01. November 2009, 07:03 Uhr

Web-Video-Trends

Kommerz kickt Kult und Kinder

Von Frank Patalong

Krude Tanzeinlagen und peinliche Jedi-Nachmacher: YouTube war bislang die Spielwiese für Amateurfilmer - die mitunter zu Online-Weltstars avancierten. Doch zusehends mutiert das Web-Video zum Kommerzmedium, die Profis entern das Internet-Fernsehen.

Am Samstag, dem 24. Juni 2009, verlor Judson Laipply seinen Titel. Der Star eines YouTube-Filmchens, das mehr als zwei Jahre das populärste Web-Video überhaupt war, wurde überholt. Seit 2006 kursiert sein "Evolution of Dance"-Video im Internet und brach dort Rekorde in Reihe. Über 129 Millionen Mal wurde allein die Originalversion bei YouTube aufgerufen.

Nun aber hatte die Tanzlehrstunde ihren Höhenflug beendet. Und wie es sich gehört, setzte sich ein Video an die Spitze, dem man das eigentlich nicht zutrauen würde. Zwei Kleinkinder sind darauf zu sehen, Harry and Charlie Davies-Carr aus Großbritannien. Ein Paar niedlicher Wonneproppen, die für Papa und seine Kamera posieren - profan, sollte man meinen (siehe Video unten).

Der ältere Harry steckt dem kleineren Charlie den Finger in den Mund, und der beißt mit der ganzen Kraft seiner wenigen Zähne zu. Tränen fließen, und doch endet das alles auf rührende Weise versöhnlich. So sehen Baby-Erinnerungen aus, die sich jeder gern ins Multimedia-Archiv stellen würde.

So sieht das aktuell erfolgreichste Web-Video aller Zeiten aus? Die Geschichte von Harry und Charlie ist eigentlich eher typisch für die seltsamen Erfolgsgeschichten der frühen Web-Videoszene. Die meisten Akteure wurden dort versehentlich oder gegen ihren Willen zu Stars. Zum Prototypen dieser ersten Garde wurde Ghyslain Raza. Dessen höchst privates "Star Wars Kid"-Video veröffentlichte ein fieser Klassenkamerad bei KaZaA - und machte Raza damit zum Gespött eines weltweiten Publikums.

Brolsma und Co: Erfolgreiche Web-Videos der ersten Generation

Ihm folgte bald der Numa-Numa-Sitztänzer Gary Brolsma (siehe Video unten), dessen Gezappel ein ganzes Genre von Web-Videos begründete. Im Gegensatz zu Raza erholte sich Brolsma relativ schnell vom Schock seiner plötzlichen Popularität - und lebt seither leidlich gut davon. Er ist bis heute eine der Ikonen der Online-Kultur, sein Video soll laut dem Guinness-Buch der Rekorde auf allen denkbaren Videoplattformen über 700 Millionen Mal gesehen worden sein:

Eine äußerst steile Schätzung mit Web-typisch fragwürdiger Zahlenbasis, doch Schwamm drüber: Fraglos ist das Video eines der bekanntesten originären Web-Videos und hat die Wahrnehmung, wie Bewegtbild im Web aussieht, über Jahre mit geprägt. Und nicht nur das: Das ursprünglich bei Newgrounds veröffentlichte Filmchen verpuffte dort zunächst noch relativ unbemerkt. Es legte aber später den Grundstein für den Erfolg einer Videoseite der dritten Generation, auf der es im Herbst 2005 erneut auftauchte: YouTube.

Diese Kopie einer Kopie des Konzepts Web-Videoseite setzte sich 2005 gerade deshalb schnell von der etablierten Konkurrenz ab, weil die Web-Filme dort besonders unprofessionell und handgestrickt waren. YouTube avancierte zum Community-Portal der Web-Videoseiten - eine Art Online-Bürgerfunk. Die Plattform ist seitdem das erfolgreichste Web-Videoangebot der Welt.

Profis auf dem Vormarsch

Damit ist YouTube auch ein Gradmesser für die Entwicklung der Szene - und für das, was die Masse der Nutzer bei Web-Videos goutiert. Ein Blick in die ewigen Top-Filme bei YouTube offenbart daher vor allem eines: Erfolgreich sind nicht mehr nur die handgestrickten, unfreiwillig lustigen Laien-Filmchen von Kindern und Katzen, tanzenden Motivationstrainern oder dusseligen Pubertierenden auf dem Weg zur Jedi-Ritterschaft. Was Otto Normalsurfer inzwischen im Web sucht, ist Profi-Material.

Sieben der ewigen Top-10-Videos sind mittlerweile Profi-Clips. Ein kruder Comedy-Auftritt ist darunter ("Achmed, der tote Terrorist"), eine spanisch-sprachige Web-Soap-Folge ("Lo que tú Quieras Oír") mit unfassbaren 98 Millionen Aufrufen und gleich fünf Musikvideos. Das ist der eigentliche Trend: YouTube ist das neue MTV, gewürzt mit Web-affinen, witzigen Video-Häppchen aus Profihand.

So stark ist dieser Eindruck inzwischen, dass man YouTube schon als "Kanal" mit identifizierbarem Charakter wahrnehmen kann - eine Art poppiges Jugendfernsehen. Da passt es, dass es sich kein Hersteller internetfähiger Fernsehgeräte nehmen lässt, YouTube als voreingestelltes "Programm" auf die Glotze zu bringen.

