seine hundsgemeinen Videos sind legendär: Santeri Ojala nimmt als StSanders alte Rocklegenden auseinander und kämpft dabei ständig gegen die Löschung durch YouTube und Plattenfirmen. Doch längst sind seine Shred-Videos etabliert - zahllose Shredder haben StSanders Erbe angetreten.
In diesem Kontext hat "shredden" eine etwas andere Bedeutung als sonst in der Rockmusik: Normalerweise bezeichnet man damit ein extrem schnelles Gitarrenspiel. Aber "shredden" bedeutet eben auch zerfetzen - und genau das tun die Videos mit dem hehren Image der Stars: Sie zerfleddern deren Performance und entzaubern sie so.
Santeri Ojala hat mit seinen Internetvideos der Rockmusik bleibenden Schaden zugefügt und das Andenken an die Gitarrenhelden ferner Zeiten beschmutzt. Seit zwei Jahren nimmt sich der Finne alte Live-Videos von Joe Satriani, Metallica, AC/DC vor, um sie mit seiner eigenen Tonspur zu überspielen.
Das macht er nicht etwa schlecht oder amateurhaft oder gar lustig. StSanders ist gemeiner. Was er in die Hand nimmt, verkommt zu nicht viel mehr als einem peinlichen bisschen Musik. In seinen Versionen ist das Publikum der schweigende Hallraum des unfassbaren Mittelmaßes, das gerade auf der Bühne präsentiert wird. StSanders spielt seine Licks, Riffs und Breaks so schrecklich uninspiriert, zwingt Ozzy Osbourne ein zum Schreien schiefes Klatschen auf (bei gleichzeitig größter, debil grinsender Begeisterung), jubelt AC/DC ein bisschen Zirkusmusik unter, wenn sie ein Bühnenmonster beschwören, dass man weiß: Jetzt ist gerade etwas kaputtgegangen.
Zwischen Dekonstruktion und Diffamierung
Ojala hat mit der Rockmusik, endlosen Gitarrensoli und selbstverliebten Saitengöttern besser aufgeräumt, als es eine Indie-Generation Musikkritiker geschafft hat. Bei StSanders riecht Achselschweiß und Löwenmähne nicht nach Bühnenabenteuer, stoned & crazy on the road, sondern nach - eben, Achselschweiß und Löwenmähne in Lederhosen. StSanders entblößt die Posen und lässt nicht mal mehr einem ironischen Ansatz Boden. Er zeigt, was Page, Santana, Satriani und Slash auch sehen kann: Als Taschenspieler, die zu viel Zeit zum Üben hatten.
Dass die Zeit der Sologitarre gerade weit in der Vergangenheit liegt, macht es dabei umso schöner, den Gitarrenhelden beim Scheitern zuzusehen. Kaum wundert es dabei, dass das gequälte Geklimper an die Rockavatare im Gitarrenspiel "Guitar Hero" erinnert. Spielen die falsch, klingt's auch nicht schief, sondern einfach nur unendlich dünn.
Überzeugen Sie sich auf den nächsten Seiten selbst: Mögen die Finnen auch das Luftgitarre-Spiel im Herzen haben - die alten Helden sind die Meister der Heiße-Luft-Gitarre. (Und keine Sorge: Auch Klassik- und Tango-Helden bekommen ihr Fett weg.)
Jake E. Lee shreds
Dass man überhaupt so schief und schrecklich klatschen kann, ist eine Erkenntnis, die die Welt StSanders zu verdanken hat. Aber es ist immerhin passend zu dem furchtbaren Geschrammel, das man Jake E. Lee hier untergejubelt hat. Achten Sie darauf, wie sehr StSanders auf Synchron-Spiel achtet! Höhepunkt ab Minute 2:35
Ein Highlight: Kiss shreds
Katastrophaler Drummer, peinliche Sänger, zweifelhaft durchrockender Gitarrist - wenn StSanders mitsingt, ist das zwar nicht so lustig wie seine Gitarrensoli, aber in seiner ganzen Tristesse immer noch gut für einen kleinen Internethit.
Steve Vai shreds in Denver
Ein Musikvideo von Steve Vai galt Santeri "StSanders" Ojala als Inspiration für seine "XY shreds"-Reihe. "Steve Vai shreds in Denver" ist dementsprechend auch ein goldenes Beispiel für die hohe Kunst StSanders: höchste Erwartungen großartig zu enttäuschen.
Stümperhaft: Metallica shreds
"Das abzumischen hat fast schon zu viel Spaß gemacht", schreibt StSanders auf seiner alten Website, auf der er einige Shred-Videos sammelt. Wie wahr, das Ergebnis ist so nah dran am Original, dass man bei Minute 1:30 vor Scham zu weinen beginnen kann.
Titel: Santana shreds
StSanders' ganzes Können: Eine annähernd rockende Gitarre, willenlose Drums, ein unsägliches Keyboard, ein Arrangement aus der Proberaumhölle.
Sakrileg: Paco De Lucia shreds
Paco De Lucia gilt als Großmeister der Flamenco-Gitarre und macht ihn damit zum perfekten Ziel für StSanders' Spott. Das spärlich begeisterte Publikum und die Rhythmus-Einheit reiten das kranke Pferd nach Hause.
Der Meister persönlich in Aktion: StSanders vs Slash (Live im Fernsehen)
Dass ein Gitarrengott sich einmal im Fernsehen mit einem dahergelaufenden Internetbanausen (= Santeri Ojala) musikalisch duellieren muss, hatte sich Slash von Guns N' Roses wohl auch nie erträumen lassen. Aber: Wer ist hier der Sieger?
Toto shreds (aber nicht mit StSanders)
Zwar hatte YouTube sich im Namen der Rechteinhaber der geschundenen Videos gegen StSanders gestellt und seine Videos gelöscht - doch Fans der Klampferei haben die Videos längst zigfach kopiert und eigene hinzugestellt. "Shredden" hat sich längst etabliert, wie dieses Video zeigt.
John Williams shreds
Das ist zwar weder ein klassischer Shred noch einer von StSanders, sondern vielmehr ein Mash-up, also Zusammenschnitt des unfassbaren Portsmouth Sinfonia Orchesters mit einer Videoaufnahme von Soundtrack-Komponisten John Williams, aber genau deshalb die Ausnahme wert.
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