30 Jahre Nerv-Reklame Der erste Spammer verdiente zwölf Millionen Dollar - mit einer E-Mail

Was für ein Geschäft! 1978 verschickt ein Computerhändler 600 E-Mails, erreichte ein Fünftel aller Onliner und hat Wochen später Computer für zwölf Millionen Dollar verkauft. Seitdem eifern Spammer diesem Erfolg nach - mit mehr als hundert Milliarden Werbenachrichten am Tag.


Gary Thuerk wusste nicht, dass er historische Zeilen schrieb. Sonst hätte der Computer-Verkäufer der US-Firma DEC sich bestimmt mehr Mühe gegeben, damals am 3. Mai 1978, als er die erste Spam-E-Mail überhaupt verschickte. Thuerk tippte den gesamten Text in GROSSBUCHSTABEN, formulierte aber sehr betulich: "Wir laden Sie ein, uns zu besuchen und den 2020 zu sehen und etwas über die DEC-System-20-Familie zu hören." Gemeint waren damit neue DEC-Computer, die Thuerk bei zwei Verkaufspräsentationen in Kalifornien vorführen sollte.

Thuerks Versprechen: "Ein 2020 wird dort zu sehen sein, außerdem Terminals, die online mit anderen Decsystem-20-Systemen über das Arpanet verbunden sind. "Kein Vergleich zu den knalligen Versprechen der unerwünschten Werbepost, die heute in die E-Mail-Fächer schwappt mit Betreffzeilen wie:

  • "Mittel gegen Impotenz"
  • "Mercedes CLK zu gewinnen"
  • "Wir haben Sie nackt gefilmt"

Experten schätzen, dass 90 Prozent aller heute verschickten E-Mails solche Botschaften enthalten, am Wochenende soll der Anteil unerwünschter Werbe-Nachrichten noch höher sein - mehr als hundert Milliarden Spam-E-Mails versenden Kriminelle angeblich täglich, meist über gecrackte Server oder infizierte Heimrechner. Manchmal erinnert die Maschinenlyrik der Spam-Roboter an Dada - 2006 zum Beispiel präsentierte SPIEGEL ONLINE eine Auswahl der schönsten Spam-Gedichte im Cabaret Voltaire, dem Ursprungsort des Dada (siehe Kasten unten).

Im Vergleich zu den aggressiven Spam-Nachrichten von heute war Computer-Verkäufer Thuerk vor 30 Jahren ganz brav: Er verschickte seine Werbe-E-Mail ganz offiziell von einem Computer seines Arbeitgebers DEC aus. Die Reichweite war relativ gesehen gewaltig: Thuerk schrieb ein Viertel aller Internetbenutzer an - dafür genügten 1978 gut 600 E-Mail-Adressen. Die Post erreichte aber nur 320 Empfänger - mehr Adressen konnte die E-Mail-Software damals nicht verarbeiten.

600 Empfänger, das war 1978 ein Viertel aller Onliner

Thuerk wehrt sich gegen unfaire Vergleiche seiner Produktinformationen mit den kriminellen Spam-Wellen von heute. Dem US-Magazin " Entrepreneur" erklärte Thuerk, er habe: "eine Gruppe, zu der er gehörte, informiert, dass eine Technologie verfügbar war". In der Tat: Thuerk konnte 1978 davon ausgehen, dass jeder der 2600 damals per E-Mail erreichbaren Menschen ein berufliches Interesse an neuen Computersystemen hatte. Im Internet waren damals ja fast nur Informatiker, die an ihren Instituten bei Neuanschaffung sicher auch etwas zu sagen hatten.

Und vor allem: Thuerks Produkt gab es wirklich, und es leistete das, was seine Spam-Nachricht versprach.

Spam-Erfolg: 40 Besucher, zwölf Millionen Dollar

Die unerwünschte Werbe-E-Mail brachte Thuerk tatsächlich neue Kunden: Zu den beiden Vorführungen der neuen DEC-Rechner kamen zusammen etwa 40 Besucher, erzählt er dem "Wall Street Journal". Und im Anschluss an die Präsentation verkaufte er neue DEC-Rechner für zwölf Millionen Dollar.

Thuerk arbeitet heute für den Computer-Konzern HP - im Verkauf.

