Alte Ziele, neue Feinde: Musikindustrie attackiert die dunklen Seiten des Netzes

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Es war nur eine Frage der Zeit: Nach zahlreichen Klagen gegen P2P-Seiten und -Unternehmen hat die US-Musiklobby RIAA erstmals einen Usenet-Zugangsprovider verklagt - erstmals richtet sich der Blick damit in die dunkelsten Ecken des Netzes. Wer landet als nächstes vor dem Kadi?

"RIAA verklagt Usenet" rauscht es im Blätterwald, und wohl nur noch altgediente Internet-Nutzer fassen sich da ratlos an den Kopf: Wie kann man ein Netzwerk, ein Kommunikationsprotokoll verklagen?

Verklagter Usenet-Provider: Mit verantwortlich für die Rechtsbrüche in der Finsterecke des Internet?

Verklagter Usenet-Provider: Mit verantwortlich für die Rechtsbrüche in der Finsterecke des Internet?

Kann man natürlich nicht, das ist ein Missverständnis: Verklagt wird ein Usenet-Provider. Damit richtet sich die Aufmerksamkeit der klagefreudigen Musikindustrie auf ein neues Ziel.

Denn das Usenet ist neben dem militärischen Arpanet eine der ursprünglichen Wurzeln des Internets. Als gigantisches Schwarzes Brett für Forumsdiskussionen entstand es ab 1979 und war bis zur Veröffentlichung des WWW-Protokolls 1993 das, was Menschen meinten, wenn sie Internet sagten. Seitdem aber entwickelte sich das Usenet vom populärsten Teil des Internets zur Nische, gerade weil es unkomfortabler und vermeintlich komplizierter war als das WWW.

Und je mehr dort Insider jeglicher Couleur unter sich waren, desto mehr stürzte das Usenet ab: Es wurde zur wahren Finsterecke des Netzes, wo in den sogenannten alt.binaries-Gruppen in Teile zerhackte Dateien verteilt wurden. Die Binaries-Gruppen wurden zum populärsten Teil des Usenet, gerade weil dort Pornographie, Kinderpornographie, gehackte Software, massenhaft Musik und Filme verteilt wurden. Deshalb auch klinkten sich ab Ende der Neunziger immer mehr Provider aus dem Usenet aus oder sperrten ihren Kunden zumindest den Zugang zu den alt.binaries.

Das machte das Usenet zu einem der wenigen Orte im Web, für die man Maut verlangen kann: Seit einigen Jahren werben auch in Deutschland spezialisierte Provider mit "Daten-Flatrates" für Usenet-Downloads, die es früher grundsätzlich umsonst gab. Anbieter wie Usenext, Newssurfer und andere versprechen "die Download Revolution", "Downloads mit DSL-Geschwindigkeit" und versichern, das dieser Usent-Zugang "völlig legal" sei. Allerdings gilt, wie in den FAQs von Newssurfer zu lesen ist: "Im Usenet gibt es wie im Internet legale und illegale Up-, bzw. Downloads. Beachten Sie, dass Sie das Usenet im Einklang mit geltendem Recht nutzen. Die rechtliche Verantwortung für Ihr individuelles Nutzungsverhalten liegt bei Ihnen."

P2P war gestern

Tatsächlich? Genau diese Frage will die amerikanische Musiklobby RIAA gerichtlich klären lassen. Ist ein Unternehmen, das Zugang zu illegalen Raubkopien offeriert und impliziert damit wirbt, mitverantwortlich für deren Verbreitung? Immerhin werben alle kommerziellen Usenet-, genauer ja alt.binaries-Provider mit astronomisch hohen Download-Flatrates: 200 GB Daten für 40 Euro werden da hierzulande offeriert, Download mit Top-Geschwindigkeit, Software zur Integration der im Usenet fragmentiert vorliegenden Dateien inklusive. Damit sind wohl kaum wenige KByte kleine Diskussionsbeiträge im Forum für Palmenzüchter oder "Star Trek"-Fans gemeint. Ist das also Beihilfe zum Datendiebstahl?

Als Ziel der ersten Klage hat sich die RIAA ein Unternehmen mit symbolträchtigem Namen gewählt: Usenet.com. In einer Welt, in der es noch immer genügend Richter gibt, die absolut keine Ahnung davon haben, worüber sie in Sachen Internet zu urteilen haben, ist das eine ideale Wahl. Jede Entscheidung gegen Usenet.com erschiene als Präzedenzfall gegen "das Usenet".

Viel interessanter ist aber, dass die RIAA ihre Klageaktivitäten damit überhaupt erstmals über P2P-Börsen hinaus auf andere Internet-Verbreitungsformen ausweitet. Damit folgt sie, dem Trend schon ein, zwei Jahre hinterherhinkend, dem Zug der Daten-Tauscher. Die haben mit steigendem Strafverfolgungsrisiko den Schwerpunkt ihrer Musiktausch-Aktivitäten auf andere Plattformen verlegt. In Deutschland dürfte die unter Jugendlichen zurzeit populärste Software, die zum Tausch respektive zur Verteilung von Musik benutzt wird, ICQ (ein populärer Instant Messenger) heißen.

Wer ist als nächstes dran?

Denn Musiktausch geschieht heute vornehmlich innerhalb geschlossener Netzwerke oder Freundeskreise. Das minimiert die Risiken, wie dies auch die Usenet-Zugänge tun: Beide Internet-Bereiche sind nur mit äußerst großem Aufwand zu überwachen, beide sind geeignet für die Verbreitung von Dateianhängen.

Der von der RIAA verklagte Anbieter Usenet.com bewirbt seine Dienste mit einer Vollanonymisierung der Internetbewegungen des Kunden. Über einen VPN-Tunnel werden dessen Downloads verschlüsselt und maskiert - Abhören angeblich unmöglich. Ansonsten wirbt auch Usent.com nur mit Andeutungen: Man habe davon gehört, dass es im Usenet auch illegale Inhalte gäbe. Was ein Kunde damit tue oder lasse, sei aber dessen Privatsache.

Das ist eine der Säulen der Verteidigung gegen die RIAA-Klage, die andere ist die so genannte "Save Haven"-Regel im US-Recht: Wenn ein Provider illegale Inhalte, auf die er hingewiesen werde, innerhalb angemessener Zeit entferne, sei er nicht dafür haftbar zu machen. Eine präventive Überwachung des Usenet sei dagegen nicht möglich: schließlich lägen dort rund 180 Terabyte an Dateien.

Auch, wenn es schwer fallen dürfte, darunter überhaupt etwas Legales zu finden, wäre der entsprechende Nachweis der prinzipiellen Illegalität wohl kaum zu führen. In den USA ist darum wohl wieder eine über Jahre laufende Kette von Prozessen zu erwarten.

Interessant ist aber vor allem die prinzipielle Ausweitung des Klagefokus: Ist es damit nur noch eine Frage der Zeit, bis die RIAA auch Messenger-Anbietern an den Kragen geht? ICQ, AIM oder Microsoft Messenger wären allerdings nicht die einzigen möglichen Ziele. Download-Freaks wissen, dass die vielleicht beste Software für das Finden und Downloaden einzelner Musikstücke einen ganz besonders bekannten Namen trägt: Google.

Wer weiß, wie es geht, braucht längst keine P2P-Börse mehr.

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