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Abmahnwahn: Westen, tief im Osten

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Der Domain-Abmahnwahn treibt immer neue Blüten. Jetzt mahnte der Karstadt-Konzern die Domain Kaufhaus-des-Ostens.de ab, weil eine Verwechslungsgefahr mit dem Kaufhaus des Westens bestehe. Ist ja logisch.

Kaufhaus: Bei Schacks gibt es eine breite Warenpalette - solang man nur nach Daumenkinos sucht

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Der Essener Karstadt-Quelle-Konzern hat einen Leipziger Kleinunternehmer verklagt, der die Internet-Domain "www.Kaufhaus-des-Ostens.de" betreibt. Konzernsprecher Elmar Kratz sagte, sein Unternehmen verlange von dem Beklagten die Löschung des Eintrags. Als Grund nannte er eine Namensverwandtschaft zum Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe) und den entsprechenden Internetdomains "kadewe.de" und "kadewe.com".

So weit, so gut. Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass beispielsweise eher große Rundfunkhäuser wie der WDR eine Heidenangst davor haben, mit einem eher kleinen Journalisten wie Wolf Dieter Roth verwechselt zu werden, der qua Geburt zu einem verwechslungsfähigen Initial verurteilt ist. Dass er dieses vier Jahre, bevor der mächtige WDR so richtig bemerkte, dass da inzwischen ein "Internet" entstanden war, als "org"-Domain registrieren ließ, ist natürlich verbrecherisch. "org" steht für "Organisation", und organisiert ist ja wohl der WDR, und nicht der Wolf Dieter.

So ähnlich ist das nun mit den Kaufhäusern. Karstadt betreibt eines, das "Westen" heißt, Holger Schack ein virtuelles in Leipzig, das "Osten" heißt.

Das ist fies: Kein Wunder, dass der Konzern sich wehrt

Insbesondere, weil beide Unternehmen in einem ähnlichen Geschäftsfeld arbeiten: Das Kaufhaus des Westens verkauft so ziemlich alles, das Kaufhaus des Ostens verkauft Daumenkinos. Wer nun mit den aktuellen Daumenkino-Angeboten zufrieden gestellt ist und ein solches käuflich erwirbt, der sucht vielleicht gar nicht mehr nach dem Kaufhaus des Westens, das damit einen Kunden verloren hätte. Außerdem, Hand aufs Herz: Wer kennt schon den Unterschied zwischen Ost und West?

Denn irgendwie liegt ja das Kaufhaus des Westens für die Mehrzahl der Bundesbürger im Osten, was die Verwechslungsgefahr erhöht.

Wer jetzt glaubt, der bitterböse, große Konzern überrolle einfach den armen Kleinunternehmer, der irrt natürlich. Zunächst, versichert Karstadt-Konzernsprecher Kratz, habe man es im Guten versucht. Aber der Leipziger Daumenkino-Händler habe auf die Abmahnungen einfach nicht reagiert. Erst dann habe Karstadt Klage beim Hamburger Landgericht eingereicht. In Notwehr, sozusagen.

Der Leipziger Unternehmer Holger Schack bestreitet, den guten Ruf des KaDeWe unzulässig für sich auszubeuten. Mit dem Sortiment des KaDeWe habe er nichts zu tun. Außerdem heiße seine Domain ja "www.kaufhaus-des-ostens.de", während das Kaufhau des Westens unter "www.kadewe.de zu finden sei, respektive auch unter "www.kadewe.com". Die Website "www.kaufhaus-des-westens.de" gäbe es dagegen gar nicht, und die Verwechslungsgefahr zwischen "kadewe" und "kaufhaus-des-ostens" sei ja wohl irgendwie eingeschränkt.

Da ist der Gute wohl auf dem Holzweg

Nicht zu unterschätzen ist hier die Psychologie: Schließlich ist "kadewe" ja assoziativ mit "Kaufhaus-des-..." verbunden, und wer jetzt nicht weiß, dass das im Osten liegende Karstadt-Kaufhaus unlogischerweise "...des Westens" heißt, mag hier eine fatal falsche Verknüpfung ziehen und bei "kdo" landen.

Sorry: Das ist natürlich die "Kommunale Datenverarbeitung Oldenburg", gemeint war natürlich der Langname. Apropos: Sollte Karstadt nicht auch die Oldenburger Datenverarbeitung abmahnen? Oder vielleicht sollte das Holger Schack tun, wegen der Verwechslungsgefahr zu seinem Daumenkino-Angebot? Oder beide zusammen? Da sollten die Anwälte nach der Verhandlung in Hamburg vielleicht einmal miteinander reden.

Kläger: Das KaDeWe sieht seine Interessen bedroht

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Auch "www.kdw.de" ist derzeit noch eine Baustelle, gehört aber auch nicht Karstadt, sondern der KDW Computer GmbH. Doch es gibt noch Gerechtigkeit in der Welt, auch Holger Schack ist nicht besser dran: Nicht genug damit, dass ihm das Kaufhaus des Westens möglicherweise Daumenkino-Kunden abzieht, weil rein theoretisch ja auch denkbar wäre, dass jemand bei Karstadt landet, der eigentlich bei Schack ankommen wollte, nein - auch die Domain "www.kadeo.de" ist bereits reserviert. Und zwar von einer Privatperson, die noch nicht einmal ein Kaufhaus betreibt!

Was die Frage aufwirft, ob man in solchen Fällen - wie kürzlich der Suchdienst Altavista - nicht gleich auch alle möglichen phonetisch ähnlichen Seiten abmahnen sollte, bei denen die Verwechslungsgefahr ja tatsächlich besteht. "www.nrw.de" zum Beispiel. Wolfgang Clement verkauft zwar weder Daumenkinos noch Damenunterwäsche - aber irgendwo in NRW dürfte man ja wohl Kaufhäuser finden, bei denen beides zu erhalten ist. Wie Karstadt, zum Beispiel.

Und vielleicht, ja vielleicht sollte der Konzern zumindest andenken, auch die Verwendung des phonetisch ähnlichen Begriffes "BSE" per einstweiliger Verfügung verbieten zu lassen. Wer da was verwechselt, könnte ja glatt glauben, "Kadewe" habe irgendwas mit Rinderwahn zu tun.

Sauerei, doch zum Glück gibt es ja Anwälte - ein Zweig der Internet-Industrie, der trotz Dotcom-Sterben floriert wie nie. Wenn die Sache so weiter geht, wird man bald Greencards für des Deutschen mächtige US-Anwälte ausgeben müssen.

So weit zur Realsatire, die aber wahrscheinlich ohne Happy-End bleiben wird. Denn leider ist es so, dass deutsche Gerichte - ganz analog zu Institutionen wie der World Intellectual Property Organization WIPO - immer häufiger zugunsten von "Marken" entscheiden - ganz im Sinne des Rechtes, und gegen jeden gesunden Menschenverstand und jedes normale Rechtsempfinden.

Den Daumenkino-Händler Holger Schack wird das vielleicht ärgern, das Ende bedeutet es für ihn nicht: Sein reichhaltiges Daumenkino-Angebot findet sich auch unter "www.schacks.de" - eine Marke, die dank Karstadt nun weit bekannter sein dürfte, als es das "Kaufhaus-des-Ostens" jemals war.

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