Abgemahnt Wo Harry Potter draufsteht, soll auch Time Warner drin sein

Seit einigen Wochen mahnt das US-amerikanische Medienunternehmen Time Warner Websites ab, die "Harry Potter" im Namen führen. Für den Konzern ist das ein Vorgehen gegen Domain Grabbing - für die (oft kleinen) Betroffenen eine Enttäuschung.

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Stein des Anstoßes: Kathis Welt dreht sich um Harry Potter

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Time Warner hat in den letzten Wochen Schlagzeilen gemacht: Das rigorose Vorgehen des Konzerns gegen Domain Grabber, die Internet-Adressen mit dem Namensbestandteil Harry Potter nutzen, hat viel Aufmerksamkeit erregt. Die meisten Domain-Inhaber traten ihre Web-Adressen widerstandslos ab, einige Fälle landeten vor Gericht.

Am Donnerstag gewann Time Warner einen Streit um mehr als 70 Harry-Potter-Internetadressen. Wie die Weltorganisation für geistiges Eigentum in Genf (WIPO) mitteilte, hat das Schiedsgericht ein kleines Unternehmen in Kalifornien aufgefordert, Adressen wie www.harrypotter3.net oder www.theharrypottermovie.com abzutreten.

Die meisten Adressen waren kurz nach dem 15. März registriert worden, als der amerikanische Fernsehsender CNN die Verfilmung des ersten Harry-Potter-Buchs angekündigt hatte. Pfiffige Internetkenner hatten sich in den vergangenen Jahren für das Internet Adressen mit bekannten Markennamen registrieren lassen, um diese später für viel Geld an die Markenbesitzer zu verkaufen. Dieser Praxis soll mit den Schiedsgerichten ein Riegel vorgeschoben werden.

Das WIPO-Schiedsgericht befand, dass Harper Stephans, in dessen Namen die Adressen registriert worden waren, keinerlei legitime Interessen an Harry Potter habe. Die Adressen verletzten vielmehr Urheberrechte, die Time Warner sich gesichert habe. Die Registrierstelle, Network Solutions im US-Bundesstaat Virginia, muss die Harry-Potter-Internetadressen nun an Time Warner überschreiben.

Die Nachricht hinter der Nachricht

Reaktion: Am 17. Dezember erfuhr Katharina, dass sie zur "Domain Grabberin" geworden war

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Der Fall scheint also klar zu sein, doch wie so oft hat die Geschichte zwei Seiten. Denn es sind durchaus nicht immer Domain Grabber, die hier von Abmahnungen betroffen sind - und das gilt auch für die Betreiber deutscher Websites.

Eine von ihnen ist Katharina Dücker, geboren 1986 - und Harry-Potter-Fan. Ihre Domain registrierte sie am 18. Februar 2000, deutlich vor dem von Time Warner genannten Stichtag. Ihr Vater, Bernd Dücker, versuchte damals, ihr das auszureden: "Ich habe ihr gesagt, nimm doch was Allgemeineres. In ein, zwei Jahren ist es vorbei mit dem Harry-Potter-Fansein, und dann sitzt du auf der Domain".

Doch Katharina ist Fan, durch und durch. Copyright-Verstöße wird ihr niemand vorwerfen. Bernd Dücker: "Die Inhalte hat sie selbst geschrieben, die Bilder selbst gemalt. Es sind ein paar Bilder aus einem 'Stern'-Bericht auf der Seite, aber da haben wir bei Gruner + Jahr nachgefragt und die Erlaubnis erhalten".

Ein sauberes Vorgehen. Doch am 17. Dezember bekam "Frau Katharina Dücker" Post von der Münchner Anwaltssozietät Boehmert & Boehmert. Die vertritt in Deutschland die Klienten "Time Warner Entertainment Co. L.P., New York, USA" sowie "Warner Bros., Burbank, Kalifornien, USA".

In sauberstem Juristendeutsch und noch nicht einmal unfreundlich wird Katharina darauf hingewiesen, dass sie die Domain abzumelden und zu "dekonnektieren" habe. Wörtlich: "Leider ist es hierzu auch erforderlich, von echten Fans die Löschung unrechtmäßig eingetragener Domains zu fordern".

Harry Potter und anderes: Selbstgemacht und unkommerziell

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Die Frist, die von den - noch einmal - tatsächlich recht freundlichen Anwälten der 14-Jährigen gegeben wurde: "Dekonnektierung" bis zum 23. Dezember. Ein Ultimatum, das gleichzeitig Bedingung dafür ist, von einer "strafbewehrten Unterlassungserklärung" abzusehen.

Das kann teuer werden, und das tut weh. Bernd Dücker: "Natürlich nehmen wir die Domain vom Netz, wir haben schon mit dem Provider gesprochen: Kein Problem. Unverschämt finde ich es allerdings, eine derart knappe Frist zu setzen".

Eine pragmatische Reaktion. Man muss sich den Vorgang vor Augen halten: Rechtlich ist die Sachlage tatsächlich klar. Time Warner hält die Rechte am Namen Harry Potter, die "Domain Grabberin" Katharina Dücker nicht. Zwar konstatiert das Schreiben der Anwälte, dass die Website des Mädchens zum Teil urheberrechtlich geschütztes Material enthalte und auch Merchandizing-Ware zum Kauf angeboten werde und outed sich so als Serienbrief, denn davon kann wahrlich keine Rede sein. Doch der Punkt ist eigentlich ein anderer.

Vorgänge wie die um Katharina Dückers Homepage zeigen, wie eng es geworden ist im Cyberspace. Der einst bejubelte Freiraum für jedermann existiert nicht mehr. Das Recht des Einzelnen, frei im Web zu publizieren, trifft auf immer härtere Grenzen. Im Zweifelsfall wird die Begeisterung einer 14-Jährigen zum finanziellen und rechtlichen Risiko.

Time Warner, schreiben die Anwälte, wisse die "Begeisterung und den persönlichen Einsatz" für die Kunstfigur Harry Potter "sehr zu schätzen". Auch werbliche Effekte durch die Bemühungen des Mädchens, "Aufmerksamkeit für die Figur zu wecken", sind hoch willkommen. Nur bitte nicht unter einer Adresse, die so eindeutig auf Potter verweist: Wo Harry Potter draufsteht, soll schließlich auch Time Warner drin sein.

Für das Mädchen, die sich - mit anderen, zunächst einmal ermahnten Fans - wahrscheinlich in den nächsten Tagen in Zeitungsmeldungen wiederfinden wird, ist das zunächst einmal eine "große Enttäuschung", wie ihr Vater sagt. Irgendwann nach dem 23. Dezember wird Time Warner wohl verlauten lassen, man habe eine Reihe von Harry-Potter-Adressen erfolgreich aus den Händen von Domain Grabbern befreit. Dem Recht ist dann genüge getan. Für das ehemals freie Publikationsmedium Internet ist das der Anfang vom Ende: Good bye, Medium der kleinen Leute. Willkommen im internationalen Markenweb.



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