Ikonisches Tier-Selfie Finale im Affentheater

Ein Affe macht ein Selfie: Wer hat die Rechte an dem Bild? Der Mann, dem die Kamera gehört - oder der Affe? Der jahrelange Rechtsstreit ist nun entschieden, aber der Fotograf hat keine Freude mehr an seinem Beruf.

Affen-Selfie von Naruto
Caters News Agency/ David J. Slater

Affen-Selfie von Naruto

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Auf dem Foto, um das es geht, grinst Naruto noch. Zumindest sieht es so aus auf dem gestochen scharfen Bild, das der schwarze Schopfaffe 2011 von sich selbst gemacht hat, mitten im indonesischen Regenwald auf der Insel Sulawesi.

Das Selfie des freundlichen Affen ging um die Welt, es ist zu einem ikonischen Naturbild der jüngeren Zeitgeschichte geworden. Menschen überall lieben Narutos Foto.

Ihn habe das Bild ruiniert, klagte dagegen der menschliche Besitzer der Kamera, Tierfotograf David J. Slater. "Ich verbringe endlose Stunden damit, die Kontrolle über mein Eigentum zurückzugewinnen", beschrieb Slater seinen Kampf um das Foto gegenüber dem SPIEGEL.

Denn um das Selfie von und mit Naruto hatte sich ein jahrelanger, absurd anmutender Gerichtsstreit entsponnen zwischen Slater und der Tierrechtsorganisation Peta, die im Namen des Affen klagte. In dem Verfahren ging es um die Frage, ob das Urheberrecht am Bild dem Affen gehört, der auf den Auslöser drückte - oder dem Besitzer der kurzzeitig unbeaufsichtigten Fotoausrüstung, Slater.

Fotograf Slater auf Insel Sulawesi
picture alliance / Photoshot/ Naruto/ David J. Slater

Fotograf Slater auf Insel Sulawesi

Der Zwist endete nun in einer überraschenden außergerichtlichen Einigung. Slater habe sich bereiterklärt, 25 Prozent seiner künftigen Einnahmen von den Selfie-Bildern gemeinnützigen Organisationen zu stiften, die sich für den Schutz von Naruto und seinen Artgenossen in Indonesien einsetzen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von Peta und Slater.

Kläger: "Naruto, ein Schopfaffe"

Davor waren die Fronten lange, wie man so schön sagt, verhärtet. Auf der Klägerseite stand Peta, das in den Gerichtsdokumenten (PDF) als Vertreter des Affen auftrat. Das Tier wird in den Unterlagen ebenfalls auf der Klägerseite geführt, als "Naruto, ein Schopfaffe".

Für Peta war Naruto das perfekte Vehikel, um die Botschaft der Organisation von den Tierrechten zu verbreiten. Der Fall, so Peta-Anwalt Jeff Kerr, sei "weltweit einzigartig". "Nur weil der Affe kein Mensch ist, heißt das nicht, dass wir ihm sein Urheberrecht wegnehmen dürfen an einem Foto, das er ohne jede Frage gemacht hat", sagte Kerr dem SPIEGEL kurz vor der Einigung. "Naruto hat eindeutig eine Aktion-Reaktion-Beziehung zwischen dem Drücken des Auslösers und dem Klicken der Blende hergestellt. Es handelt sich also beim Erstellen des Fotos um einen bewussten Akt."

Dass sich Peta überhaupt vor Gericht zum Vorkämpfer des Affen aufschwingen durfte, hat mit der besonderen Rechtslage in den USA zu tun. "In Deutschland wäre die Klage vermutlich als unzulässig abgewiesen worden. In den USA ist die Rechtslage anders und eine solche Klage unter Umständen zulässig", sagt Rechtsanwalt und Urheberrechts-Experte Tim Hoesmann aus Berlin.

Los ging der Streit in der Wikipedia

Fotograf Slater fand sich auf der Seite des Beklagten wieder, eine Rolle, die ihn viel Zeit und Nerven kostete. "Ich finde es unfassbar schwer, mich noch zum Fotografieren zu motivieren", klagte Slater gegenüber dem SPIEGEL noch kurz vor der außergerichtlichen Einigung. In anderen Medien hatte er angegeben, durch die Prozesskosten in den Bankrott getrieben worden zu sein - eine Aussage, die Peta-Anwalt Kerr gegenüber dem SPIEGEL bezweifelte. Was stimmt, ist unklar.

