Allensbach-Analyse So nutzen die Deutschen Internet, Zeitung und Fernsehen

Das Internet gewinnt als Nachrichtenmedium an Bedeutung, Fernsehen und die gedruckte Presse verlieren. Für Akademiker unter 40 ist es sogar erstmals wichtiger als die Zeitung. Eine Allensbach-Studie zeigt nun im Detail, wo sich die Deutschen informieren und wie sie sich im Web die Zeit vertreiben.

Von Robin Meyer-Lucht


Für Manager klassischer Medien, die angesichts der aktuellen Werbeflaute ohnehin schon missmutig gestimmt sind, hält das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) seit diesem Donnerstag Material bereit, das ihnen endgültig die Laune verderben könnte: Mit dem Internet, so verkündete IfD-Geschäftsführerin Renate Köcher in München, verschiebe sich nicht einfach nur das Mediengefüge - es entstehe eine neue Informationskultur.

Wesentliche Schlussfolgerung aus den neusten Daten zur Mediennutzung der Deutschen der "Allensbacher Computer- und Technikanalyse" (Acta 2008): Mit dem neuen Medium Internet etabliere sich auch ein neues On-Demand-Informationsverhalten:

  • Die Nutzung von Informationen erfolgt zunehmend anlass- und ereignisgetrieben, der habituelle Griff zu Zeitung oder Fernbedienung ist passé.
  • Die Nutzer reagieren auf die Informationsfülle mit einer Verengung ihres Interessenspektrums.
  • Die Nutzer konzentrieren sich stärker auf Informationen, die ihnen persönlich etwas nützen - wie etwa Reviews neuer Informationstechnik.

Die Konsequenz für Medienmanager: Sie können nicht einfach nur alte Medienkonzepte ins Netz stellen, sie werden sich auf eine neu strukturierte Öffentlichkeit einzustellen haben. Ein neues Medium kann nicht nur alte bedrängen, es kann auch die dominante Kommunikationskultur verändern.

Diese Entwicklung beschreiben die Zahlen der Acta 2008, die das vorschneller Trendanalysen unverdächtige Institut für Demoskopie vorstellte. Für die Studie werden jährlich 10.000 Bundesbürger befragt.

2,5 Millionen neue tägliche Web-Nutzer

Die neuen Zahlen zeigen einen ungebrochenen Triumph des Internets:

  • 22,1 Millionen, also 45 Prozent der Bundesbürger im Alter von 14 bis 64 Jahren, nutzen das Netz mittlerweile täglich.
  • Allein im untersuchten Jahr kamen 2,5 Millionen tägliche Internet-Nutzer hinzu. Sprich: Auch wenn der Boom der Breitbandzugänge abflaut, wird die Nutzung des Internets intensiver.

Diese Entwicklung hinterlässt Spuren bei den klassischen Medien. Betrachtet man die Mediennutzung im Altersaufschnitt, so ist das Internet im Informationsalltag der Unter-40-Jährigen hierzulande nun präsenter als die Zeitung.

Die Hälfte aller Teenager in Mitmach-Netzen aktiv

Die Adaption neuer Medientechniken erweist sich als extrem altersabhängig: 47 Prozent der 14- bis 19-Jährigen sind hierzulande Mitglied einer Online-Community wie zum Beispiel StudiVZ oder Facebook (siehe Kasten unten), aber nur acht Prozent der 40- bis 54-Jährigen gehören einem solchen Netzwerk an.

Imagewandel: Netz gewinnt als Nachrichtenmedium

Mit der Verschiebung der Mediennutzung verändert sich auch das Image der Medien. Dies zeigt sich besonders in der Gruppe der 20- bis 39-Jährigen mit Hochschul- oder Fachhochschulabschluss: Gefragt nach ihren wichtigsten Informationsquellen über das aktuelle Geschehen, hat das Netz die Zeitung in diesem Jahr überholt. Für 51 Prozent gehört das Netz zu den wichtigsten Quellen und nur noch für 46 Prozent die Zeitung.

Corbis

Auch die Bedeutung des klassischen Fernsehens beginnt zu bröckeln. Erzielte TV vor drei Jahren noch einen Wert von 74 Prozent, wird im langsam einsetzenden Sinkflug nun die Marke von 67 Prozent erreicht. Das klassische Fernsehen könnte in dieser Gruppe bereits in wenigen Jahren als wichtigste Nachrichtenquelle durch das Internet abgelöst werden. Hier konnten die Befragten mehrere Antworten geben.

Die sich hier abzeichnenden Bedeutungseinbußen des klassischen Fernsehens sind gekoppelt mit der Bedeutungszunahme des Netzes die Kulisse für die Streitigkeiten um den neuen Rundfunkstaatsvertrag, der nächste Woche unterzeichnet werden soll. Die klassischen Medien ringen um ihre Bedeutung und die öffentlich-rechtlichen Anstalten um ihr Recht, ein Online-Angebot zu veranstalten, das volle Gebühren auch für das Netz rechtfertigt.

Nachrichtenseiten gewinnen Nutzer

Gewinner der neuen Studie sind erneut die klassischen Nachrichtenportale: SPIEGEL ONLINE erreicht nunmehr 3 Millionen Nutzer pro Woche (NpW) - ein Zuwachs von 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die anderen Anbieter wachsen zum Teil noch schneller, aber auf kleinerem absoluten Niveau:

  • FAZ.net (1,1 Millionen NpW, 47 Prozent Zuwachs)
  • Welt Online (0,8 Millionen NpW, 39 Prozent Zuwachs)
  • Bild.de (2,5 Millionen NpW, 41 Prozent Zuwachs)

Auch in Sachen sozialer Netzwerke liefert die Studie bemerkenswerte Einblicke: StudiVZ kommt auf 3,2 Millionen Nutzer pro Woche und auf 4,0 Millionen Nutzer pro Monat. Dass 80 Prozent der monatlichen Nutzer auch wöchentlich vorbeikommen, zeigt eine extrem hohe Nutzerbindung des Angebots - ein Wert, den so kein journalistisches Angebot auch nur annähernd erreicht.

Erstmals hat auch Wikipedia mit der Acta an einer Mediennutzungsstudie teilgenommen. Die Site steigt mit 13,6 Millionen Nutzern pro Woche gleich in die Top drei des deutschen Internets auf. Größer sind nur noch Ebay (15,4 Millionen Nutzer pro Woche) und Google (30,9 Millionen Nutzer pro Woche).



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