10 Jahre Facebook: Dein Hund ist tot? Gefällt mir

Facebook-Profil: Das Netzwerk wird zehn, Marc Pitzke ist fünfeinhalb Jahre dabei Zur Großansicht

Facebook-Profil: Das Netzwerk wird zehn, Marc Pitzke ist fünfeinhalb Jahre dabei

Happy Birthday, Facebook: Das soziale Netzwerk wird zehn. Doch wie relevant ist es noch? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke über eine schwierige Beziehung - oder, im Facebook-Jargon: "Es ist kompliziert."

Keine Ahnung, seit wann ich bei Facebook bin. An ein Leben davor kann ich mich jedenfalls kaum mehr erinnern. Zum Glück merkt sich Facebook sowas ja für uns. Einmal durch die Chronik in die Vergangenheit scrollen und scrollen und scrollen und… da steht es:

"8. Juli 2008: Ist Facebook beigetreten."

Beigetreten? Man tritt Kirchen bei oder einem Club. Ich nutze Facebook auf Englisch, da heißt es "joined", das klingt freundlicher. Am besten passt, was in meinem Profil ganz links steht, in anderem Zusammenhang: "In einer Beziehung mit…"

Facebook 2004: So sahen die Anfänge aus Zur Großansicht

Facebook 2004: So sahen die Anfänge aus

Ich bin seit fast sechs Jahren in einer Beziehung mit Facebook, das jetzt zehn wird. Es ist die Geschichte einer schwierigen Freundschaft, die oft mutierte. Von der jungen, aufgeregten Lovestory über die klassische Ernüchterungs- und Nervphase bis zum resignierten Status quo: Man mag sich noch, liebt sich aber nicht mehr - und bleibt trotzdem zusammen wie ein altes Ehepaar.

Der 8. Juli 2008 war ein Dienstag. Mehr weiß ich nicht mehr, auch die Facebook-Chronik ist an dem Tag leer, kann also nichts passiert sein, sonst stünde es da. Was mich trieb, Facebook nach langem Nörgeln "beizutreten", ist mir ebenfalls entfallen. Gruppenzwang wohl: "Endlich!", kommentierte ein Freund.

Mir ging es wahrscheinlich erst nur darum, in den Club meiner Freunde zu stoßen, die schon länger dabei waren. Verpasste ich da was? Außerdem war Facebook so schön blau, und Blau ist meine Lieblingsfarbe. Ich war verliebt.

Der erste Post: ein Foto meines Hundes

Einen Monat blieb die Liebe passiv. Ich war ein virtueller Stalker der Onlineleben anderer: wer mit wem, wo, wann? Dann mein erster eigener Post, ein Foto meines Hundes. So glamourös war mein eigenes Onlineleben.

"Random Pictures" nannte ich das Album und füllte es mit, nun ja, beliebigen Bildern: ein Strand, Steak & Eggs, kopulierende Karnickel. Dazwischen ein Herr mit Sonnenbrille. Wer weiß, wer das war, ohne Namensmarkierung erinnert sich auch Facebook heute nicht mehr.

Random Pictures: kopulierende Karnickel und viele Erinnerungen Zur Großansicht

Random Pictures: kopulierende Karnickel und viele Erinnerungen

Facebook war toll, um meine gespaltene Existenz zu kitten - alte Heimat Deutschland, nicht mehr ganz so neue Heimat Amerika. Plötzlich war ich mit Leuten verlinkt, mit denen ich jahrelang nicht mehr gesprochen hatte, oft aus gutem Grund. Doch ein schneller Klick, ein völlig aufwandsloses "Gefällt mir" gaukeln einem die Illusion persönlicher Nähe vor.

Im Facebook-Archiv leben tote Freunde weiter

Die meisten meiner Facebook-Connections kommen dennoch aus den USA. Die Deutschen waren Nachzügler, kritisch, skeptisch - zu Recht, siehe Facebooks poröse "Privatsphäre". Meine Familie verweigert sich nach wie vor.

Silvester: "Happy New Year", schrieb ein Freund. Acht Monate später starb er an Krebs. In Facebooks Archiv lebt er genauso weiter wie ein anderer, ermordeter Freund. Den betrauerten wir auf Facebook und teilten Meldungen über den Mordprozess, nur um jedes Jahr an seinen Geburtstag erinnert zu werden. Zum ersten Mal erlebte ich die bizarre, bis in Jenseits bindende Kraft von Facebook.

