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Allensbach-Studie: Die Vorherrschaft des Fernsehens bröckelt

Von Robin Meyer-Lucht

Die neueste Medienstudie aus Allensbach zeigt: Eine digitale Revolution ist im Gange – auf Raten, schleichend aber beständig. Die Zeitungen hat das Internet bei den Jungen schon überholt. Jetzt beginnt das Web, das Fernsehen einzuholen.

Mal ehrlich: Medienwandel ist inzwischen richtig cool, so eine Art Grundgefühl der Medienindustrie. Er wird mit wohligen Schaudern durchlebt. BBC-Chef Mark Thompson erklärte vor einem Jahr beispielsweise, ein "big shock" stehe bevor: "Die zweite Welle der digitalen Revolution wird noch viel zerstörerischer sein als die erste und die Fundamente der klassischen Medienindustrie fortspülen." Auch hierzulande wurde schon ein "digitaler Tsunami" prophezeit.

Zeitungsdruckerei (mit "FAZ" im neuen Gewand): Bodenverlust gegenüber Online-Medien
AP

Zeitungsdruckerei (mit "FAZ" im neuen Gewand): Bodenverlust gegenüber Online-Medien

Doch der Wandel der Mediennutzung kommt nicht radikal über uns, sondern schleichend und dafür sehr beständig, wie die heute in München vorstellte neue Nutzungsstudie "Allensbacher Computer- und Technik-Analyse" (ACTA) zeigt. Die Nutzung des Internets intensiviert sich und bedrängt so zunehmend die klassischen Medien. Je stärker man nach Nutzungsintensität fragt und je stärker man sich den Jungen zuwendet, desto deutlicher wird der Wandel.

Die Zahl der Internetnutzer stieg laut ACTA auf nunmehr 35,8 Millionen, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um erneut sechs Prozent. 71,7 Prozent der Bundesbürger zwischen 14 und 64 Jahren sind damit nun online. Noch deutlicher stieg die Zahl der täglichen Internetnutzer, nämlich um 14 Prozent auf 19,3 Millionen. Das Netz setzt sich als Alltagsmedium immer mehr durch. 7,2 Millionen Bundesbürger informieren sich inzwischen täglich im Internet über das aktuelle Geschehen – eine Zunahme um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Veränderung der Mediennutzung vollzieht sich in Generations-Kohorten, daher lohnt der Blick auf die Jungen. Inzwischen geben 30,3 Prozent der 20- bis 29-Jährigen an, keine Zeitung mehr zu benötigen, da ihnen die Informationen aus Internet und Fernsehen ausreichen würden. Vor drei Jahren lag dieser Wert noch bei 21,5 Prozent, eine Steigerung von 40 Prozent in drei Jahren. So radikal hat sich das Bild der Medien in der Vergangenheit nur selten verändert – aber es bleibt ein stetiger Wandel, keine Revolution.

Bei den Jungen hat die Zeitung schon verloren

Die steigende Bedeutung des Internets als aktuelles Nachrichtenmedium zeigt sich, wenn man die jungen Nutzer nach den wichtigsten Informationsquellen für das aktuelle Geschehen fragt: 37,7 Prozent der 14- bis 19-Jährigen und 37,1 Prozent der 20- bis 29-Jährigen zählen hierzu das Internet. Die Zeitung gehört hingegen nur noch nur 24,5 Prozent der 14- bis 19-Jährigen und 36,9 Prozent der 20- bis 29-Jährigen dazu. Hier hat das Netz das Papier überholt.

Erstmals scheint sich nun auch abzuzeichnen, dass das Fernsehen Einbußen bei seiner bislang überragenden Bedeutung als Nachrichtenmedium hinnehmen muss. Vor einem Jahr gaben noch 69,2 Prozent der Bundesbürger an, sich gestern im TV über das aktuelle Geschehen informiert zu haben. Dieses Jahr sind es 65,5. Dieser Trend betrifft die gesamte Gruppe der 14- bis 49-Jährigen. Für eine verlässliche Aussage reichen diese Daten nicht, aber für einen Anfangsverdacht: Das Breitband-Internet beginnt, auch das klassische Fernsehen in seiner Nachrichtenfunktion zu attackieren. Das zunehmende Angebot und die zunehmende Nutzung von Bewegtbild-Nachrichten im Netz verändert die Funktion der Medien auch in diesem Umfeld.

Das Universalmedium verschlingt klassische Medien

Das massenhafte Schauen von Online-Filmchen auf YouTube und Co. aber bleibt vorerst ein klares Jugendphänomen. 29,9 Prozent der 14- bis 19-Jährigen tun es häufig, 16,3 Prozent der 20- bis 29-Jährigen, 5,4 Prozent der 30- bis 39-Jährigen und nur noch 2,7 Prozent der 40- bis 49-Jährigen. Auch Bloggen erweist sich als ein Generationenphänomen. 560.000 regelmäßige Blog-Schreiber zählt die ACTA. 350.000 von ihnen sind 14 bis 29 Jahre alt.

Zugleich zeigt die Studie auch, wo es bei der weiteren Verbreitung des Internets noch immer hapert. Die Zahl derer, die das Internet mobil über Handy und Laptop nutzen, stieg im vergangenen Jahr von 2,9 auf 3,5 Millionen. Eine erhebliche Steigerung, aber auf niedrigem Niveau. Eine Durchsetzung des Internets als mobiles Alltagsmedium steht noch bevor. Es fehlt augenscheinlich an konkurrenzfähigen Tarifen der Mobilfunkbetreiber und an überzeugenden Endgeräten. Hier könnte Hardware aus Cupertino die Wende beschleunigen.

1913 stellte Wolfgang Riepl, damals Chefredakteur der "Nürnberger Zeitung", in einer berühmt gewordenen Abhandlung über das Nachrichtenwesen fest, dass kein neues, höher entwickeltes Medium ein altes vollständig verdränge. Daraus haben die Vertreter der klassischen Medien häufig eine Art Bestandsgarantie geschlossen. Doch das Internet ist ein Universalmedium, das immer weitere Aufgaben-Territorien der klassischen Medien verschlingt. Dieser Prozess dauert Jahre, Jahrzehnte. Dieses Jahr ist er wieder ein erhebliches Stück vorangekommen.

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