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17-jähriger Chatroulette-Erfinder: "Mama, Papa, ich expandiere"

Wildfremde werden zu Videochats zusammengewürfelt, tun bizarre und obszöne Dinge - wer denkt sich so was aus? Andrej Ternowskij, 17. Der Moskauer steckt hinter dem neuesten Internethype namens Chatroulette. Jetzt wollen ihn Investoren mit Geld überhäufen. SPIEGEL ONLINE traf ihn in seinem Kinderzimmer.

Chatroulette: Kultprogramm aus dem Kinderzimmer Fotos
Jewgenij Kondakow

SPIEGEL ONLINE: Andrej, Du bist 17, gehst noch zur Schule. Wie viel Taschengeld bekommst Du von Deinen Eltern?

Ternowskij: 1000 Rubel pro Woche, das sind ungefähr 25 Euro. Warum die Frage?

SPIEGEL ONLINE: Wir fragen uns nämlich, ob Du mit Geld umgehen kannst. Deine Erfindung Chatroulette.com wird schon als neue Millioneninnovation im Internet gehandelt, es gibt Schätzungen, wonach sie zwischen 10 und 30 Millionen Euro wert sein soll.

Ternowskij: Keine Sorge, ich kann mit Geld umgehen. Ich bin sparsam, ich hab mein Geld schon immer zusammengehalten. Früher habe mir nur ab und zu ein Eis gekauft und ansonsten Woche für Woche mein Geld gespart, für einen neuen Computer, eine Webcam und anderes Zubehör.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Idee zu Chatroulette.com entstanden?

Ternowskij: Ich habe mir immer selbst so eine Seite gewünscht. Meine Freunde und ich nutzen den Videochat-Anbieter Skype sehr häufig, aber irgendwann wurde mir das zu langweilig. Ich wusste ja immer schon vorher, wer mich erwartete, mit wem ich sprechen würde. Ich hab dann via Google nach einem solchen Programm gesucht - nach einem Videochat mit Zufallsgenerator. Es gab ihn nicht. Da habe ich mich hingesetzt und zwei Tage und zwei Nächte durchprogrammiert. Fertig war die erste Version von Chatroulette.

SPIEGEL ONLINE: Hast Du mit so einem Erfolg gerechnet? CNN hat schon über Dich berichtet und die "New York Times". Es heißt, Du hättest das Programm nur für Deine Freunde und Dich programmiert und gar keine Werbung gemacht. Aber dann seien die ersten Fremden zu Euch gestoßen, erst Hunderte, dann Tausende.

Ternowskij: Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich es sofort nach dem Start in verschiedenen Webforen vorgestellt habe. Gehofft habe ich schon auf einen Erfolg, aber das Ausmaß überwältigt mich. Anfang November waren da 500 Besucher pro Tag und einen Monat später 50.000. Jetzt liegt Chatroulette bei fast 1,5 Millionen Nutzern. Rund 33 Prozent kommen aus den USA, 5 Prozent aus Deutschland, die meisten aus Berlin. Aber Leute in praktisch jedem Land nutzen Chatroulette.

SPIEGEL ONLINE: Wie hast Du das enorme Wachstum verwaltet? Es gibt Leute, die behaupten, ein 17-Jähriger könne unmöglich ein so großes Projekt aufziehen, es brauche mehr Ressourcen.

Ternowskij: Es geht alles, dank dem Netz. Ich verwalte meine Seite mit dem kostenfreien Programm Google Analytics. Die nötigen Serverressourcen kann man auf speziellen Web-Seiten mieten, die Rechnung begleiche ich auch online. Ich habe vier Programmierer engagiert, die mir zuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wir sitzen hier in Deinem Kinderzimmer, es gibt ein Bett, einen Tisch, zwei Monitore. Wo arbeiten Deine Mitarbeiter? Wo ist Dein Büro?

Ternowskij: Ich habe keins, ich habe sie im Web gefunden. Den einen kenne ich schon seit fünf Jahren, wenn auch nur online, er sitzt im US-Bundesstaat Virginia, ein anderer in Weißrussland.

SPIEGEL ONLINE: Aber woher kommt das Geld?

Ternowskij: Mama, Papa, habe ich gesagt, die Seite expandiert. Ihr solltet investieren, jetzt. Das haben meine Eltern gemacht - und ihre 10.000 Dollar haben für den Start gereicht. Inzwischen habe ich sie längst ausbezahlt. Im Moment bekomme ich ganz gutes Geld dank des kleinen Werbelinks zu einem Dating-Anbieter auf der Seite. Ab und an treffen wir uns in einem Moskauer Restaurant, und ich hole ein Kuvert mit Geldscheinen ab.

SPIEGEL ONLINE: Die Investoren stehen Schlange?

Ternowskij: Ich hab allein 200 E-Mails von Interessenten bekommen, darunter viele Risikokapitalfirmen aus den USA, dem Silicon Valley. Skype hat mich sogar in die Staaten eingeladen. Google hat mich auch schon kontaktiert.

SPIEGEL ONLINE: Wirst Du verkaufen?

Ternowskij: Nein, die Seite wird immer meine bleiben. Ich will Chatroulette selbst weiterentwickeln. Aber man kann sich natürlich Beteiligungsmodelle vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen Deine Programmierfähigkeiten? Du bist ein Schüler der 11. Klasse einer Moskauer Schule. Lernt man so etwas in Russland im Unterricht?

