Ägypten Blog aus dem Knast

Der in Deutschland preisgekrönte ägyptische Blogger Alaa Seif ist in Kairo bei einer regimekritischen Demonstration festgenommen worden. Die Internet-Gemeinde ist in Aufruhr und fordert seine Freilassung. Und Alaa bloggt aus dem Gefängnis weiter.

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"Ich bin mir nicht sicher, wie ich mich fühle. Ich dachte, ich sei ok, aber ich habe ewig gebraucht, um überhaupt wach zu werden. Die Art und Weise, wie mich meine Mitgefangenen ansehen, sagt mir, dass es mir nicht gut geht, aber ich kann es nicht richtig fühlen."

"Free Alaa": Der Blogger wurde nach einer Demonstration gegen die ägyptische Regierung verhaftet
manalaa.net

"Free Alaa": Der Blogger wurde nach einer Demonstration gegen die ägyptische Regierung verhaftet

Seit mehr als zwei Jahren betreibt Alaa Ahmed Seif al-Islam seinen Weblog, doch die Zeilen, die am Mittwochabend um 18.49 Uhr auf seiner Website www.manalaa.net erschienen, waren die ungewöhnlichsten, die der 24-jährige Ägypter je in sein virtuelles Tagebuch geschrieben hat. Alaa verfasste sie in seiner Zelle. Vor vier Tagen war er im Süden Kairos während einer Demonstration festgenommen worden, sitzt seitdem mit Dutzenden Gesinnungsgenossen im Tora-Gefängnis der ägyptischen Hauptstadt. Einen Internet-Zugang hat Alaa dort nicht, die Nachricht kritzelte er auf ein Stück Papier, ein freigelassener Freund schmuggelte sie nach draußen - so berichtet es ein anderer Blogger.

Die Festsetzung des populären Regierungsgegners ist der vorläufige Höhepunkt der jüngsten Verhaftungswelle gegen ägyptische Oppositionelle. Nach Angaben von Human Rights Watch (HRW) nahmen Sicherheitskräfte in den vergangenen zwei Wochen mehr als hundert Menschen fest, weil sie an regimekritischen Protesten teilnahmen. Das ägyptische Parlament hatte zuvor trotz wachsender Kritik mit der Mehrheit der Nationaldemokratischen Partei von Präsident Husni Mubarak die seit 1981 geltenden Notstandsgesetze für weitere zwei Jahre verlängert. Damit bleiben Demonstrationen verboten, die Polizei kann Personen ohne Angabe von Gründen festnehmen.

15 Tage Haft

Während Mubarak zum Staatsbesuch in Berlin weilte und mit Bundespräsident Horst Köhler die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" eröffnete, gab es aus Kairo Berichte über brutale Einsätze gegen rund 2000 Demonstranten der offiziell verbotenen aber geduldeten Muslimischen Bruderschaft und linker Oppositioneller. Sie hatten sich versammelt, um ihre Solidarität mit zwei hohen Richtern zu zeigen, die bei der Parlamentswahl offen Manipulationen und Einschüchterungen angeprangert hatten und nun ihren Posten verlieren sollen. Die NDP hatte bei den Wahlen im vergangenen Herbst rund 70 Prozent der Stimmen erhalten, zweitstärkste Fraktion wurden die Muslimbrüder mit 19 Prozent.

Er wusste um das Risiko, doch am Sonntag war auch Alaa mit der Reformbewegung Kefaya ("Es reicht") für die Richter auf die Straße gegangen. Gemeinsam mit zehn anderen jungen Männern und Frauen endete die Kundgebung für Alaa auf der Polizeistation, von wo aus acht von ihnen ins Gefängnis gebracht wurden. 15 Tage sollen sie dort bleiben. Die auf den gleichen Zeitraum angesetzte Haftdauer für zuvor festgenommene Regimegegner ist allerdings verlängert worden. Ihnen wird nach Angaben von HRW "Beleidigung des Präsidenten", "Verbreitung falscher Gerüchte" und "Störung der öffentlichen Ordnung" vorgeworfen. "Die jüngsten Festnahmen zeigen, dass Präsident Mubarak jede friedliche Opposition zum Schweigen bringen will", sagte HRW-Nordafrika-Experte Joe Stork.

Mit Fotos und Videos hatte Alaa die Proteste und Verhaftungen der letzten Tage auf seiner preisgekrönten Website, die er mit seiner Frau Manal betreibt, dokumentiert. Im vergangenen Jahr hatten die Deutsche Welle und Reporter ohne Grenzen "Manal and Alaa's Bit Bucket" mit dem "International Weblog Award" ausgezeichnet. Das junge Ehepaar sei eine Institution unter den regimekritischen Bloggern Ägyptens, setze sich mit Nachdruck für Meinungsfreiheit, die Wahrung der Menschenrechte und politische Reformen ein, lobten die Preisverleiher seinerzeit.

Kampagne für die Freiheit

Jetzt wird die Site zum Ausgangspunkt einer Kampagne für die Freiheit der Festgenommenen. "Free Alaa", prangt es auf dem bearbeiteten Schwarz-Weiß-Foto, das einen jungen Mann mit langen, dunklen Korkenzieher-Locken, Vollbart und Brille zeigt. Manal ruft die Besucher des Blogs auf, die Nachricht von der Festnahme ihres Mannes zu verbreiten, andere Blogger in Ägypten oder im Ausland solidarisieren sich mit Alaa, bieten Musterbriefe an, die an ägyptische Botschaften weltweit geschickt werden können oder posten Telefonnummern und E-Mail-Adressen der diplomatischen Vertretungen. Für Samstag ist eine Demo vor der ägyptischen Botschaft in London geplant.

Alaa selbst glaubt nicht, schnell wieder zu Hause zu sein. "Ich rechne damit, mindestens einen Monat hier zu verbringen. Ich bin sicher, das ist genug Zeit, um all die hässlichen Seiten des Gefängnisses zu sehen, um sich wirklich schlecht zu fühlen", schreibt er - auf Englisch, damit die anderen Gefangenen nicht unbedingt mitlesen können, wie er sagt. Er gibt sich Mühe, das Gefühl zu vermitteln, es gehe ihm gut: Er schreibt von einer "guten Zelle", die er sich allerdings offenbar mit sieben Schwerstkriminellen teilen muss. "Hunderte Katzen" streunen seinen Beschreibungen zufolge durch den Zellentrakt. Noch mache er nicht mit bei dem Hungerstreik, in den andere Gefangene aus der Kefaya-Bewegung getreten sind.

Es gibt Hoffnung, dass die Kampagne der Internet-Community Erfolg haben könnte. Im Oktober wurde der ägyptische Blogger Abdel Karim offenbar nach kritischen Berichten über Zusammenstöße zwischen koptischen Christen und Muslimen in der Hafenstadt Alexandria festgenommen. Die Blogger-Szene rühmte sich, dass ihre weltweiten Proteste bei ägyptischen Botschaften und der US-Vertretung in Kairo Wirkung gezeigt hätten. Nach 18 Tagen kam Abdel Karim frei.



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