26. Februar 2000, 16:22 Uhr

"Green Card"-Initiative

Der Wirbel geht weiter

Kanzler Gerhard Schröder steht wegen seines "Green Card"-Vorstoßes heftig in der Kritik. Kaum eine Partei oder Lobbygruppe, die sich derzeit nicht zu Wort meldete. Nun stößt Edmund Stoiber, Ministerpräsident des Hightech-Standortes Bayern, dazu und wirft dem Kanzler Konzeptlosigkeit vor.

Gerhard Schröder nutzt die Cebit, sich als Hightech-Kanzler zu profilieren
DPA

Gerhard Schröder nutzt die Cebit, sich als Hightech-Kanzler zu profilieren

Der Mangel an Computerexperten in Deutschland hat am Wochenende für hitzige Diskussionen gesorgt. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) kritisierte die Initiative von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Computerexperten von außerhalb der Europäischen Union nach Deutschland zu holen. Die Bundesregierung habe kein schlüssiges Konzept für Zukunftsbranchen, sagte Stoiber. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Willi Lemke (SPD), plädierte dafür, die Computerausbildung an den Schulen besser zu fördern.

Als zu Beginn der Cebit der IT-Industrieverband Bitkom eine "Green Card"-Initiative für Hightech-Spezialisten einforderte, schloss sich Schröder dieser vermeintlich populären Forderung an. In seiner Eröffnungsrede zur Cebit 2000 kündigte er erleichterte Visaverfahren für Computerspezialisten nach dem Vorbild der US-amerikanischen "Green Card" an.

Doch der - wahrscheinlich spontane - Vorstoß entfachte umgehend eine hitzige Diskussion. Wirtschaftsminister Werner Müller meldete Bedenken an, die Gewerkschaften ebenso, und der Kanzler "präzesierte" seine Aussagen: Vorrang habe natürlich die Aus- und Weiterbildung oder Umschulung hiesiger Kräfte. Industrievertreter hielten dagegen, man könne gar nicht so schnell ausbilden, wie der Fachkräftemangel steige.

Edmund Stoiber will zwar auch, aber doch nicht so
AP

Edmund Stoiber will zwar auch, aber doch nicht so

Selbst Stoiber räumte ein, man müsse dem eklatanten Fachkräftemangel auch mit der Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer begegnen. Das seien im Computer- und Internetbereich aber nur einige Tausend Spitzenkräfte. "Bevor Schröder Fachkräfte aus dem Ausland holt, sollte er die Hausaufgaben im eigenen Land für eine Internet-Offensive anpacken", sagte Stoiber.

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, sagte der "Berliner Zeitung", der Bedarf an Spezialisten der Informationstechnologie (IT) lasse sich nicht allein mit der Weiterbildung von Arbeitslosen decken. Häufig seien die Arbeitssuchenden zu wenig qualifiziert. Weil der Arbeitsmarkt zu langsam auf den technologischen Fortschritt reagiere, könnten nur ausländische Experten die Lücke schließen. "Ich plädiere für eine Einwanderungspolitik anhand klarer Arbeitsmarktkriterien", sagte Zimmermann. Das Ausländerrecht müsse liberalisiert werden.

Bremens Kultursenator Willi Lemke sieht einen Grund für den Fachkräftemangel bei den Schulen. "Wenn wir in den Schulen mehr getan hätten, wäre die Nachfrage an den Unis größer", sagte Lemke der "Welt am Sonntag". In der Zeitung "Bild am Sonntag" schrieb Lemke: "Es gibt sicher an sehr vielen Schulen engagierte Computerfachleute, aber an noch mehr Schulen noch mehr Lehrer, die immer noch nicht wissen, wie man Computer und Internet in der Schule einsetzt." Seine Forderung: Internetschulung für alle Lehrer, damit die Schüler es besser lernen könnten.

Bundeswirtschaftsminister Werner Müller hat Bedenken
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Bundeswirtschaftsminister Werner Müller hat Bedenken

Der Mangel an Computerfachleuten in Deutschland zeigt nach Ansicht des FDP-Vizeparteichefs Rainer Brüderle die Notwendigkeit eines Zuwanderungsgesetzes. Schröders Initiative sei notwendig und mutig, sagte Brüderle. Gleichzeitig gebe der Fachkräftemangel in dieser Zukunftsbranche Anlass genug, über eine gezielte Einwanderungspolitik nachzudenken.

