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30. Dezember 2012, 15:45 Uhr

15 Beobachtungen

Was Hacker auf einem Kongress alles machen

Von und

Sie hören Vorträge, diskutieren Ethik, knacken Programme und Rechner: Mehr als 6000 Hacker haben sich in Hamburg auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs getroffen. Was sonst noch geschah: 15 Eindrücke vom Klassentreffen der Geeks und Nerds.

Sie baden in Bällen

Jede Geek-Veranstaltung, die etwas auf sich hält, hat heutzutage ein Bällebad. Ja, diese Ansammlung aus bunten Plastikbällen, die viele Erwachsene nur noch in dunkler Erinnerung aus einem schwedischen Möbelhaus kennen. Inmitten der luftgefüllten Kugeln wird programmiert, geschlafen, geschmust und geklönt. Wenn trotzdem Langeweile aufkommt, werden die Bälle der Farbe nach sortiert.

Sie trinken sogar ihre Cocktails mit Mate

Palettenweise haben die Organisatoren die koffeinhaltige Brause Club Mate herangekarrt, ebenfalls erhältlich ist eine lokale Variation namens Flora Power (nur Club-Molke wurde uns in der ganzen Zeit nicht angeboten). Hacker haben die 0,5-Liter-Flaschen zu jeder Tages- und Nachtzeit dabei. Sogar in den Cocktails steckt das süß-herbe Getränk, in einem Gemisch namens Tschunk. Der besteht aus Rum, Limetten, Rohrzucker, Eiswürfeln - und Mate-Brause. Eine eigene Website hat Tschunk auch schon. Aus Düsseldorf kommt außerdem die Matelade, ein süßer Brotaufstrich, der auch noch wach machen soll.

Sie halten Fünf-Minuten-Vorträge

Wer auf dem Kongress einen Vortrag halten will, muss es mit seinem Vorschlag durch ein striktes Auswahlverfahren schaffen und wird danach von den Zuhörern streng bewertet. Weniger formell geht es bei den "Lightning Talks" zu - drei stundenlange Veranstaltungen, bei denen jeder fünf Minuten Zeit hat, dem Publikum sein aktuelles Projekt vorzustellen. Nur Ausnahmsweise gibt es für komplexere Themen ein paar Minuten mehr. Allein für diese Blitzvorträge lohnt ein Kongressbesuch.

Sie haben einen sympathischen Amerikaner geklont

Auf dem großen Kongressgelände kann es Tage dauern, bis man unter den Tausenden Besuchern jemanden wiederfindet. Einer ist allerdings überall: Nick Farr, ein freundlicher Amerikaner, der stets Anzug trägt. Farr organisiert nicht nur die "Lightning Talks": Man trifft ihn spätnachts hinter der Theke der improvisierten Bar "Zehn vorne", wo er Getränke ausgibt. Man sieht ihn in den Umbaupausen auf den Bühnen der Vortragssäle, wo er lustige Anekdoten erzählt. Man begegnet ihm auf den Fluren, wo er Stromkabel organisiert und bei der Suche nach Hackern hilft. Wenn man erst mal darauf achtet, ist er überall. Wir haben dafür nur eine Erklärung: Nick Farr muss ein Klon sein. Es gibt ihn fünfmal. Mindestens.

Sie pflastern ihre Laptops mit Stickern zu

Viele Laptops auf dem Kongress scheinen vor allem von Aufklebern zusammen gehalten zu werden. Wanderer nageln Plaketten an ihre Stöcke, Metal-Fans nähen Abzeichen auf ihre Jeanskutten - und Hacker verzieren ihre technischen Geräte mit Stickern. Ob nun das Logo der Wikipedia, eine Figur aus Supermario oder der Schriftzug eines Hackerspaces: Mit den bunten Verzierungen werden aus den immer gleichen weiß-grau-schwarzen Kisten Unikate. Außerdem können die Sticker Insiderwissen und Zugehörigkeit zu Hacker-Subkulturen signalisieren.

Sie verlassen sich auf Engel

Auf anderen Großveranstaltungen kümmert sich das Rote Kreuz um Verletzte - auf dem Hackerkongress gibt es das Chaos Emergency Response Team (CERT). Die freiwilligen Sanitäter und Ärzte sind bei Unfällen und Wehwehchen zur Stelle. Es braucht aber noch viel mehr Helfer für so ein Event: 400 sogenannte Engel halten den Betrieb am laufen, kontrollieren den Eingang, beantworten Fragen, halten Notausgänge frei, machen Videos und geben an der Bar Getränke aus - rund um die Uhr. Zum Ausruhen treffen sie sich im "Himmel", einem abgetrennten Bereich.

Sie vergöttern Frank und Fefe

Auch Hacker-Hirne müssen einmal abschalten: Der wohl bestbesuchte Vortrag des Kongresses ist der rituelle Jahresrückblick von Club-Sprecher Frank Rieger und dem Programmierer Felix von Leitner, genannt Fefe. Am Samstagabend ist der große Saal des Kongresszentrums voll besetzt, noch auf den Gängen stehen Besucher und lauschen ergriffen der auf Deutsch vorgetragenen Schmährede. Die beiden müssen nur ein Bild von Ex-Bundespräsident Christian Wulff oder EU-Internetberater Karl Theodor zu Guttenberg zeigen - schon brechen die Hacker in lautes Lachen aus.

