Airbus-Unglück auf Twitter "Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Verrückt."

Es war eine Sternstunde für Twitter, den seltsamen Kurznachrichtendienst: Viel schneller als über die professionellen Medien verbreiten sich dort erste Informationen und Fotos über die Notlandung eines Airbus auf dem Hudson River. Schlägt nun die Stunde des Bürgerjournalismus?

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Für einige Tage wird Janis Krums zu den populärsten Internet-Nutzern überhaupt gehören. Der Mann ist mächtig gefragt: Gegen 5 Uhr morgens deutscher Zeit gab er MSNBC ein Interview, nicht sein erstes und nicht sein letztes in den letzten 14 Stunden.

Wir wissen das, weil Krums, nach eigener Aussage "Unternehmer und ehemaliger Sportler", zum Heer der Twitter-Nutzer gehört. Die versorgen die Welt mit höchstens 140 Zeichen umfassenden Kurznachrichten über alles, was sie gerade so machen oder erleben. Eine Art SMS an die Welt, die jeder lesen kann, der will.

Am Donnerstag hatte Krums unter anderem folgende Dinge mitzuteilen:

  • "Fahre nach New York hinein, während Schnee fällt und alles verlangsamt."
  • Drei Stunden später: "Verlasse die Stadt. Versuche, den Verkehr zu schlagen. Wünscht mir Glück!"
  • Minuten darauf: "Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Bin auf der Fähre, die versucht, die Leute aufzusammeln. Verrückt."

Dieser Eintrag, kurz darauf garniert mit einem per Handy geschossenen Foto von dem langsam sinkenden Airbus A320, auf dessen Flügeln die Passagiere stehen, ist mit höchster Wahrscheinlichkeit die erste Nachricht überhaupt, die über die Beinahe-Katastrophe von New York in die Welt gesetzt wird. Krums Foto verbreitet sich in den folgenden Stunden hundertfach im Web und wird unter anderem auch auf professionellen Nachrichtenseiten zu sehen sein. Das allerdings dauert seine Zeit.

Denn die ersten Minuten des Dramas auf dem Hudson River gehören den Bürgerjournalisten. Bei Twitter beginnt es zu zwitschern und zu schnattern: Auf die relativ wenigen Augenzeugen-Berichte, die sich dort bald verbreiten, springen Tausende von Twitter-Nutzer an, die vornehmlich darüber reden wollen, aber die Nachricht auch weiter verbreiten. Immer mehr Fotos tauchen auf, veröffentlicht bei flickr, aus jedem erdenklichen Winkel, meist aus Entfernungen, die nicht mehr viel erkennen lassen. Neben ernsten, echten Fotodokumenten tauchen auch erste morbide Scherze über Flug 1549 auf.

Unter dem Strich aber wird es nachrichtlich-ernst in der Schnatterzone des Webs. Es dauert nur Minuten, bis "tags", also Twitter-Beiträgen zugewiesene Stichworte, die im Zusammenhang mit dem Airbus auf dem Hudson stehen, zu den populärsten Twitter-Stichworten dieser Stunden gehören.

Die Nachrichten breiten sich in diesem Pool der Dauer-Kommunizierer aus wie die Wellen um einen Stein, den man ins Wasser fallen lässt. Und Twitter, dem man so oft das Potential zum Instrument des Bürgerjournalismus nachgesagt hat, erlebt seine Feuertaufe als echtes Nachrichtenmedium - und besteht sie zumindest in einer Hinsicht: Kein Medium ist schneller.

Schneller geht's nicht

Es sind Twitterer, die zumindest die zwei Kernnachrichten verbreiten: Die Notwasserung eines Airbus auf dem Hudson River. Die Tatsache, dass Passagiere überlebt haben. Das wissen Twitter-Nutzer, während Reporter selbst in New York noch hektisch versuchen, überhaupt irgend etwas zu erfahren.

