Abmahnungen Musik-Lobby geht gegen Web-Karaoke vor

Die amerikanische Branchenlobby RIAA hat damit begonnen, Web-Karaoke-Sänger, die ihre schrillen Filme bei YouTube und anderen Videoseiten veröffentlichen, abzumahnen. Ein Schuss gegen die lebendige Seite der Web-Kultur - und ins eigene Knie.

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Wie viele 15-Jährige kennen noch Aretha Franklins Klassiker "Respect" aus dem Jahre 1967? Etliche Millionen, und das ist weder Franklin selbst, noch ihrer Plattenfirma geschuldet: Zu völlig neuer Popularität verhalfen dem Song vor einigen Monaten zwei junge Mädchen aus den Niederlanden. Als "Pomme & Kelly" rockten sie überzogen Playback-mimend vor einer Webcam herum und taten dies so spritzig, dass die liebe Web-Community sie prompt zu den ersten so genannten Google-Idols kürte (was mit dem Suchmaschinenbetreiber direkt allerdings nichts zu tun hat).

Denn zu den Tönen anderer Menschen vor der Kamera eine Show abzuziehen ist Trend. Der Blitzerfolg von YouTube beruht zu einem guten Teil darauf, obwohl es weit ältere Services gibt, die seit Jahren mehr oder minder dasselbe anbieten. Doch erst der Boom des Web-Karaoke - 2004 versehentlich eingeleitet vom längst legendären Gary Brolsma, der zum unsäglichen Sommerhit Dragostea din Tei "Numa Numa" zappelte - verhalf Seiten wie Albinoblacksheep, Vimeo oder Googleidol zu Kultstatus. Jetzt wackelt vor der Webcam, wer jung ist und in sein will und im Web beachtet.

Nicht mehr lange allerdings, wenn es nach der US-Musiklobby RIAA geht. Die hat offenbar bereits Anfang Juni damit begonnen, gezielt die Macher solcher Web-Karaoke-Videos bei YouTube abzumahnen. In den meisten Fällen (was wohl so gut wie immer bedeuten soll) seien die Urheber- und Lizenzrechte vor der Veröffentlichung nicht geklärt worden, ein Einverständnis der Copyright-Eigner liege nicht vor.

Die RIAA, obwohl formal sicherlich im Recht, scheint hier sehr schlecht beraten. Sie schießt auf einen äußerst lebendigen Teil der Web-Kultur - die Lobby scheint weiter nach Wegen zu suchen, sich extrem unbeliebt zu machen. Doch mehr als das: Ob das Vorgehen der Musiklobby der Branche nützt, die sie vertritt, darf bezweifelt werden. Schließlich führen die Web-Karaoke-Videos vor allem dazu, dass gerade Lieder, die bei der Zielgruppe nicht populär sind, bekannt werden.

Denn je schräger ein Lied wahrgenommen wird, desto erfolgreicher das selbstgedrehte Video. Pomme und Kelly suchen sich nach eigener Aussage für ihre Videos besonders "lahme" Lieder aus: Damit sind zumeist die Hits ihrer Eltern und Großeltern gemeint oder Musikstücke abseits des Mainstreams, die aufgrund ihrer Schrillheit sonst eher ein kleines Publikum erreichen. Aretha Franklin kam nicht zu neuen Ehren, weil ihr Song als gut empfunden wurde, sondern als lustig. Gary Brolsmas veredelte Numa-Numa zu einer enorm selbstironischen Lachnummer - vorher war der Song erst ab 2 Liter Sangria erträglich, nachher dachte man an Brolsma und hatte seinen Spaß daran.

Das alles ist ja auch nicht neu: Musikvideos galten in der Branche seit Beginn ihrer massenhaften Verteilung, die mit MTV und Co erst in den Achtzigern richtig einsetzte, vor allem als Promotionmaterial. Gegen ihre Verteilung hatte die Musikindustrie nie etwas unternommen. Ein kraftvolles Video, hatten die Branchenlenker schnell erkannt, verkauft in seinem Kielwasser sogar ein äußerst dünnes Liedchen. Und das gerade älteres Material wieder populär wird, weil man es - dank Outfits der Stars wie deren Musik - nach Jahren nur noch als Realsatire empfinden kann (Glam-Rocker, Abba), ist auch nicht neu: Ironisch lachend tanzen ist Teil des Zeitgeistes und definitiv verkaufsfördernd.

Doch seit Handyfirmen Clips mobil verkaufen, seit Download-Shops wie iTunes mit ihren Anwälten um Lizenzen für den Web-Verkauf ordinärer Musikvideos buhlen und verhandeln, hat die Branche einen neuen Wert in den Clips entdeckt. Und pocht nun auf ihr alleiniges Recht, Musik zu bebildern.  Als ob sie das besser könnte als Pomme, Kelly oder Gary.



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