Auch den Tod meines Hundes kommentierten Dutzende, es half. Gleichzeitig klickten andere, die nicht wussten, was sie sagen sollten, aber trotzdem etwas sagen wollten: "Gefällt mir."

58 Glückwünsche zum ersten Facebook-Geburtstag

Zu Freunden kamen Bekannte, dann Bekannte von Bekannten, schließlich Unbekannte, die mir "Freundesanfragen" schickten. Dass es creepy war, mein Leben mit Halbfremden zu "teilen", fiel mir aber lange nicht auf. In New York ist sowieso jeder anonym und zugleich ein offenes Buch. Trotzdem mistete ich meinen Facebook-Zirkel schließlich gründlich aus.

Hotelzimmer: Es ist creepy, sein Leben mit Halbfremden zu teilen Zur Großansicht

Hotelzimmer: Es ist creepy, sein Leben mit Halbfremden zu teilen

Der Popularitätswettbewerb ist ohnehin zu anstrengend. Mein erster Facebook-Geburtstag provozierte 58 Glückwünsche, im Jahr drauf waren es 102, dann 138, dann 148 und zuletzt 139. Herrjeh: Schrumpft mein Freundeskreis wieder? Und was war mit den anderen 684 Freunden, die mir nicht gratuliert hatten?

Roadtrips: Marc Pitzke dokumentiert seine Reisen Zur Großansicht

Roadtrips: Marc Pitzke dokumentiert seine Reisen

Mit ihnen teile ich am liebsten Fotos von Reportagereisen und Roadtrips, New Yorker Szenen und viele Teller-Stillleben aus Restaurants. Dahinter steckt nicht nur der Wunsch, an einem - womöglich fiktiven - Dialog teilzunehmen. Sondern auch die Sucht nach Bestätigung, nach virtueller Validierung. Und, zugegeben, der gar nicht heimliche Versuch, Neid zu wecken.

Diese Phase durchlebte ich offenbar Ende 2009 am heißesten. "Catherine Zeta-Jones über den Weg gelaufen, sie ist winzig" (27. November 2009); "Mini-Unterhaltung mit Forest Whitaker in Starbucks-Schlange" (4. Dezember 2009).

Oscar-Verleihung: Kollege Pitzke überm roten Teppich Zur Großansicht

Oscar-Verleihung: Kollege Pitzke überm roten Teppich

Facebook hat den Narzissten in mir hervorgebracht

Facebook hat mich zu einem Narzissten gemacht. Oder besser, es hat den Narzissten in mir hervorgebracht. Gleichzeitig rege ich mich natürlich über den offenen Narzissmus anderer auf. Facebook ist zu einer Doku-Soap geworden, die ich hasse, bei der ich aber mitspiele.

Mein Liebesleben hieß jetzt "Beziehungstatus". Aus "Single" wurde "In einer Beziehung mit…", was einen neuen "Gefällt mir"-Rekord erzielte. Bis das dann genauso plötzlich wieder platzte. Ich löschte Dutzende Fotos des glücklichen Ex-Paars, früher zerriss man sie melodramatisch, und versteckte den ganzen Beziehungskram eine Weile hinter der Privatsphärenschranke.

