100-Dollar-Laptop Gates verhöhnt Rechner für arme Kinder

"Einen Laptop pro Kind" will ein Projekt den Ländern der dritten Welt zur Verfügung stellen um die "digitale Kluft" zu überwinden. Microsoft-Gründer Bill Gates findet das Gerät nicht so toll. Bei einer Tagung stichelte er bösartig gegen die Pläne der Rechner-Entwicklungshelfer.


Bill Gates macht nur noch selten Fehler. Gut, vor ein paar Jahren hat er die Linux-Gemeinde als weltfremde Antikapitalisten hingestellt, das kam nicht so gut an. Oder diese groß angekündigte Windows-Demonstration, bei der dann ausgerechnet der Rechner abstürzte. Aber im großen und ganzen ist Bill Gates inzwischen ein PR-Profi, einer, der viel Geld für die richtigen Zwecke spendet, die Geeks und Nerds dieser Welt mit den absurden Hightech-Features seines Privathauses begeistert und sich bei Präsentationen mit einem Xbox-Controller in der Hand gerade in so erträglichem Maß lächerlich macht, dass man ihn direkt mögen muss.



Jetzt aber hat er wieder mal etwas ziemlich Unkluges gemacht. Sich über das Lieblingsprojekt der politisch bewussten Geek-Gemeinde lustig zu machen nämlich, den sogenannten 100-Dollar-Laptop. Den hat sich Nicholas Negroponte ausgedacht, Gründer des Media Lab am Massachussetts Institute of Technology, "Wired"-Finanzier und ganz generell Technologie-Guru. Negroponte ist der Meinung, dass die Kinder dieser Welt Computer brauchen, weil sonst die sogenannte digitale Kluft, also der technologische Abstand zwischen den Habenden und den Habenichtsen dieser Welt, immer weiter wächst.

Eine ehemalige Topentwicklerin von Intel konstruierte für das Projekt "One Laptop per Child" (OLPC) einen Bildschirm, der nur ein Drittel des normalen Herstellungspreises kostet, Open-Source-Code soll dem kleinen grünen Maschinchen Leben einhauchen. Außerdem wird der Mini-Laptop über eine Handkurbel verfügen, mit der er sich per Muskelkraft aufladen lässt. Eine Minute Kurbeln soll dem Laptop für zehn Minuten Energie spenden. Wo Strom vorhanden ist, übernimmt ein Netzteil die Versorgung.

Sticheln gegen die Open-Source-Konkurrenz

Stromsparend wird der Mini-Laptop unter anderem, weil er über keinerlei Laufwerke verfügt. In seinem Inneren speichert eine Flashkarte 500 Megabyte Daten, das war's. Sogar Uno-Generalsekretär Kofi Annan ließ sich das froschgrüne Entwicklungshilfegerät kürzlich vorführen, von Negroponte persönlich.

Bill Gates, der sich ja selbst gern um die Dritte Welt kümmert, findet Negropontes Konzept allerdings nicht gelungen. Microsoft will selbst irgendwie dabei mithelfen, die digitale Kluft zu verringern, aber lieber mit einem Telefon, weil das ohnehin schon in der Lebenswelt selbst in abgelegenen Gegenden in Südamerika vorkommt, Laptops hingegen nicht. Das Microsoft-Billighandy gibt es allerdings, trotz schöner Reden, bislang nicht. Motzen über die Bemühungen der anderen kann Gates aber ja trotzdem schon mal.

"Himmel, nehmt einen vernünftigen Computer!"

"Wenn man die Leute sich einen Computer teilen lassen will, dann schafft man eine Breitband-Verbindung und sorgt dafür, dass jemand da ist, der dem Benutzer helfen kann", sagte er bei einer von Microsoft organisierten Tagung mit Akademikern, Politikern und Geschäftsleuten aus Kanada, Lateinamerika und den USA.

Besonders hatte es Gates offenbar die Kurbel angetan, mit der der OLPC-Laptop auch in ländlichen Gegenden Afrikas betrieben werden könnte. "Himmel, nehmt einen vernünftigen Computer, bei dem man den Text tatsächlich lesen kann und bei dem man nicht das Ding kurbeln muss, während man versucht zu tippen", ätzte Gates laut Reuters.

Vielleicht stört ihn aber auch einfach, dass der Konkurrent Google das Projekt mitfinanziert. Oder, dass auf dem grünen Billigrechner Linux laufen soll und nicht Windows. Ein Spendenangebot von Apple-Chef Steve Jobs, der ein abgespecktes Mac OS kostenlos zur Verfügung stellen wollte, hat Negroponte übrigens abgelehnt.

Christian Stöcker



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