Kein Wunder, das Web ist der eigentlich ideale Ort für Musik-TV und kurze Formate mit schnellen Schnitten - und nicht das Fernsehen. Dagegen könnte klassisches TV nie ankommen: YouTube ist on demand, bedient den Konsumenten mit der Musik und den "Funnies", die er wirklich hören und sehen will. Im Web ist der Zuschauer selbst Programmdirektor und DJ.

Neue Rezepte - YouTube verführt zur Weitergabe

Damit hat sich ein tiefgreifender Wandel vollzogen. Zwar entfällt das Gros der Videoaufrufe bei YouTube nach wie vor auf die unzähligen Laien-Beiträge. Sie stehen aber nicht mehr im Mittelpunkt: Die Masse sucht inzwischen etwas anderes: 15 der Top-20-Videos im Oktober sind Musikclips. Auch bei den populärsten Filmen des Monats dominieren die Songs neben Kinotrailern. Erst auf Platz 12 folgt eines der notorisch doofen Pubertäts-TV-Machwerke, für die YouTube früher bekannt war: "nigahiga" alias "Off the Pill" - eine Anspielung darauf, dass da einem Hyperaktiven das Ritalin entzogen wurde - informiert uns YouTube-typisch überdreht über Vorzüge des Furzens.

Auf Platz 1 schafft es mit "Piano Stairs" dagegen ein Film aus professioneller Quelle, der im Fernsehen nur laufen würde, wenn der Produzent dafür bezahlt: Der Streifen ist ein Reklamespot. Bei YouTube wird Werbung mitunter selbst zum Programm (siehe Video unten):

Profi-Inhalte im Web sind eben andere als solche im Fernsehen. So bedeutet die Kommerzialisierung, die Professionalisierung des Web-TV-Raumes keineswegs, das nun die Inhalte des TV ins Web übertragen würden. Der Profi-Clip im Web ist ähnlich professionell produziert, aber eben anders. Meist ist er vor allem eines: viel emotionaler - das gilt für die Profi- wie die Laien-Clips.

Ziel solcher Produktionen ist es, zu inspirieren, zu irritieren oder zu amüsieren - und Menschen dazu zu bringen, freiwillig die Aufgabe der weiteren Verbreitung zu übernehmen. Denn nur darauf kommt es an, nur das ist das Erfolgsgeheimnis eines guten YouTube-Filmes: Er muss entweder Bedürfnisse gezielt befriedigen (wie ein Musikvideo), Debatten provozieren oder das Bedürfnis der Weitergabe wecken - so entstehen virale Filme. Wie so etwas aussehen kann, führen "ImprovEverywhere" mit ihrem Supermarkt-Musical vor, Platz 17 der aktuellen Wochencharts von YouTube (siehe Video unten).

Dieser Film spricht dort trotz seines kurzen Formats für sich selbst. Er braucht keinen Rahmen, keine Präsentation, keinen zwanghaft lustigen Moderator, keine redaktionelle Deutung oder Kommentierung. Deshalb wirkt er unmittelbarer, echter. Was hier an Kommentaren läuft, ist direkte Kommunikation zwischen Machern und Publikum sowie Diskurs der Zuschauer untereinander.

Das ist eine neue TV-Qualität, die auch bei längeren Formaten funktioniert. Längst ist die "Webisode", das für das Netz produzierte TV-Stück, in der amerikanischen Medienlandschaft ein Standard. Web-Soaps florieren nicht nur bei YouTube, sondern auch auf Sender-eigenen Seiten. Die Sci-Fi-Serie Galactica sahen TV-Zuschauer in Deutschland immer nur halb, weil zu den im Fernsehen ausgestrahlten 45-Minuten-Folgen auch die kürzeren Online-Episoden gehörten.

Das ist kein Einzelfall. Ab Januar 2010 wird auch die BBC dreimal wöchentlich Episoden ihrer populären Soap "Eastenders", quasi das britische Äquivalent zur endlosen Lindenstraße, nur über das Web anbieten. Das Ziel: Mit professionellen Online-Angeboten junge Zielgruppen zurück zur Glotze zu führen. Denn On-demand-TV-Angebote wie Hulu, wo amerikanische TV-Sender Serienjunkies mit so gut wie allem legal und kostenfrei versorgen, machen der TV-Branche zunehmend Probleme: Zwar steigt ihre Popularität rapide, aber sie sind kaum zu refinanzieren, weil die Werbewirtschaft nicht mitmacht. Auch in Bezug auf Hulu hat die Diskussion um Bezahlmodelle längst begonnen.

Das sichert dem klassischen Web-Video, wie es YouTube bietet, seine Nische. Es ist abzusehen, dass das Angebot an kostenlosen TV-Vollformaten im Web mittelfristig eher schrumpfen als wachsen wird. Die Nachfrage nach professionellen Gratis-Angeboten wird derweil bestehen bleiben, bedient von Anbietern wie der ehemaligen Bürgerfunk-Plattform YouTube, auf denen die Nutzer schon heute vor allem professionelle Angebote suchen. Der Bürgerfunk dort lebt fort, aber er landet immer öfter in der Nische.

Außer, Harry wird vom wilden Charlie gebissen.


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