Fotoprojekt: 60-90-60

Von Hakan Tanriverdi

Aus einem Vertipper ist ein Happening auf Twitter geworden, ein Fotoprojekt über Körpermaße: 60-90-60 statt 90-60-90. Nutzer machen mit, kritisieren Model-Mode und diskutieren, was eigentlich normal ist.

Sie möchte gut aussehen, so beginnt Journelle ihren Blogbeitrag. Aber das sei kaum möglich, da gut sitzende Kleidung nur für Frauen hergestellt werde, die maximal Größe 38 tragen. "Warum ist es nicht möglich, dass Mode nicht für einen Idealkörper von 60-90-60, sondern für individuelle Körpergruppen gemacht wird?", fragt sie weiter.

Klar, das müsste 90-60-90 heißen, doch aus dem Tippfehler von Journelle, die nur ihr Pseudonym nennen mag, wird ein Happening auf Twitter. Unter dem Schlagwort #609060 und der Zeile "normale Menschen in Oberbekleidung" werden Selbstporträts ins Netz gestellt. Allein auf der Fotoplattform Instagram finden sich mittlerweile 500 solcher Bilder.

"In den Zeitschriften findet man nicht das Abbild der Realität", sagt Journelle, "das wollte ich konterkarieren." Auch in den Katalogen und Online-Shops, in denen Mode zu kaufen ist, sei nicht die Realität abgebildet. Die Kleidungsstücke würden immer an einem bestimmten Typ Frau zur Schau gestellt. "Ich würde mir wünschen, dass Mode repräsentiert wird an Models, die nicht komplett zurechtretuschiert wurden", schreibt die Bloggerin.

Klischees verschwinden

Auch Patricia Cammarata, ebenfalls eine Bloggerin, macht bei der Aktion mit. Gängige Klischees wie "Mein Gott bin ich dick" oder "Ich seh immer doof auf Fotos aus", schreibt sie, würden beim Anblick der vielen Fotos regelrecht verpuffen. So werde sie in ihrem Gefühl bestärkt, normal zu sein.

Zahlreiche Studien belegen, dass Dicke durch die Darstellung dünner Körper in den Medien stigmatisiert werden. Drei Beispiele:

  • Junge amerikanische Paare wurden 2004 gefragt, ob sie ihr Kind abtreiben würden, wenn es mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent dick würde: Drei Viertel der Befragten bejahte die Abtreibung.
  • Eine Studie an der Universität Halle ließ Frauen durch Zeitschriften blättern: Eine Gruppe blätterte durch Magazine ohne Werbung mit Models, die andere Gruppe durch Magazine mit Model-Werbung. Das Ergebnis: Die Frauen, die sich Models angeschaut haben, sind anschließend unzufriedener mit ihrem eigenen Körper und glauben, dass auch andere Frauen dieses - dünnere - Idealbild anstreben.
  • Jedes zweite Mädchen in Großbritannien raucht, um seinen Appetit zu hemmen.

"Neid ist ein Thema"

Doch die Aktion hat auch ihre Kritiker: Anke Gröner, die ein Buch über ihr Dicksein geschrieben hat, erklärt in ihrem Blog, warum sie nicht an 609060 teilnimmt. Sie persönlich könne nichts mit dem Begriff der Normalität anfangen. "Ich falle auf, so wie ich bin, weil es eben nicht normal ist, so auszusehen", sagt sie. Die Frauen, die anfänglich bei 609060 mitgemacht haben, sind in den Augen von Gröner in erster Linie eines: schlank. "Ich kann da keinen Unterschied sehen zu den Mädels aus den Magazinen. Darum verstehe ich die ganze Aktion nicht", sagt Gröner.

Grundsätzlich unterstütze sie die Aktion, denn solange das Mitmachen daran den Frauen das Gefühl gebe, sie seien wunderbar, so wie sie sind, finde sie es gelungen.

Journelle hat an sich selbst gemerkt, dass auch Neid eine Rolle spielt: "Man sieht einen tollen Körper und denkt, den hätte ich auch gerne." Sie findet es tragisch, dass sie Neid empfinde bei schlanken Menschen, anstatt ihren eigenen Körper schön zu finden, so wie er ist.

Auf die Kritik angesprochen, reagiert sie mit Verständnis. Aus Sicht von Gröner könne sie das nachvollziehen. Journelle habe ihren Beitrag einfach heruntergeschrieben und mit dem Wörtchen "normal" niemanden ausschließen wollen. "Die Vielfalt ist ja das Normale", sagt sie.

Das Foto, das sie im Anschluss an die Kritik hochgeladen hat (siehe Fotostrecke), trägt einen etwas längeren Titel: "Normale (im Sinne einer Dekonstruktion des Normativitätsbegriffs zu Gunsten einer heterogenen und damit normalen weil real, echt, vielfältig, heterogenen Realität und Wahrnehmung) in herbstlicher Oberbekleidung mit schwerem Vorhang."

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