Abschied von Palladium Wolf bleibt Wolf

Für Microsoft ist "Palladium" ein Sicherheitskonzept für kommende Windows-Plattformen, für breite Teile der Öffentlichkeit ist es hingegen ein Schreckgespenst. Weil der Name durch "die Kontroverse um einige Teile des Sicherheitsprogramms befleckt" sei, soll es künftig NGSCB heißen. Ob das jemand frisst?

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Kein Schaf: Ein Wolf
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Kein Schaf: Ein Wolf

Als die Zicklein ihm die Tür nicht öffnen wollten, fraß der Wolf Kreide und gab sich als ihre Mutter aus. Gebracht hat ihm das wenig: Am Ende wurde ihm der Bauch aufgeschnitten und mit Wackersteinen gefüllt, der Wolf stürzte in den Brunnen, und die Zicklein, so sie nicht gestorben sind, leben noch heute.

Seit Microsoft unter dem Codenamen Palladium erste Einzelheiten über das neue integrale Sicherheitskonzept für den Windows-Nachfolger Longhorn veröffentlichte, zicken weltweit Datenschützer, Verbraucherverbände, IT-Experten und andere Bedenkenträger: Das Konzept rieche doch nach viel zu viel Einflussmöglichkeiten für den Softwarekonzern und seine Partner. Dass selbst Microsoft offenkundig Probleme hat, den Verbrauchern zu erklären, warum sie sich auf den Sicherheitszuwachs durch Palladium freuen sollten, hilft da wenig. Und Konkurrenten des Quasi-Monopolisten begreifen das schon gar nicht.

NGSCB! Und jetzt diskutieren Sie mal...

Palladium, angeblich entwickelt als Microsofts Antwort auf Software-Piraterie und diverse Sicherheitslücken, hat keinen guten Namen. "Befleckt" sei der, konstatierte Ende letzter Woche Mario Juarez, Kopf der Windows Trusted Plattform Technologies Group.

Und zog gleich die Lösung aus dem Hut: Ab sofort heiße das durch die "Kontroverse um einige Teile des Sicherheitsprogramms" diskreditierte Palladium lang und undeutlich "Next-Generation Secure Computing Base".

Das, hofft Microsoft offenbar, werde den Verschwörungstheoretikern und Warnern den Wind aus den Segeln nehmen, und wenn auch nur, weil man über ein solches Wortungetüm weniger plakativ diskutieren kann. Auch abgekürzt zu NGSCB kann man sich das kaum merken - und wenn, dann klingt es eher nach einer Radiostation im US-Mittelwesten.

Eine Lösung, wie sie eigentlich nur aus dem Lehrbuch der Krisen-PR kommen kann, und die zudem berühmte, völlig erfolglose Vorbilder hat.

Quizfrage: Wie heißt DC1000 wirklich?

Im Februar 2001 versuchte das FBI vorzumachen, wie man eine in der Öffentlichkeit heiß diskutierte und gefürchtete Strategie per Namensänderung aus der öffentlichen Diskussion nimmt. Damals benannte die amerikanische Bundespolizei ihr argwöhnisch betrachtetes und von Datenschützern und Bürgerrechtlern heftig bekämpftes Bürger-Überwachungsprogramm "Carnivore" ("Fleischfresser") in das ganz unverfänglich technisch klingende und schwerer zu merkende "DC1000" um.

Klingt wie eine kluge Strategie, funktionierte aber nicht: Bis heute redet man öffentlich von Carnivore, wenn man DC1000 meint. Ein Wolf bleibt ein Wolf, Schafspelz hin oder her.

Das eine hat mit dem anderen natürlich nichts zu tun. Mario Juarez: "Die offizielle Sprachregelung - und die ist wahr - ist, das wir die Namensänderung schon seit langer Zeit planten". Und schickte einschränkend hinterher, dass "die Tatsache, dass Palladium eine Menge Aufmerksamkeit bekam und für einige Missverständnisse sorgte", durchaus auch etwas mit der Entscheidung zu tun gehabt hätte.

Siehe da: Die offizielle Sprachregelung "ist wahr"

Ach ja? Psychologen nennen so was eine Freudsche Fehlleistung. Fragen, ob Microsoft den Namen also geändert habe, um der Kritik an Palladium auszuweichen, beantwortete Juarez ausweichend: "Das ist nicht der Grund, warum wir uns dazu entschlossen haben. Die Entscheidung reflektiert die Tatsache, dass Microsoft diese Technologie entwickelt, um sie in das Windows des nächsten Jahrzehnts zu integrieren."

Das allerdings war von vornherein klar - egal, unter welchem Namen.

Was Microsoft da zum integralen Systembestandteil machen will, jagt so manchem gebrannten Kind einen Schauder über den Rücken: Palladium stellt gewissermaßen die Softwareseite des so genannten "TCP"-Konzeptes dar. Dahinter verbirgt sich ein von in der "Trustworthy Computing Plattform Alliance" TCPA vereinten Gruppe führender Technologieunternehmen forciertes Sicherheitskonzept, das per Lizenz- und Zertifikatsüberwachung ein Monitoring über Veränderungen am PC des Nutzers gewährleisten soll. Das Konzept fußt auf einer Hardwarekomponente (dem so genannten Sicherheitschip TPM) und eben einer Softwarekomponente: Im Verein sollen diese den heimischen PC wasserdicht machen.

