Oxford-Studie Warum die AfD den Twitter-Wahlkampf dominiert

Deutsche teilen wenig Fake News, twittern aber sehr viel über die AfD - und getarnte Computerprogramme verstärken diese Dominanz noch. Das ergibt eine Studie der Universität Oxford über Propaganda im Bundestagswahlkampf.

Ein Laptop mit AfD-Aufkleber
REUTERS

Ein Laptop mit AfD-Aufkleber

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Bei der Bundestagswahl kämpft die AfD um Platz drei, im Wahlkampf auf Twitter liegt die Partei allerdings klar vorn. Ihre Schlagworte und Kandidaten dominieren die Debatte in der heißen Wahlkampfphase und einige wenige hochaktive, als Menschen getarnte Computerprogramme verstärken den Effekt noch.

Zu diesen Schlüssen führt eine neue Studie der Universität Oxford, die den Bundestagswahlkampf und computergestützte Propaganda auf Twitter untersucht hat. Demnach entfielen in der heißen Wahlkampfphase kürzlich 30 Prozent aller Tweets mit politischen Hashtags zur Wahl auf die AfD.

Die Forscher wollen ihre Ergebnisse am Mittwoch in Berlin präsentierten, ihre Ergebnisse lagen vorab dem SPIEGEL vor. Die Forscher haben dazu knapp eine Million Tweets vom Monatsanfang untersucht, im Zeitraum vom 1. bis zum 10. September.

Mit weitem Abstand zur AfD folgen die Union und ihre Kanzlerkandidatin Angela Merkel, auf sie entfallen 18 Prozent der Politik-Tweets. Die FDP, mit der die AfD in vielen Umfragen beim Kampf um Platz drei konkurriert, kommt auf weniger als ein Zehntel der AfD-Tweet-Menge, ihr Anteil liegt laut den Forschern bei 2,6 Prozent.

Bis auf den Tag des TV-Duells zwischen Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz dominierte die AfD die Twitter-Debatten an jedem Tag des untersuchten Zeitraums. In den letzten drei Tagen des Untersuchungszeitraums drehte sich zu vielen Zeitpunkten mehr als jede zweite Botschaft um die AfD und ihre Spitzenkandidaten.

Die Studie macht allerdings keinen Unterschied zwischen Unterstützerbotschaften oder neutralen und kritischen Tweets. Ebenso messen die Forscher nicht, wer mit wem über AfD-Inhalte kommuniziert und wer damit erreicht wird. Die Studie macht aber deutlich, wie sehr die AfD die politische Debatte auf Twitter aktuell beeinflusst, und wie sehr der Dienst mit Botschaften über Personen und Inhalte der AfD geflutet wird.

Social Bots twittern AfD-Inhalte

Die Twitter-Studie bestätigt damit einen generellen Befund, dass die AfD den Wahlkampf und die Diskussion im Internet prägt. So führt die rechte Partei etwa auch bei vielen Erhebungen zu der Anzahl Facebook-Fans und -Interaktionen (auch wenn diese mit Vorsicht zu genießen sind). Sie liegt auch bei vielen Suchanfragen bei Google vorn. Ein Beispiel: Nach keinem Wahlprogramm wird häufiger gegoogelt als nach dem der AfD.

Die Dominanz in sozialen Netzwerken wirft auch Fragen danach auf, ob im Umfeld der AfD künstliche Verstärker wie Social Bots eingesetzt werden. Solche Programme tarnen sich als reale Menschen und können die Meinungsbilder im Netz verzerren. Diesen Verdacht nährt die Oxford-Studie.

Sie suchte sogenannte Hochfrequenz-Konten, die mindestens 50 Tweets pro Tag mit politischen Hashtags absetzten. Allgemein entsprangen sieben Prozent der Politik-Tweets solchen Accounts, die wahrscheinlich Bots sind. Per Hand wurde versucht, etwaige reale Viel-Twitterer von der Zählung auszunehmen.

Nach diesem Verfahren stießen die Forscher insgesamt auf 92 Accounts, die vermutlich Bots sind - weniger als sie erwartet hatten. Diese Accounts setzten aber allein 44.000 Tweets zu AfD-Themen ab. Bots kapern typischerweise auch Hashtags, die andere Parteien benutzen, aber die Forscher fanden heraus, dass die Accounts größtenteils AfD-Hashtags benutzten. Ziel solcher Accounts ist es, bestimmte Schlagworte in die Trending Topics, die aktuell meist diskutierten Themen bei Twitter, zu bringen. Wer die mutmaßlichen Bots programmiert oder beauftragt hat, lässt sich aus der Studie nicht herauslesen.

Das Ergebnis passt jedoch zu Berichten im SPIEGEL darüber, wie rechtsextreme Nutzer auch mithilfe von Bots AfD-Inhalte befördern wollten - und wie wiederum dieser Bericht eine Bot-Kampagne gegen den SPIEGEL ausgelöst hat.

Weniger "Schrottnachrichten" als richtige Nachrichten

Schließlich untersuchten die Wissenschaftler noch externe Inhalte, die per Link in einem Tweet geteilt wurden. Dabei kamen sie zum Schluss, dass fast die Hälfte der auf Twitter geteilten Inhalte von professionellen Medien stammten. Dem stellen die Forscher sogenannte Junk News ("Schrottnachrichten") gegenüber. Darunter verstehen sie Falschnachrichten oder verzerrend zugespitzte Artikel.

In diese Kategorie fielen in Deutschland nur 11,5 Prozent der geteilten Links. Den Forschern zufolge wurden insgesamt etwa viereinhalb Mal so viele professionelle Nachrichten wie "Schrottnachrichten" geteilt. Zuvor hatten die Forscher auch den US-Wahlkampf untersucht - dort fanden sie heraus, dass ungefähr genauso viele Schrottnachrichten wie professionelle Nachrichten geteilt wurden.

Hierbei erwähnen die Forscher allerdings nicht die unterschiedliche Nutzerbasis in der Bevölkerung. Während Twitter in Deutschland vor allem ein Elitenmedium von Politikern und Journalisten ist, ist die Nutzerbasis in den USA breiter und enthält mehr normale Bürger. Dementsprechend sollte von den Ergebnissen der Twitter-Studie in Sachen Fake News nicht auf Dynamiken beim größeren Netzwerk Facebook gefolgert werden.



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