"Es ist kompliziert", würde Facebook dazu sagen. "Time" hat ein Onlinewerkzeug veröffentlicht, das berechnen soll, wie viel Zeit man auf Facebook verschwendet hat. Mein Ergebnis: 169 Tage, sechs Stunden und 35 Minuten. Fast ein halbes Jahr, verschluckt im blauen Loch. Darüber denke ich jetzt mal nach und teile das dann.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Wer zu spät kommt ...
monolithos 01.02.2014
Vielleicht bin ich dem Laden zu spät beigetreten und nicht langsam genug in die Komplexität des Netzwerkes hineingewachsen. Ich fühle mich erschlagen von der Unübersichtlichkeit und nutze es daher nicht. Ich bin also sowas wie eine Karteileiche, die nur deswegen "dabei" ist, um wiedergefunden werden zu können, wenn mich mal jemand sucht. Könnte ja mal sein. Aber im Gegensatz zu vielen Jünger(e)n habe ich auch noch ein analoges Erstleben, das mir schlichtweg nicht erlaubt, mir vom "Fratzenbuch" meine gesamte Zeit rauben zu lassen. Alles Gute zum Geburtstag, aber eine Party veranstalte ich deswegen nicht!
2. face hat viele Gesichter
kilroy-was-here 01.02.2014
eines, ein zweifelsfrei positives mit Freunden über lange Distanzen hinweg in Verbindung zu bleiben. Aber man erinnere sich an die Mobbing Attacken von Usern, die Masseneinladungen, das Ausspionieren und vieles mehr. Face ist zudem eine Datenkrake. Ich bin glücklicher ohne face!
3. Ein Nonsense-User
sitting-bull 01.02.2014
würde ich sagen, teilt alles, ohne wirkliche Relevanz. Ich will nicht sagen, dass diese mich stören, von mir aus haben die auch ihre Existenzberechtigung, bei einem "Journalisten" wundert mich das aber ein wenig. Muss man sich halt andere Freunde suchen. Ich nutze Facebook als Nachrichtenquelle. War etwa schon 2 Jahre länger mit Greenwald "befreundet" bevor der durch den NSA-Skandal bekannt wurde. Aber Spiegel-Journalisten und ungefilterte direkte News dass passt einfach nicht. Deswegen erfahren wir hier auch nichts über die diversen Entwicklungen in Sachen 9/11, welche die offizielle Version als Lügengeschichte entlarven- etwa die Saudi-Connection. Oder die Kritik an 9/11 CR oder dem NIST-Report.
4. optional
meta39 01.02.2014
Mit Facebook ist es wie mit allem anderen. Es hat gute und schlechte Seiten. Oder auch: All zu viel ist ungesund. Ich nutze es, um mit Freunden, die weit weg wohnen, einfach in Kontakt zu bleiben. Man sieht, wie die Kinder von denen aufwachsen, ohne sich mühsam regelmäßig Briefe oder Mails zu schreiben, kann "schnell mal" ein paar Grüße oder Infos schicken oder erhalten. Ich finde es gut.
5.
enni3 01.02.2014
Zitat von monolithosVielleicht bin ich dem Laden zu spät beigetreten und nicht langsam genug in die Komplexität des Netzwerkes hineingewachsen. Ich fühle mich erschlagen von der Unübersichtlichkeit und nutze es daher nicht. Ich bin also sowas wie eine Karteileiche, die nur deswegen "dabei" ist, um wiedergefunden werden zu können, wenn mich mal jemand sucht. Könnte ja mal sein. Aber im Gegensatz zu vielen Jünger(e)n habe ich auch noch ein analoges Erstleben, das mir schlichtweg nicht erlaubt, mir vom "Fratzenbuch" meine gesamte Zeit rauben zu lassen. Alles Gute zum Geburtstag, aber eine Party veranstalte ich deswegen nicht!
Es ist schon interessant, inwiefern soziale Netzwerke Begrifflichkeiten verändert haben. Ein Freund ist heute jemand, den mal im Club getroffen hat und der einen hinterher als "Feund" bei einem Netzwerk geaddet hat, sei es nur um das peinliche Foto mit dem Kopf auf der Tischplatte in der Sitzecke der Disco zu mit Verlinkung auf das Profil ins Netz zu stellen. Ich habe Schüler, die sitzen zwischen den Fronten. Nicht bei Facebook zu sein ist sowas von uncool bei pubertierenden Statussuchenden, dabei zu sein kann schnell den Psychoterror aus der Schule in das "geschützte" Kinderzimmer tragen. Wiederfinden kann eine schöne Option sein, für Erwachsene. Im Kontakt bleiben kann auch für Jugendliche durchaus Sinn erfüllen. Diese Netzwerke, sofern sie nicht staatlich missbraucht werden, was aber leider der Fall ist, können nützlich sein, können wohlgemerkt. Eigentlich müsste man unter 18jährigen den Gebrauch untersagen, das wäre ein Fortschritt, denn was da teilweise an schädlichem Missbrauch betrieben wird, lässt den Nutzen doch in sehr getrübtem Licht erscheinen.
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