Adventszeit Greller die Häuser nie glühten

Rund drei Wochen vor Weihnachten erhellt warmer Lichterschein die Augen der Kassierer beim örtlichen E-Werk: Allerorten beamen und strahlen, gleißen und leuchten wieder die Fassaden. Zeigen Sie uns doch einmal, was in Ihrer Gegend so glänzt!

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Irgendwann Anfang November hängte ein Nachbar - heimlich und zaghaft noch - eine erste Lichterkette in den inzwischen laublosen Baum vor seiner Tür. Die schüchtern vorgetragene Attacke wurde bereits am Folgetag schräg gegenüber durch einen Leuchtkreise pulsierenden Fensterstern beantwortet. Mitte November wurden die völlig Beleuchtungslosen langsam zu einer Minderheit. Inzwischen - wer ist schon immun gegen den Druck der Gruppe? - fühle ich mich fast wie ein Paria, weil bei uns immer noch nichts pulst, strahlt und leuchtet.

Dabei habe ich grundsätzlich kein schlechtes Gewissen. Meine Kinder sind aus dem Alter heraus, in dem man ihre Weihnachtsvorfreude noch per Lichtschalter aktivieren musste (oder konnte). Im Gegenteil: Sie sind ganz schön souverän.

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Zücke die Kamera: Im Lande, wo die Häuser glühen...

Nehmen Sie nur folgende Unterhaltung: "Gestern", erzählt Töchterchen beim Mittagessen, "haben mich die Nachbarn gegenüber gefragt, warum wir immer noch keine Weihnachtsbeleuchtung im Fenster haben."

"Und? Was hast du gesagt?", will ich von ihr wissen. Es dauert ein wenig, bis sie antwortet, weil sie den Mund voll hat: Mit vollem Mund spricht man nicht. Das Mädchen weiß, was sich gehört.

"Ich hab gesagt, dass ich das total doof und kitschig finde, und das man nicht immer den anderen hinterherlaufen muss", konstatiert sie, blickt auf und lacht: "Die haben vielleicht geguckt. Die haben gar nicht mehr mit mir gesprochen!"

Ich schlucke schwer und sehe versonnen zum Haus der Nachbarn hinüber: Rote, gelbe, grüne Lichter wandern an der Fassade entlang. Schicke Lichtschläuche akzentuieren schön die Linien von Wänden, Fenstern und Türen, Dachrinnen und Dachstuhl. Sogar den Kamin haben sie liebevoll und lustig in anderer Farbe abgesetzt, links davon winkt strahlend ein Weihnachtsmann mit leuchtendem Geschenkesack. Seine Rentiere nebst Schlitten warten geduldig im Vorgarten auf ihn. Kein Zweifel: Da stecken viel Liebe, viel Geld, sehr viel Zeit und Arbeit und Hunderte von Kilowattstunden drin.

"Das darf ja wohl nicht wahr sein", lässt sich nun meine Gattin vernehmen. "Wo hat sie das nun wieder her?"

Ich versuche beim Kauen so auszusehen, als würde ich unauffällig pfeifen, was nicht so richtig funktioniert, weswegen ich zumindest ihren Blick meide. Vergeblich.

"Dir ist ja wohl klar, dass die jetzt sechs Wochen nicht mehr mit uns reden, oder?"

Geheimrezept: Kilowatt gegen Krise

Frauen neigen dazu, solche sozialen Isolationen stärker zu erleiden als Männer. Mir zum Beispiel war bis zu diesem Satz gar nicht aufgefallen, dass ich bestimmt sechs Monate nicht mehr mit den betreffenden Nachbarn geredet hatte. Als die eigentlichen Mittelpunkte des Familienverbandes haben Frauen jedoch im Rahmen der kulturellen Evolution übermächtige Triebe entwickelt, Vorgärten von Unkraut frei zu halten, Fenster auf Hochglanz und überhaupt alles schön vorzeigbar. Nicht, dass Mann da völlig untätig wäre. Uns fehlt da mitunter allein die innere, uns dazu auffordernde Stimme. Meine Frau kompensiert das problemlos.

"Dir ist ja wohl klar, was jetzt zu tun ist, oder?"

Ja, mir dämmert da was. Die Wahrheit ist: Mir geht sogar ein Licht auf.

"Wir müssen denen jetzt zeigen, dass es gar nicht so ist, wie dieses Früchtchen hier erzählt hat!"

"Haallllllo?", empört sich Töchterchen, "Was hab ich denn jetzt schon wieder gemacht?"

Sie versteht es wirklich nicht. Kann sie auch gar nicht: Während der Pubertät ist sie so damit beschäftigt, neue Synapsen auszubilden, dass die Hirnaktivität in ihrem Frontallappen merklich abnimmt, was zu erheblichen Fehleinschätzungen im sozialen Kontext führen kann, zu einer Art emotionaler Blindheit.

Mein Weib lauscht dieser Erklärung staunend. "Und was für Frontallappen-Störungen", fragt sie dann liebenswürdig, "liegen zurzeit bei Dir vor? Glaubst du wirklich, dass ich mir diesen Mist anhören werde?"

So richtig Hunger hat inzwischen niemand mehr. Kein Zweifel: Es ist Advent!

"Mach Dir lieber mal ein paar Gedanken darüber, wie du jetzt das Haus verschönerst!"

Ich beginne zu begreifen, wie es zu diesem Overkill der Leuchtkraft, zu dieser abendlichen Lichterorgie kommen konnte. Als es dunkel wird, hole ich mir auf einem Spaziergang Anregungen.

Es ist der 30. November, die erste Kerze brennt - und draußen auf den Straßen lodern die Häuser. Einmal die Straße hinab, einmal wieder hinauf. Fast schäme ich mich, als unsere unbeleuchtete Bude wieder vor mir auftaucht. Es ist, als drücke sie sich ins Dunkel, wolle nicht gesehen werden.

So wie vielleicht noch vier, fünf andere Behausungen. Bestimmt leben da die Ärmsten der Armen.

Es ist Zeit, keine Frage. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Im Baumarkt, erzählt mir der Nachbar zur Linken, gibts gerade Lichtschlauch im Sonderangebot. Und die schicken neuen Diodenleuchten. Und digitale Steuereinheiten für die wechselnde Aktivierung verschiedener Lichtquellen. Und überhaupt.

Mal sehen, was ich damit hinbekomme. "Und wenn es dann fertig ist und strahlt", sagt der Nachbar, "ist man ja auch stolz."

Das will ich doch wohl hoffen.

Und Sie? Ist Ihnen schon ein Licht aufgegangen?

Zeigen Sie uns und dem World Wide Web, wie Ihr Haus weihnachtlich glänzt und strahlt. Oder dokumentieren Sie die leuchtenden Beispiele in Ihrem Umfeld!

Schicken Sie uns Ihre Digitalbilder (max. 750 Pixel Breite), bitte mit Name und Adresse: Mit der Zusendung versichern Sie, dass Sie die Rechte an dem Bild halten und mit einer Veröffentlichung und Archivierung einverstanden sind.

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Stichwort: "Glühende Häuser"

Wir sind gespannt!



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