Was nicht verwunderlich ist, denn kein medialer Verbreitungsweg war bisher so geeignet, aus jeder Situation heraus schnell ein potentiell weltweites Publikum zu erreichen. Wenn ein solches Instrument von einer genügend großen Zahl von Menschen genutzt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass immer irgendjemand zum Zeugen wird, wenn irgendwo etwas passiert. Denn Twitter lässt sich unter anderem per Handy befüttern. Im Extremfall dauert es da nur Sekunden zwischen einem Handy-Schnappschuss und der Veröffentlichung auf einer weltweit sichtbaren Plattform.

Dass Twitter das Potential für solche Dinge hat, ist seit langem klar. Es ist auch der Grund, warum immer mehr Medien (wie auch SPIEGEL ONLINE) Twitter als Verbreitungskanal für Eilmeldungen, so genannte "Breaking News" nutzen. An dem Dienst scheiden sich trotzdem die Geister, denn der Normalfall bei Twitter ist ein anderer: Das Gros der Dinge, die dort kommuniziert werden, ist völlig profan und allenfalls für das engere Umfeld des Twitterers relevant. Das Beispiel der Notwasserung auf dem Hudson River aber zeigt, dass das absolut nichts aussagt über die potentiellen Qualitäten des Dienstes.

Was ist Bürgerjournalismus?

Es sagt nur etwas aus über die Erwartungshaltung. Der Grundfehler vieler Diskussionen über den so genannten Bürgerjournalismus ist, dass er den Maßstab eines Entweder-Oder an alle Dinge anlegt. Ein Dienst, ein Verbreitungsweg muss in dieser Logik entweder ernst oder nicht ernst zu nehmen sein. Er ist entweder profan oder relevant. Das ist natürlich Blödsinn. Er kann problemlos beides sein - oder mal dies, mal das.

Denn Relevanz entscheidet sich weder an der Selbstdefinition eines Mediums oder Dienstes, noch an der Grundhaltung seiner Teilnehmer und Nutzer: Relevanz entscheidet sich an den Ereignissen und Dingen, über die kommuniziert wird. In den professionellen Medien spricht man hier von Nachrichtenkriterien, an denen sich der Nachrichtenwert eines Themas bemisst. Die Kriterien eines ganz normalen Twitter-Nutzers sind da gemeinhin andere als die eines Wirtschaftsredakteurs, eines Krisengebiet-Reporters oder eines Feuilletonisten.

Auch Janis Krums ist bisher nicht als Bürgerjournalist aufgefallen. Seine bisherigen Twitter-Beiträge waren Twitter-typische Wasserstandsmeldungen über die eigene Befindlichkeit ("Good morning! Have a busy day today. Should be fun! Meetings and then entertainment"), Gedankenfetzen zum TV-Programm oder über seine Lieblingssportler ("MY Western All Stars: Kobe Bryant, Chauncey Billups, Dirk Nowitzki, Pau Gasol, and Andris Biedrins"). Relevanz klingt anders.

Flug 1549: Erst Wenige Minuten war der A320 in der Luft, als einer der Piloten Vogelschlag meldete - dann begann ein spektakuläres Manöver
GoogleEarth / SPIEGEL ONLINE

Flug 1549: Erst Wenige Minuten war der A320 in der Luft, als einer der Piloten Vogelschlag meldete - dann begann ein spektakuläres Manöver

Äußerst relevant aber war, dass Krums zur richtigen Zeit am richtigen Ort war - und genau das ist die große Verheißung des Bürgerjournalismus. Es geht um Zeugenschaft, die man aber nicht erzwingen kann. Es geht um das, was man im Englischen so passend mehrdeutig "Chance" nennt: Das Wort meint sowohl "Gelegenheit" als auch "Glück" und "Zufall".

Der Airbus A320
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38-Meter-Koloss im Himmel
Der Airbus A320 gehört zu den meistverkauften Flugzeugen für Kurz- und Mittelstrecken. Mehr als 3650 der Flugzeuge sind bereits ausgeliefert worden. Zu der Produktreihe gehören auch noch die Modelle A318, A319 und A321. Sie unterscheiden sich vom A320 vor allem durch Rumpflänge und Passagierkapazität.

Die Airbus A320-Serie ist weltweit bei zahlreichen Fluggesellschaften im Einsatz. Der A320 wird in Toulouse montiert, A318, A319 und A321 in Hamburg-Finkenwerder.