Makaken-Männchen Naruto aus einer anderen Perspektive
DPA

Makaken-Männchen Naruto aus einer anderen Perspektive

Der Streit um das Affen-Selfie reicht sogar weiter zurück als die Auseinandersetzung mit Peta, das betont auch Peta-Anwalt Kerr immer wieder: Bevor die Tierrechtler auf den Plan traten, um für Narutos Urheberrecht zu kämpfen, war da schon die Wikipedia.

Narutos Foto tauchte auf den Seiten der Web-Enzyklopädie als gemeinfrei auf, Slater beschreibt das als eine "böswillige Anstachelung der Welt, mein ikonisches Bild kostenfrei zu benutzen". Er habe viel Geld verloren dadurch. Ein Fotograf wird für seine Bilder bezahlt, was aber, wenn die Welt nicht zahlen will, weil sie den Urheber nicht anerkennt?

Auf Slaters Homepage kann man sich die Übergangslösung ansehen, die er bisher anwandte: Dort kann man das Affen-Selfie mit einem Autogramm des Fotografen, also Slaters, kaufen. 46 mal 30 Zentimeter kosten 38 Euro, 15 mal 10 Zentimeter nur acht Euro. Groß darunter der Link zu Slaters Geschichte "wie ich das berühmte Affen-Selfie erstellt habe".

"Ich will Gerechtigkeit für das, was die Wikipedia mir angetan hat"

Und jetzt? Werden die Einnahmen aus dem Bild aufgeteilt zwischen beiden Streitparteien. Peta zeigte sich auf Nachfrage zufrieden, dass Geld in den Erhalt des Lebensraums der Affen auf Sulawesi fließt. Slater äußerte sich auf Anfrage noch nicht zu der Einigung, abgesehen von dem gemeinsamen schriftlichen Statement von ihm und Peta.

Vollständig beigelegt dürfte der Streit um das Affen-Selfie aber wohl nicht sein - eventuell verlagert sich nun der Schauplatz zurück ins Internet.

"Ich will Gerechtigkeit für das, was die Wikipedia mir angetan hat", hatte Slater vor der außergerichtlichen Einigung mit Peta gesagt. "Selbst wenn ich mit Naruto eine Übereinkunft erziele, muss ich trotzdem weiterkämpfen." Er wolle auch künftig auf die Rechte von Fotografen aufmerksam machen, der Fall hat ihn politisiert. "Ich will, dass die Öffentlichkeit versteht, was Urheberrecht ist und warum es so wichtig ist." Wenn sein Foto künftig einfach so im Netz auftaucht, darf man annehmen, dass Slater das nicht hinnehmen wird. Nicht nach all dem Ärger, den er schon durchgestanden hat.

Und was ist eigentlich aus dem Affen geworden? Naruto ist laut Angaben von Peta putzmunter, mittlerweile acht Jahre alt und lebt immer noch auf Sulawesi, unbehelligt von Medienanfragen und von Anwälten.



insgesamt 24 Beiträge
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IvicaMarkovic 12.09.2017
1.
Es ist eine Schande, dass Peta ohne Rücksicht Existenzen zerstört, nur um ihre merkwürdige Weltanschauung in der Welt zu verbreiten.
Augustusrex 12.09.2017
2. Na ja, Peta
Haben die eigentlich überhaupt einen schriftlichen Auftrag des Affen, ihn zu vertreten? Oder haben die sich einfach so reingedrängt um mit diesem Schwachsinn Reklame für sich zu machen?
Mallorcas Dunkle Seiten 12.09.2017
3. Raffe ich nicht
Wenn dem Affen künftig 25% der Einnahmen zustehen, warum entscheidet die Peta, was damit passiert? Hat der Affe denen ne Vollmacht erteilt, die Einnahmen zu verwalten? Ist die Peta vielleicht der Vormund des Affen? Wenn nicht, dann hat doch der Affe das alleinige Recht über das Geld zu entscheiden, genauso wie er das Recht am eigenen Bild hat. Oder verstehe ich das falsch? Hmm, vielleicht findet sich ein pfiffiger Anwalt, der im Namen des Affen die Peta wg Unterschlagung verklagt. Sollte in den USA doch möglich sein ?
sozialismusfürreiche 12.09.2017
4.
Ich hatte mal eine Bekannte bei Peta. Damals konnte ich mir durchaus die Nützlichkeit so einer Vereinigung vorstellen. Heute würde ich sie mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.
orangewarbear 12.09.2017
5.
"Nur weil der Affe kein Mensch ist, heißt das nicht, dass wir ihm sein Urheberrecht wegnehmen dürfen an einem Foto, das er ohne jede Frage gemacht hat" Doch... genau das heißt das...
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