Die Zahl der IT-Ausbildungsplätze in Deutschland wird nach den Worten von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) noch in diesem Jahr auf 40.000 steigen. Bulmahn sagte der "Welt am Sonntag", mit Gewerkschaften und Unternehmen habe sie im vergangenen Sommer verabredet, die Zahl der Ausbildungsplätze in der IT-Branche bis 2003 von 14.000 auf 40.000 zu erhöhen. "Bereits in diesem Jahr erreichen wir dieses Ziel." Zudem sei mit der Bundesanstalt für Arbeit und der Fraunhofer-Gesellschaft eine Weiterbildungs- und Umschulungsoffensive gestartet worden.

Verhaltenes Echo auf der Cebit

Von der geplanten deutschen "Green Card" haben die ausländischen Computer-Experten auf der CeBIT alle schon gehört. Die Initiative von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), für Spezialisten aus Ländern außerhalb der EU die Grenzen zu öffnen, hat sich auf der weltgrößten Computer-Messe in Windeseile herumgesprochen. Zehntausende High-Tech-Gastarbeiter für Deutschland - "Warum nicht?" heißt es an vielen Ständen. Doch auch hier sind nicht alle von der Abwerbe-Aktion begeistert. Sehr schnell wird auch deutlich, dass die Spezialisten aus aller Welt nicht zu jedem Preis zu haben sind.

"Das Bild vom armen indischen Programmierer ist Vergangenheit", sagt ein indischer Software-Unternehmer, der bereits drei Jahre in der Schweiz gearbeitet hat. "Die großen US-Unternehmen bilden bereits seit langem in Indien ihren Nachwuchs aus und die Löhne steigen ständig", berichtet er. Viele Projekte könnten auch in Indien selbst für deutsche Unternehmen erledigt werden. Zweifel, den deutschen Fachkräftemangel beheben zu können, hat er aber nicht: "Wir sind eine Milliarde Menschen."

Interesse signalisieren auch die Vertreter aus Bangladesch. Wegen der geringen Jobchancen in der Heimat verlassen Spezialisten das Land. "Normalerweise interessieren sich unsere Leute für die USA - schon wegen der Sprache", sagt Scheich Abdul Aziz. "Aber als zweite Wahl kommt auch Deutschland in Frage."

Der Bitkom-Vorsitzende Volker Jung brachte den Stein ins Rollen
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Der Bitkom-Vorsitzende Volker Jung brachte den Stein ins Rollen

"In jedem Land der Welt werden sie im Moment Probleme haben, gute Leute zu bekommen", glaubt dagegen Petr Odehnal aus Tschechien. Seine Landsfrau Eva Bumbova sieht auch die tschechischen Experten eher in Richtung USA orientiert - "aber jeder ist käuflich". "Die wirklich guten Leute gehen in die USA", ist Vaclav Bittner überzeugt. Außerdem sei es heute ziemlich egal, an welchem Ort der Arbeitsplatz sei.

"Wir arbeiten in Rußland schon lange für europäische Firmen", berichtet der Software-Entwickler Igor Goryuschin. Via Internet sei das kein Problem. Bereits zehn Programmierer hätten sein Unternehmen dennoch in den letzten Jahren gen Westen verlassen. "Das sie abgeworben werden, spricht für uns und bringt uns neue Kontakte". Sein Landsmann Andreij Landar verweist auf Studien von renommierten Unternehmensberatern. Danach gibt es in Rußland ein großes Potenzial qualifizierter Leute.

Die Initiative des Bundeskanzlers hat auch im Ausland einigen Wirbel verursacht. Ein Mitarbeiter der bundeseigenen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die für die Bundesregierung Entwicklungshilfe organisiert, versucht die Wogen zu glätten: "Wir wollen umgekehrt auch eine Green Card für Deutsche in Indien, damit sie dort ausgebildet werden", berichtet er. Die Ministerien in Berlin und Neu Delhi hätten bereits Zustimmung signalisiert.


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