30 Jahre World Wide Web Tim Berners-Lee sorgt sich um seine Erfindung

Vor drei Jahrzehnten hat der britische Physiker Tim Berners-Lee den Grundstein für das World Wide Web (WWW) gelegt. Mittlerweile warnt er vor dem Missbrauch seiner Erfindung - und will sie selbst retten.

Tim Berners-Lee
FABRICE COFFRINI/POOL/EPA-EFE/REX

Tim Berners-Lee


Tim Berners-Lee sieht das offene und freie Web schon länger in Gefahr. Dieser Tage jedoch bekommen seine Sorgen weltweit besondere Aufmerksamkeit, denn der heutige Dienstag gilt als der 30. Geburtstag des World Wide Web (WWW), dessen Erfinder Berners-Lee ist.

"Der Kampf für das Web ist eines der wichtigsten Anliegen unserer Zeit", schrieb Berners-Lee zu diesem Anlass bereits Montagabend in einem offenen Brief. Dienstag nimmt er nun bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (Cern) in Genf an einer 30-Jahr-Feier teil. Berners-Lee, mittlerweile 63, hatte seine Pläne für das WWW im März 1989 vorgelegt, als er am Cern arbeitete.

"Angesichts der Artikel über den Missbrauch des Webs ist es verständlich, dass viele Leute sich sorgen und unsicher sind, ob das Web wirklich einen positiven Einfluss hat", heißt es nun im Brief von Berners-Lee. "Aber es wäre defätistisch und einfallslos anzunehmen, dass das Web in seiner heutigen Form in den nächsten 30 Jahren nicht zum Besseren verändert werden kann."

Fotostrecke

26  Bilder
Fotostrecke: WWW-Geschichte - Historische Websites

Berners-Lee wollte einst ein System zum besseren Informationsaustausch für Wissenschaftler und Universitäten entwickeln. "Vage, aber interessant", schrieb sein Vorgesetzter auf das Papier.

"Es war eine Vision, die die Gesellschaft und die Art, wie wir Informationen bekommen und uns global vernetzen, verändert", sagte am Dienstag die Cern-Generaldirektorin Fabiola Gianotti in Genf. "Wir feiern die Vision und die unglaublichen Möglichkeiten, die das Web für die Gesellschaft geschaffen hat." Heute ist die Hälfte der Weltbevölkerung online.

Das WWW ist nicht mehr wegzudenken

Berners-Lee warnt in seinem Brief vor Datenmissbrauch, Desinformationen, Hassrede und Zensur. Absichtlich verbreiteten böswilligen Inhalten könne mit Gesetzen und Code entgegengewirkt werden, schreibt er. Geschäftsmodelle, die die Weiterverbreitung von Falschinformationen fördern, könnten unterbunden werden.

"Unternehmen müssen mehr tun, um sicherzustellen, dass ihr Gewinnstreben nicht auf Kosten von Menschenrechten, Demokratie, wissenschaftlichen Fakten und öffentlicher Sicherheit geht", mahnt Berners-Lee. Er wirbt mit seiner Stiftung, der World Wide Web Foundation, dafür, dass Firmen, Regierungen und die Zivilgesellschaft einen Vertrag für ein besseres Web ausarbeiten.

Berners-Lee arbeitet außerdem an einem Open-Source-Projekt namens Solid. Die Grundidee dahinter lautet: Jeder Nutzer sucht sich selbst aus, wo er seine Daten speichert, wer welche davon einsehen oder nutzen darf und mit welchen Anwendungen das möglich ist.

mbö/juh/dpa



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon_5112961 12.03.2019
1. Der Mann hat wohl
zu Recht ein schlechtes Gewissen. Wo viele Menschen sinnlos walten, sinken die Chancen gut zu gestalten.
vetris_molaud 12.03.2019
2.
Er wollte freien Infomationsaustausch - bekommen haben wir Facebook und Katzenvideos (ganz liebe Tiere) ...
Pompeo Davyd 12.03.2019
3. Er mag
Zitat von spon_5112961zu Recht ein schlechtes Gewissen. Wo viele Menschen sinnlos walten, sinken die Chancen gut zu gestalten.
ein schlechtes Gewissen haben, aber wohl kaum zu Recht. Oder sollte der Hersteller von Brotmessern ein schlechtes Gewissen haben, wenn mit seinem Produkt jemand erstochen wird? Für alles, was man am www kritisieren kann und muss, tragen die Benutzer die Verantwortung. Wer Hass, Hetze, VT u.ä. ins Netz bläst, trägt die Schuld am Zustand desselben. Es wäre eine große Hilfe, wenn weltweit sämtliche Kommentarseiten und die Social-Mediaseiten geschlossen würden. Es reicht, die B2B- und B2C-Funktionalität aufrecht zu erhalten. Das spart Energie und vermeidet den Dreck, der heute das Netz unbrauchbar macht. Ebenso müssten E-Mail und Dienste wie Whatsapp kostenpflichtig werden. Kurzum: man muss das Netz zurückstutzen, um es weiter unterhalten zu können.
nasodorek 12.03.2019
4.
Zitat von spon_5112961zu Recht ein schlechtes Gewissen. Wo viele Menschen sinnlos walten, sinken die Chancen gut zu gestalten.
Warum sollte er ein schlechtes Gewissen haben? Carl Benz ist ja auch nicht Schuld daran, dass die individuelle Mobilität dermaßen aus dem Ruder gelaufen ist, dass der moderne Mensch (mich eingeschlossen) denkt, es ist sinnvoll zwei Tonnen Stahl zu bewegen um von A nach B zu kommen. Die Idee eines dezentralen Netzwerks in dem im besten Fall jder Knoten direkt mit jedem Anderen kommunizieren kann ist immer noch herausragend, dass die Bequemlichkeit der Nutzer (wieder: mich eingeschlossen) zu Diensten wie Google und Facebook geführt hat, ist schade.
Rincewind 12.03.2019
5. In einer Reihe mit den Kernforschern Anfang des 20. Jahrhunderts
Genauso wie man wissenschaftliche Daten, Wissen und Forschung im WWW teilen kann, kann man auch Hassreden, Hetze und Fake-News verbreiten. Genauso wie man mit Kerntechnik Strom und Wärme produzieren und Krebs heilen kann, gibt es auch Atomwaffen und SuperGAUs. Das WWW ist eine der grossartigsten Erfindungen, die dieser Mann geschaffen hat! Die Menschheit ist nur zu blöd, es richtig anzuwenden....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.