Angesicht der zwölf Millionen Dollar Umsatz konnte Thuerk den Ärger verschmerzen, den ihm seine Spam-Nachricht außerdem einbrachte. "Die Leute beschwerten sich sofort", erzählt er dem "Wall Street Journal" zum 30. Jahrestag. Der kanadische Programmierer Brad Templeton hat einige der Debatten-E-Mails archiviert, die damals durchs Netz gingen. Ein Major von der damals für die Apranet-Technik zuständigen Militärbehörde schrieb: "Die war eine offenkundiger Verstoß der Nutzungsbedingungen des Arpanet." Ein Mitarbeiter der Denkfabrik Rand schrieb Thuerk, er habe "die Spielregeln verletzt".

Thuerk wiederholte seine Werbeaktion nicht.

Und lange Zeit, eigentlich die gesamten achtziger und frühen neunziger Jahre über, waren unerwünschte Werbenachrichten kein Problem im Internet. Es waren nur wenige Menschen online, fast nur Wissenschaftler und Militärangehörige.

1993 bekommt Spam seinen Namen

Der Begriff Spam als Bezeichnung für eine unerwünschte Massen-E-Mail-Welle an Unbekannte taucht im Internet 15 Jahre nach Thuerks Werbefeldzug auf. Software-Dozent Joel Furr saß am 31. März 1993 nachts vor seinem Computer und beobachtet eine Welle seltsamer Nachrichten in den Diskussionsforen des Internetdienstes Usenet: Ein falsch programmierter Softwareroboter setzte mehr als 200 Mitteilungen in einem Usenet-Forum ab. In der Betreffzeile stand ARMM - und mit jeder Nachricht kam ein neues "ARMM" dazu. Usenet-Fan Furr kommentierte dieses Programmier-Debakel als "spammen".

Das Kunstwort Spam hat eine lange, wirre Geschichte: Ein Dosenfleisch-Hersteller kürzte in den dreißiger Jahren sein bekanntestes Produkt ("spiced ham" - gewürzter Schinken) so ab. Die Komiker-Gruppe Monty Python ließ ihn in einem Drei-Minuten-Sketch gut 120 Mal fallen. Schauplatz ist ein Bistro, auf dessen Karte nur Spam-Gerichte stehen.

Der Unglücksprogrammierer Richard Depew benutzte den Begriff selbst in seinen Entschuldigungsnachrichten: "Ich bin einer der guten Jungs! Ich spamme Gruppen nur aus Versehen zu."

Zwei US-Anwälte starten die erste Profi-Spamflut

1993 war das World Wide Web entstanden, der erste Internet-Browser war kostenlos verfügbar, immer mehr Privatleute nutzten das Internet.

Am 18. Januar 1994 kündigte Clarence Thomas, ein Student oder Dozent von der Adeventisten-Uni in "Andrews University" aus Michigan, in einer gleichlautenden Nachricht in 55 Usenet-Gruppen an: "Globaler Alarm an alle: Jesus kommt bald!"

Das war die Auftakt-Nachricht für ein großes Spam-Jahr. Das Netz wurde für Geschäftemacher interessant.

Zum Beispiel für die Anwälte Laurence Canter und Martha Siegel aus Arizona. Sie überschwemmten am 21. April 1994 das Usenet und E-Mail-Adressen mit Tausenden gleichlautender Nachrichten: "Green Card Lotterie - die Letzte?" Die Botschaft der Einwanderungsanwälte: Wer in die Vereinigten Staaten einwandern will, könnte nun wohl die letzte Chance haben. Ihr Angebot: Für "KOSTENLOSE" Informationen solle man sich doch bitte per E-Mail an sie wenden.

"Verdienen Sie ein Vermögen auf der Datenautobahn!"

Das Geschäft lief offenbar gut für die beiden. Sie behaupteten, Hundertausende Dollar verdient zu haben. 1995 veröffentlichten sie beim US-Verlag HarperCollins einen Ratgeber zum sogenannten "cyberselling" mit diesem beinahe spam-würdigen Versprechen im Klappentext: "Ein Kapitel begutachtet die große Menge an anzüglichen Inhalten und Pornografie im Netz."

Der Titel dieses Spammer-Ratgebers klingt wie die Betreffzeile einer Spam-Nachricht: "So verdienen Sie ein Vermögen auf der Datenautobahn!"

Das versuchen Spammer seitdem beharrlich.

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