Der erste Airbus A320 startete im Februar 1987 zu seinem Jungfernflug. Das zweimotorige Flugzeug ist knapp 38 Meter lang und hat eine Spannweite von 34 Metern. An Bord haben in der Regel rund 150 Passagiere Platz. Die maximale Reichweite ohne Tankstopp beträgt fast 5000 Kilometer.

Mit dem A320 führte Airbus die elektronische Flugsteuerung in Großserie ein. Das System passt die Flugeigenschaften der unterschiedlich großen Jets vom A318 bis zum A321 so einander an, dass Piloten ohne aufwendige Umschulung zwischen einzelnen Modellen wechseln können.
Wenn dazu noch ein Instrumentarium kommt, das jedermann ermöglicht, direkt und ohne Umwege zu publizieren, dann wird Bürgerjournalismus zu einer allgegenwärtigen konkreten Möglichkeit. Bürgerreporter ist dann nicht derjenige, der sich bei einer Boulevardzeitung als solcher registriert und fürderhin alles fotografiert, was ihm vor die Linse kommt. Sondern der, der zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist - und ein Handy in der Tasche hat. Also potentiell jedermann.

Die Legende, dass sich die professionellen Medien durch all das bedroht fühlen, hält sich hartnäckig. Auch das ist Unsinn.

Janis Krums hat die erste Nachricht, das erste Foto verbreitet. Das war ein Scoop, wie man in den Medien sagt, aber mehr ist ihm auch nicht gelungen. Obwohl er vor Ort war, haben wir von ihm nichts weiter erfahren. Keine Schilderungen der Rettungsaktion, kein Interview mit einem Überlebenden, nichts über den Piloten, nichts über die Ursachen, nichts als die Tatsache, dass er eben da war. Krums Informationen flossen ein in den großen Pool der verfügbaren Informationen, deren Vertiefung dann wieder von den Profis geleistet wurde.

Niemand dürfte über die Tatsache, dass der vermeintliche Konkurrent Bürgerjournalist, dass also Janis Krums vor Ort war und sein Foto schoss, glücklicher gewesen sein als die professionellen Medien: Viele Zeitungen schmückten sich am Freitagmorgen mit dem von ihm geschossenen Motiv. Der Bürgerjournalismus kommt nicht, er ist längst da. Der viel beschworene Gegensatz zum kommerziellen Mediengeschäft dagegen nicht.

US Airways
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Hohe Ziele, tief in den roten Zahlen
US Airways gilt als eine der weltweit größten Fluggesellschaften. Das Unternehmen wurde vor mehr als 70 Jahren als All-American-Airways gegründet und war anfangs nur zuständig für die Zustellung von Post in den Westen Pennsylvanias und das Ohio Valley.

Heute fliegt das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 200 Reiseziele in den USA, Kanada, Europa, der Karibik und Lateinamerika an. Im September 2005 hatte America West Airlines US Airways übernommen - der Name US Airways blieb erhalten.

Im vergangenen Jahr blieb das Unternehmen mit mehr als 35.000 Mitarbeitern von der Verlustserie unter den US-Fluggesellschaften nicht verschont. Im dritten Quartal flog es, wie die meisten Wettbewerber, tief in die roten Zahlen.

Auch wegen hoher Treibstoffkosten erlitt US Airways ein Minus von 865 Millionen Dollar nach einem Gewinn von 177 Millionen Dollar ein Jahr zuvor. Der Umsatz stieg um 7,4 Prozent auf 3,3 Milliarden Dollar (2,6 Mrd Euro).

Die Flotte für die Hauptstrecken der US Airways besteht aus den Airbus-Modellen A330, A321, A320 und A319 sowie den Boeings 767, 757 und 737. Seit Mai 2004 gehört US Airways zur Star Alliance, einem Netzwerk von weltweit mehr als 20 Fluggesellschaften. Die Mitglieder der Star Alliance, zu denen auch die Lufthansa gehört, bieten täglich mehr als 16.500 Flüge zu 912 Zielen in 159 Ländern an. mehr auf der Themenseite ...

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