Ternowskij: Es geht nicht nur um Fähigkeiten, es geht auch um Glück. Aber all mein Wissen habe ich aus dem Web. Und in die Schule gehe ich offen gestanden eher selten.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Ternowskij: Ich bin ein Nerd, das Web ist alles für mich. Die Schule langweilt mich, ich habe meine eigene Bildung. Ich lese Wikipedia. Und mir ist es um die Zeit zu schade, ich nutze sie lieber zum Programmieren und zu Verhandlungen.

SPIEGEL ONLINE: Russlands Web-Zar Juri Milner wollte Dich kürzlich sehen, auf seine Web-Angebote entfallen 70 Prozent aller Seitenaufrufe im russischen Internet. Er diskutiert sonst mit Präsident Dmitrij Medwedew in einer Kommission zur Modernisierung Russlands. Mit Dir hat er anderthalb Stunden unter vier Augen gesprochen. Was für einen Eindruck hattest Du von ihm?

Ternowskij: Dass er sehr, sehr interessiert ist an meinem Projekt. Dann habe ich mich entspannt und meinen Erfolg genossen. Von seinem Büro im 57. Stock hat man einen tollen Ausblick auf Moskau.

SPIEGEL ONLINE: Und was willst Du erreichen?

Ternowskij: Ich wollte immer eine erfolgreiche Seite haben. Das habe ich nun. Jetzt will ich meine eigene Firma, ein Büro, Mitarbeiter und zwar in den USA. Dort ist das Zentrum der IT-Kultur. Im Silicon Valley sind alle großen IT-Unternehmen, Google, Microsoft.

SPIEGEL ONLINE: Aber in den USA sind die Steuern sehr hoch.

Ternowskij: Ich kann das Unternehmen ja in der Schweiz registrieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Chatroulette ist minimalistisch, auf seine Art unzivilisiert und wild. Es tummeln sich viele Exhibitionisten auf Deiner Seite. Manche nennen Chatroulette in Anlehnung an die sozialen Netzwerke Anti-Facebook. Es könnte nur ein netter Zeitvertreib sein oder eine neuartige Plattform - aber niemand weiß derzeit genau was es wirklich ist oder noch sein könnte.

Ternowskij: Für mich ist es wie die Straße einer Großstadt, auf der Du alle möglichen unbekannten Gesichter siehst. Manche gefallen Dir, manche widern Dich an. Chatroulette ist die Straße, über die Du gehst und auf der Du alle möglichen Leute anquatschen kannst. Das Programm bringt das wahre Leben näher an das Netz. Was die Freaks and Fuckers angeht: Ich arbeite an einer Lösung. Ich habe eine Meldefunktion in Chatroulette integriert. Beschweren sich drei Nutzer über einen Strolch im Netz, wird er automatisch gesperrt. Es sind jetzt schon viel weniger geworden.

Das Interview führten Jewgenij Kondakow und Benjamin Bidder in Moskau

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. urks
trstn 03.03.2010
Chatroulette ist fuer homosexuelle Exhibitionisten und Kiddies. Webseiten auf denen es alleine die Moeglichkeit gibt die unsaegeliche Aufnahme der Enthauptung eines Kriegsgefangenen mit einem Messer bei lebendigem Leibe ohne es zu ahnen vorgespielt zu bekommen meide ich nicht nur, ich warne davor. Auf einmal soll es kein Problem sein einem masturbierenden Mann zuzusehen? Ohne den Wunsch dazu? Ohne Altersfreigabe? Ich hoffe das wird schnell wieder eingestellt...
2. Hype?
johndoe2 03.03.2010
Scheinbar wieder so ein "Hype", der de facto nur in den Medien existiert - man erinnere sich an Second Life (gibts das eigentlich noch? Ah schau an, tatsächlich). Seltsamerweise tut man es selber nicht, kennt niemanden der es tut, dennoch verplempern angeblich alle neuerdings ihre Zeit damit. Schönes neues Web (2.0)...
3. Iiiihhh!
king-rodriguez 03.03.2010
Hab dort mal durchgeschaut, wenn die nicht irgendeine Regelung finden, wie man diese ganzen perversen Selbstbefriediger stoppen kann, dann ist das Projekt allein schon aus Jugendschutzgründen in den meisten Ländern bald wieder gestorben. Grüße
4. Titel
yomow 03.03.2010
Zitat von king-rodriguezHab dort mal durchgeschaut, wenn die nicht irgendeine Regelung finden, wie man diese ganzen perversen Selbstbefriediger stoppen kann, dann ist das Projekt allein schon aus Jugendschutzgründen in den meisten Ländern bald wieder gestorben. Grüße
Nein, es wird nicht sterben. Wie auch? Sperren? Löschen? Geht zum Glück nicht.
5. 10000USD für 17-Jährigen?
alexneu 03.03.2010
Junge, junge, 10000 USD einem 17-Jährigen zu geben. Für eine Website. Meine Eltern hättens nicht getan. Die hätten von mir verlangt, dass ich in die Schule gehe... Müssens bestimmt haben, die Eltern.
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