Während der Frank-und-Fefe-Show lassen Unbekannte auf dem 108 Meter hohen Hotel neben dem Kongresszentrum ein Pony mit Fefe-Schriftzug leuchten. Es ist eine Figur aus der Kinder-Zeichentrickserie "My Little Pony", die von einigen Hackern kultisch verehrt wird. Wieder andere, und dazu gehört Fefe, finden die naiven Comics und ihre fanatischen Fans einfach nur bescheuert.

Sie mögen nur Fotos, die sie selbst schießen

Geeks mögen es gar nicht, wenn man sie fotografiert. Sie empfinden das als Belästigung. Einem befreundeten Journalisten wurde nach einem Schnappschuss gedroht: Man werde ihn im Auge behalten. Komisch: Gleichzeitig fotografieren und filmen sich die Teilnehmer des Kongresses ständig selbst.

Sie haben eine Rakete

Sie reist immer mit - jetzt stand sie für vier Tage in Hamburg: Die "Fairydust", ein sieben Meter hohes und 250 Kilogramm schweres Kunstwerk aus Fiberglas. Die dreibeinige Rakete, die an "Tim und Struppi"-Comics erinnert, ist so etwas wie das Maskottchen des Chaos Computer Clubs. Zuletzt konnte man das mobile Wahrzeichen zum Beispiel auf dem Chaos Communication Camp im brandenburgischen Finowfurt bewundern oder auf der kleineren Hacker-Konferenz Sigint in Köln.

Sie verteilen bunte Karten

Ein Novum auf dem 29C3: Rote, gelbe und grüne Karten, die man womöglich von einer wildfremden Person in die Hand gedrückt bekommt. Eine kleine Gruppe von Teilnehmern hat die sogenannten Creeper Move Cards erstmals mitgebracht, damit sich - vor allem auch die wenigen anwesenden Frauen - gegen sexistische Bemerkungen oder Beleidigungen wehren können, ohne etwas dabei sagen zu müssen.

Allerdings wurde die Aktion nicht von allen (männlichen) Teilnehmern ernst genommen. Einige machten sich aus der Vergabe der Karten einen Spaß, andere wunderten sich über die Bemerkung auf der roten Karte, man könne froh sein, keinen Schlag ins Gesicht bekommen zu haben. Viele Frauen gaben an, gerade auf Hackertreffen weniger häufig als sonst mit Sexismus konfrontiert zu sein. Eins haben die Karten jedenfalls geschafft: Es wurde diskutiert.

Sie lassen Copter fliegen

Sie schwirren durch das ganze Gebäude, blinken und surren: selbstgebaute Flugobjekte. Bilder von sogenannten Quadrocoptern gehören zu jeder Berichterstattung über die Hackertreffen. Es wird daran gebastelt und erklärt, ausprobiert und fotografiert - die Copter samt ihrer meist sehr stolzen Besitzer.

Sie bilden kleine Dörfer

Neu auf dem 29. Jahreskongress sind die sogenannten Assemblys, kleine Bereiche mit Tischen, an denen auch all diejenigen ihre Projekte vorstellen können, die keinen Vortrag halten oder Workshop geben. Es ist ein System aus offenen kleinen Dörfern, an denen sich etwa die Lockpicker vorstellen, die Wau-Holland-Stiftung oder ein bestimmter Hackerspace. Besonders beliebt war die Assembly des Mannheimer RaumZeitLabors, weil dort Zuckerwatte und Popcorn hergestellt und an die Besucher verteilt wurde - das gefiel auch den Nicht-Nerds.

Sie nutzen ihr eigenes Telefonnetz

Wer einen CCC-Kongress besucht, stellt fest, dass viele Teilnehmer nicht mit ihrem Handy telefonieren, sondern mit Schnurlostelefonen, wie man sie von zu Hause kennt. Das Phone Operation Center (POC) kümmert sich um das interne Telefon-System, bei dem die Teilnehmer kurze Nummern zugewiesen bekommen und auf dem großen Gelände kostenlos miteinander telefonieren können. Zusätzlich wurde auf dem Kongress ein eigenes Mobilfunknetz eingerichtet, über das die Teilnehmer Telefonieren und SMS verschicken konnten.

Sie beleuchten Plastikkisten

Bei einem Hackertreffen leuchtet es an allen Ecken und in allen Farben: Verschiedene Lichtkunst-Projekte werden liebevoll zusammengebaut und illuminieren die Räume. In Hamburg sind beispielsweise ganze Wände aus Plastikkisten aufgebaut, die von innen beleuchtet werden und teils ständig ihre Farbe wechseln und bewegliche Muster zeigen. Auch die benachbarten Gebäude werden von den Hackern gleich mit illuminiert, mit Dia-Projektionen und Laserlicht.

Sie sind wenige

Der Autoclub ADAC hat rund 18 Millionen Mitglieder, Greenpeace 580.000, die Piratenpartei rund 34.000. Sogar die Hundefreunde vom Klub für Terrier sind mit ihren rund 10.000 Mitgliedern noch doppelt so groß wie der Chaos Computer Club. Der zählt nach Angaben von Club-Sprecher Frank Rieger nach einem deutlichen Zuwachs mittlerweile mehr als 4000 Mitglieder.

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