Ahmadinedschad im Netz Das Blog des Präsidenten

Viele Blogger werden in Iran brutal unterdrückt - er nicht. Irans Präsident Ahmadinedschad hat ein eigenes Weblog gestartet. Im ersten Eintrag ins Online-Tagebuch erzählt er aus seiner Jugend, über Nasenbluten bei der Prüfung und spekuliert über Weltkriegs-Ambitionen der USA und Israels.

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Der Präsident hat verstanden, was sich für diese Publikationsform gehört: Er bemüht sich um einen persönlichen Tonfall. Mahmud Ahmadinedschad schreibt im ersten Eintrag in seinem neuen Weblog über seine harte Jugend - und prahlt gleichzeitig mit schulischen Erfolgen. In seinem Universitäts-Eingangstest sei er unter 400.000 Teilnehmern auf Platz 132 gelandet - und das, obwohl er "währenddessen Nasenbluten hatte".

Ahmadinedschads Weblog: "Kürzer und einfacher"

Ahmadinedschads Weblog: "Kürzer und einfacher"

Er sei "in einer armen Familie in einem abgelegenen Dorf" geboren worden, in einer Zeit, in der "das Leben in der Stadt als Perfektion betrachtet worden" sei. Sein Vater, ein "arbeitsamer Schmied" sei schließlich gezwungen gewesen, nach Teheran überzusiedeln, obwohl ihn "das Schillern der Welt" nie angezogen habe, so der Präsident.

Blogs sind in Iran inzwischen weit verbreitet - stehen aber unter strenger Regierungskontrolle. Viele Seiten werden gesperrt, sei es wegen angeblich unzüchtiger oder schlicht allzu regierungkritischer Inhalte. Schlimmstenfalls drohen unbotmäßigen Freizeitschreibern bis zu fünf Jahre Haft.

Ein Student der Universität von Teheran, Abed Tavancheh, wurde aufgrund von Blog-Einträgen im Mai verhaftet, ihm wurde politische Agitation vorgeworfen. Der 23-Jährige wurde im Gefängnis schwer misshandelt und trug einen Nierenschaden davon. Sein Anwalt sagte der Agentur AP, sein Klient, der nun auf seinen Prozess wartet, habe Angst. "Das Regime versucht uns beizubringen, dass wir duldsam und still sein sollen, sonst verfolgen sie uns."

"Sie versuchen, das Internet zu kontrollieren"

Ein selbst bloggender Exil-Iraner namens Hossein Derakhshan sagte der AP, das Vorgehen gegen die Blogger in Iran zeige "die Paranoia" der Regierung. "Sie fürchten, dass diese Seiten und Blogs eines Tages zu einer Möglichkeit für Protestierende werden, zu kommunizieren und sich zu organisieren. Sie versuchen, das Internet zu kontrollieren, bevor es sie kontrollieren kann."

In seinem eigenen Blog berichtet Ahmadinedschad langatmig und sehr ausführlich von der Geschichte seines Landes, preist Revolutionsführer Ajatollah Chomeini und hat für den im Verlauf der islamischen Revolution in Iran gestürzten Schah nur Abscheu und Verachtung übrig.

Wegen der großen Armut, die dessen Herrschaft gebracht habe, habe Ahmadinedschads Vater schließlich den Lebensunterhalt der Familie nicht mehr bestreiten können, und er, der Sohn, habe deshalb angefangen, in einem Betrieb zu arbeiten, der Teile für Klimaanlagen herstellte. Drei Jahre vor der Revolution sei er schließlich als Student der Ingenieurswissenschaften in die Technische Universität von Teheran eingetreten. Die Mehrzahl der Studenten dort hätte den Versuchen des "blutdurstigen Schahs" widerstanden, "Unmoral, Promiskuität und Perversion" in die Universitäten Irans zu bringen.

Der "Große Satan USA"

In blumigen Worten beschreibt Ahmadinedschad die Revolution unter Chomeini, die Errichtung des muslimischen Gottesstaats und die angeblichen Versuche von "Terroristengruppen", das neue Staatswesen zu stören. Hinter solchen Versuchen habe stets der "Große Satan USA" gestanden, behauptet er.

Ein Exkurs gilt dem "machttrunkenen" Saddam Hussein, der trotz der Unterstützung durch die USA und andere westliche Staaten "nicht einen Zentimeter iranischen Landes" habe erobern können. Nach dem Ende des Krieges seien die wahren Ereignisse "verzerrt und versteckt" worden von "internationalen Organisationen und arroganten Mächten". Ahmadinedschad selbst hatte als Soldat der Revolutionären Garden an dem Krieg gegen den Irak teilgenommen, der 1988 zu Ende ging.

An dieser Stelle, nach fast vier Druckseiten Text, besinnt sich Irans Präsident auf das, was eigentlich zu den Grundprinzipien des Bloggens gehört - Kürze. Er werde sich später wieder mit diesem Thema beschäftigen, schreibt er, aber "von nun an will ich mich bemühen, mich kürzer und einfacher auszudrücken".

Bis auf die Länge aber erfüllt das Weblog des Präsidenten alle Standards - sogar Übersetzungen in mehrere Sprachen gibt es: neben Persisch auch Arabisch, Französisch und Englisch, außerdem einen RSS-Feed, so dass man die neuesten Einlassungen des Präsidenten auch abonnieren kann, und sogar eine Kommentar-Funktion. Ein Internet-Votum ist ebenfalls in die Seite eingebaut: Es stellt die Frage: "Glauben Sie, dass es die Intention der USA und Israels ist, durch den Angriff auf den Libanon einen weiteren Weltkrieg auszulösen?"

Die Leser des Präsidentenblogs scheinen eine etwas weniger finstere Weltsicht zu haben als der Autor selbst: Am Sonntagabend hatten von etwa 3500 Abstimmenden immerhin 52 Prozent mit "Nein" geantwortet.



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