"911", Teil 2 "Unabwendbare Todesfälle"

Hinter dem Mail-Alias Xineohpoel verbirgt sich wahrscheinlich niemand anders als "Sollog" - alias John Patrick Ennis. Der treibt sein wirres Spiel bereits seit Jahren. Als "Seher" hat er sich auf die nachträgliche Vorhersage von Katastrophen spezialisiert. Als "Gott" bedroht er Journalisten.


Xineohpoel meint sich selbst.

Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ist Xineohpoel niemand anders als Sollog, der selbsternannte Prophet des Internet. Der treibt sein Unwesen bereits seit Anfang der Neunziger und erlebt Zeiten guter Konjunktur immer dann, wenn Menschen leiden.

"Sollog", sagt der Journalist Howard Altman, der über mehrere Jahre das zweifelhafte Vergnügen hatte, sich mit Sollog auch vor Gericht auseinander setzen zu müssen, stand einmal für 'Son of Light, Light of God'".

Im Interview lässt Altman deutlich durchscheinen, wofür er Sollog hält: Als Altman sich in einigen kritischen Kolumnen über die selbsternannte Gottheit lustig machte, bedrohte ihn Sollog mit Briefbomben und verklagte ihn auf eine Billion Dollar Schadenersatz. Altman: "Das war schon sehr verrückt".

Eigentlich heißt Sollog John Patrick Ennis, doch seit Jahren verklagt er jeden, der es wagt, ihn bei seinem Taufnamen zu nennen. In Archiven und im Web ist Ennis darum relativ schwer zu finden. Die wenigen Fotos, die es von ihm gab, sind längst - mit anwaltlicher Hilfe - verschwunden.

Auch, ob Sollog wirklich nur die Einzelperson Ennis ist, oder ob eine ganze Gruppe von Leuten, die den Gott als "Marke" führen, dahinter steckt, ist längst nicht geklärt: Ennis ist jedoch offensichtlich der Erfinder. Doch auch ein "J.P: Essene", "Hisam H'asi", "Tony DiPaolo", "Nick Ensley" und "Leo Phoenix" werden als "Inkarnationen" gehandelt. Dreht man den letzten Namen um, landet man bei Xineohpoel. Ob diese Namen für echte Personen stehen oder bloße Alias-Namen sind, die Ennis führt, ist ebenfalls ungeklärt.

Unwahrscheinlich ist dieser letzte Fall nicht: Bisher sind von John Ennis 81 E-Mail-Adressen bekannt - Er liebt das Versteckspiel.

Werbung mit Weltuntergangsvisionen

Sollog/Ennis betreibt mehrere, teils kommerziell orientierte Websites. Alle seine Seiten vermarkten seine Bücher, die angeblich auch Käufer finden: Unter anderem bringt Sollog eine eigene Nostradamus-Übersetzung und -Interpretation heraus. Die Seite, die nach ihm benannt ist, gehört jedoch seinem Verlag: Vieles deutet darum darauf hin, dass die verschiedenen "Sollog"-Aktivitäten in den Newsgroups nichts anderes sind als Marketing. Gut möglich auch, dass zu irgendeinem Zeitpunkt Ennis als führende oder alleinige Sollog-Figur "unter Kontrolle gebracht" wurde.

Indizien

Bis 1998 fiel Sollog immer wieder durch die wüste Beschimpfung von Kritikern bis hin zur zweideutigen Bedrohung mit "unabwendbaren Todesfällen" auf. Sollog/Ennis stand vor Gericht, weil er angeblich absichtlich einen Polizisten überfahren wollte und wurde zu mehreren Gelegenheiten als potenziell gefährlicher Choleriker von Polizei und Geheimdiensten überprüft - unter anderem wegen Bedrohung des damaligen Präsidenten Bill Clinton.

Diese Phase endet mit dem Antritt einer mehrmonatigen Haftstrafe Anfang 1998. Sollog bestand fort - als Buchautor und Website. Alias-Identitäten wie Xineohpoel sammeln in den Newsgroups Jünger - und Käufer für Sollogs Bücher.

Seine Methode ist dabei immer dieselbe. Robert Todd Carroll, Betreiber des Skeptic's Dictionary und nicht der beste Freund der Ufologen und Propheten dieser Welt, erklärt die Methode anhand einiger Beispiele aus dem Jahre 1999, das Sollog ursprünglich als Weltuntergangsjahr propagiert hatte. Seitdem verhielt er sich relativ ruhig:

"Sollog sagte voraus, der Papst werde am 15. Oktober sterben und Bill Clinton am 13. November (gemeint ist 1999, Red.). Tatsächlich behauptet Sollog nun, diese Prophezeiungen seien 'erfolgreich' gewesen. Er habe natürlich Anton Lavey, den Satanisten-Papst, gemeint. Und begann der Impeachment-Prozess gegen Clinton nicht am 15. November 1999? Ein Impeachment sei doch wohl eine perfekte Allegorie für einen politischen Tod".

Damit hätte sich Sollog in beiden Fällen nur um wenige Tage vertan - das ist verzeihlich. Gebräuchlicher ist bei Sollog aber eine erheblich keckere Methode: Er korrigiert einfach die Vergangenheit, indem er seine Prognosen erst nachher stellt oder nonstopp prophezeit und diejenigen herauspickt, die dann irgendwann irgendwie "treffen".

Das tut er mit verblüffendem Erfolg. Den Beweis dafür finden Sie vielleicht, wenn Sie das nächste Mal Ihre E-Mails kontrollieren.

Doch selbst wenn Sollog Sie immer noch überzeugen sollte: Ein Grund zur akuten Panik ist das nicht. Erst in 13 Jahren wird die Welt untergehen, sagte er am Dienstag voraus, und ein Viertel von uns wird überleben. Wer dann Zeit und Lust hat, den Meister persönlich zu treffen: Er erwartet seine Jünger meditierend in der Wüste von Nevada.

Die ist zwar groß, doch dürfte es kaum ein Problem darstellen, Sollog/Xineohpoel/Ennis oder wie er auch gerade heißt zu finden: Laufen Sie einfach den anderen Millionen Gläubigen hinterher.

Und, bitte, löschen Sie diese E-Mail.

Frank Patalong

Interview: Howard Altman zu seinen persönlichen Erfahrungen mit "Sollog"



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