Palladium: Die "weiche" Seite von TCPA

Das klingt wünschenswert, so lang es dabei um ungewollte Veränderungen im System geht: TCPA macht Crackern und Hackern das Leben schwerer. Unautorisierten Programmen - wie beispielsweise Viren - würde schlicht die Ausführung verweigert. Das allerdings könnte auch Free- und Shareware passieren, so lange diese kein offizielles Plazet per TCPA-Zertifikat besäße. Das wiederum würde gern Microsoft vergeben - Kritiker bezweifeln allerdings, dass der Softwarekonzern die dafür nötige Unvoreingenommenheit mitbringen würde. Der Konzern versichert, dass alles, was okay sei, auch zertifiziert werden könnte.

Noch weniger Begeisterung über TCPA kann die Open-Source-Gemeinde entwickeln. Deren Programme leben ja gerade davon, frei verändert werden zu dürfen. Microsoft steht in Linuxkreisen zudem im Generalverdacht, wenig Interesse an der Förderung von Konkurrenzprodukten zu haben, berechtigt oder nicht.

Auf wenig Euphorie stößt TCPA auch ausgerechnet bei IT-Verantwortlichen in sicherheitsrelevanten Bereichen. TCPA erlaube dem Besitzer eines PC nicht mehr, damit anzustellen, was er wolle. Sysops bei Behörden, in großen Unternehmen, beim Militär oder anderen hoch vertrauliche Daten austauschenden Netzwerken haben überhaupt kein Interesse daran, vor Nutzungsfreigabe eines Programms die Rechtmäßigkeit dieser Nutzung mit einem Microsoft-Server im Internet abzugleichen.

Alles wird gut (sagt die TCPA)

Alles Papperlapapp, versichert die TCP-Alliance: Natürlich werde alles mit rechten Dingen zugehen, natürlich werde ein firmenübergreifendes Gremium über die Zertifizierungsbestimmungen wachen, natürlich geschehe alles im Sinne und zum Wohle der Verbraucher, und natürlich werde es auch für besondere Schutz- und Sicherheitsbedürfnisse Lösungen geben. Tatsächlich bietet das TCPA-Konzept einige Vorteile: Es gibt ein "Pro" neben all dem "Contra".

Doch die Kritik will nicht verstummen, obwohl das Thema TCPA in der Öffentlichkeit noch gar nicht richtig angekommen ist. Die Verbraucher etwa könnten sich möglicherweise darüber ärgern, dass man mit einem TCPA-Rechner CDs nur noch wird kopieren können, wenn man vorher dafür bezahlt - denn natürlich ist Digital Rights Management ein Kernstück des TCPA-Konzeptes. Dass dies in Deutschland (noch) geltendes Recht verletzen würde, interessiert dabei wenig: Das Recht auf Privatkopien ist durch die Kopierschutz-Maßnahmen der Musikindustrie längst ausgehebelt und sowieso längst eine Art wandelnde Leiche. Spätestens die Umsetzung der neuen EU-Copyright-Richtlinie im Sommer dieses Jahres wird hier endgültige Tatsachen schaffen.

Ach ja: Diese ganzen "Sicherheitskopien" in Ihrem Software-Schrank können Sie natürlich auch vergessen. Selbst ein geliehenes oder gebraucht gekauftes Originalprogramm würde auf einem TCPA-geschützten Rechner nicht laufen, wenn es auf einem anderen TCPA-Rechner registriert wäre.

Immerhin wird der Zugang zu Musikbörsen frei bleiben, so lang diese von der Industrie betrieben werden: TCPA wäre auch der Tod von P2P. Wohin man auch schaut, erweist sich TCPA in erster Linie als Konzept, das offenbar die Sicherheits- und Finanzinteressen der Industrie schützen soll und nicht die des Kunden. Viele dieser Schutzinteressen sind völlig legitim: Möglicherweise ist es der größte Fehler der TCP-Alliance, ihren Standpunkt nicht offensiv zu vertreten und ihr Konzept statt dessen als Verbraucherschutzmaßnahme zu verkaufen.

Diese Scharade nimmt mitunter skurrile Formen an. Geradezu niedlich mutet der öffentlich vorgetragene Protest der TCPA-Gruppe und der Musikindustrielobby RIAA gegen eine gesetzliche Regelung des Digital-Rights-Themas an. Die Allianz der Kopier-Verhinderer als Anwalt der Kopierwütigen?

Wohl kaum. Viel lieber als ein Gesetz ist der TCPA-Gruppe doch ihre freiwillige Lösung des Problems. Dass diese weniger gründlich wäre, steht derweil kaum zu befürchten - wenn nur endlich der Widerstand gegen TCPA, den TPM-Chip und Palladium erlahmte.

Letzteres gibt es ja schon nicht mehr, es lebe NGSCB.
Und wann wird TCPA umbenannt?



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