30 Jahre E-Mail in Deutschland Unerträglich, unverzichtbar

Eine ist meist harmlos, im Schwarm werden sie zur Plage: Seit 30 Jahren gibt es E-Mails in Deutschland. Obwohl das System längst an seine Grenzen stößt, machen wir immer weiter.

Anfang allen Übels: Michael Rotert hat die erste E-Mail in Deutschland erhalten
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Anfang allen Übels: Michael Rotert hat die erste E-Mail in Deutschland erhalten

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Es ist wie bei einem Teenager, der versehentlich den falschen Leuten erzählt, dass er am Wochenende sturmfrei hat und eine Party feiert: Ist die Tür einmal auf, kommen immer mehr Gäste. Klar, über einige wird man sich freuen, einige bringen vielleicht sogar Geschenke mit. Aber je länger der Abend dauert, desto mehr gerät die Situation außer Kontrolle.

Einige der neuen Gäste sind ganz lustig, weil sie so wirres Zeug reden. Nach und nach verstopfen sie aber das ganze Haus. Andere drohen damit, das Wohnzimmer zu zerlegen. Sie wieder loswerden? Nahezu unmöglich. Gleichzeitig wird es immer schwerer, die eigentlich eingeladenen Partygäste wiederzufinden.

Mit einer E-Mail-Adresse ist es so ähnlich: Wir öffnen eine Tür und können uns nicht aussuchen, wer alles hereinkommt. Wir können Filter einrichten, die Spam aussortieren und die E-Mails vom Chef in einen Extra-Ordner legen. Aber in Wahrheit haben wir keine Kontrolle über unseren Posteingang. Jeder kann eine E-Mail an jeden schicken, blitzschnell, kostenlos. Das ist Fortschritt und Fluch zugleich. In Deutschland jetzt seit 30 Jahren. Am 3. August 1984 bekam Michael Rotert an der Universität Karlsruhe die erste E-Mail der Bundesrepublik.

Jede E-Mail könnte wichtige Informationen enthalten. Die meisten enthalten dann doch nur Werbung oder Bestätigungen für etwas, was wir im Web gerade schon bestätigt haben. Oder es handelt sich um freundliche Bankberater, denen wir eine Millionenerbschaft abnehmen sollen. Manchmal stehen auch gottesfürchtige Babys zur Adoption.

Ansehen müssen wir uns den Wust trotzdem. Kaum ist die Inbox sortiert, sind die nächsten E-Mails da. Entfernt sich der moderne Büromensch für ein paar Tage von seinem Computer, kann er danach ebenso viele Tage für das Sichten seines Posteingangs einplanen.

Die E-Mail ist superpraktisch, supereinfach - und supernervig. Das System mag technisch funktionieren. Nur wir Nutzer können mit der großen Verantwortung, den weit offen stehenden Posteingängen, leider nicht umgehen. Jeder Einzelne von uns mag dazu in der Lage sein. Aber gemeinsam scheitern wir alle. Es ist also an der Zeit, E-Mails technisch auf eine neue Stufe zu heben - oder Zeit für Alternativen.

Leider ist es wie mit den Autos. Da wissen wir eigentlich auch, dass die Idee mit dem motorisierten Individualverkehr ganz nett war, aber nun durch schlauere Fortbewegungsmethoden ersetzt gehört. Aber wie das nun mal so ist mit Systemen, die über Jahrzehnte wachsen und wuchern: Sie lassen sich nur schwer ausrotten.

Zum Autor
Jeannette Corbeau

Ole Reißmann ist Redakteur im Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Er hat eine E-Mail-Adresse und freut sich über Nachrichten, verteilt aber gleichzeitig Aufkleber mit seiner persönlichen Kampagne "E-Mails? Nein Danke".

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insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
der_seher59 01.08.2014
1. nur was für Profis
Zitat von sysopOle Reißmann Eine ist meist harmlos, im Schwarm werden sie zur Plage: Seit 30 Jahren gibt es E-Mails in Deutschland. Obwohl das System längst an seine Grenzen stößt, machen wir immer weiter. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/30-jahre-e-mail-in-deutschland-unertraeglich-unverzichtbar-a-983901.html
Wenn man mit dem Medium umgehen kann - eine prima Sache. Die hier jammern, hätten wohl am liebsten noch den guten alten Fernschreiber zurück
alleauswandern 01.08.2014
2. ganz einfach
spam ins Strafgesetzbuch aufnehmen! hohe Geldstrafen auferlegen! internationale Verfolgung! evtl. so etwas wie die ICANN gründen gg. spam. spammer müssen alle kosten übernehmen, auch die von Europol dann. schon hätten wir wieder Arbeitsplätze. aber finde mal einen Politiker der in der Lage ist das umzusetzen!?
Mach999 01.08.2014
3.
Irgendetwas mache ich falsch. Ich nutze seit 20 Jahren Email, und ich habe mich noch nie über die Mailflut beschwert, weder beruflich, noch privat. Mein Mailprogramm auf dem Notebook hat einen Spam-Filter, der weit über 99% der Mails fehlerfrei klassifiziert. Mein Smartphone hat sowas nicht, aber ich erkenne merkwürdigerweise sofort an Absender und Betreff, ob es sich um eine lesenswerte Mail handelt. Beruflich brauche ich nach einem 4-wöchigen Urlaub einen Tag, um die Mails abzuarbeiten. Eine Frage des Vorgehens. Von Mailordnern habe ich mich zum Beispiel schon vor ewigen Zeiten verabschiedet. Erstens passt kein Ordnungssystem auf jede Mail, und zweitens dauert das Sortieren einfach zu lang. Wozu haben Mailprogramme eine Suchfunktion? Die Idee, die Mailflut zu senken, indem ich noch mehr Nachrichten in noch mehr verschiedenen Systemen wie Doodle, Twitter, Facebook, etc. erzeuge, wie in dem verlinkten Artikel empfohlen, ist absurd. Eventuell rührt die gefühlte Belastung einiger Leute auch genau daher, dass sie diesen Ratschlag beherzigen. Dieses Mailflut-Gejammer gibt es, seit ich Mails benutze. Gehört zum guten Ton. Leider kann ich mich daran nicht beteiligen. Ich fühle mich irgendwie ausgeschlossen.
Poseri 01.08.2014
4.
Zitat von sysopOle Reißmann Eine ist meist harmlos, im Schwarm werden sie zur Plage: Seit 30 Jahren gibt es E-Mails in Deutschland. Obwohl das System längst an seine Grenzen stößt, machen wir immer weiter. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/30-jahre-e-mail-in-deutschland-unertraeglich-unverzichtbar-a-983901.html
Das Unheil kommt mit der Email im Büro... weil man überall und bei jedem Mist zumindest in Kopie ist und jede einzelne eben doch etwas Zeit kostet. Täglich flattern ca. 100 Emails in meinen Account und vllt. 20 davon sind letztendlich relevant für mich die ich im schlechtesten Fall schlicht übersehe weil sie in dem Wust von unwichtigem Kram untergeht. Habe jetzt angefangen an zwei Tagen in der Woche die Email gar nicht erst zu öffnen... das sind nun die produktivsten Tage meiner Woche. Kann ich nur empfehlen.
FreakShow789 01.08.2014
5. Ein Witz?
"Das System stößt an seine Grenzen"!? Soll das ein Witz sein? Welche Grenzen denn?
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