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Amateurfotos: Du knipst - ich verdiene

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Andere arbeiten lassen und möglichst wenig dafür bezahlen: Diesem Prinzip folgen inzwischen mehrere deutsche Printmedien. Hobby-Knipser liefern gegen Honorar oder gar kostenlos Bilder zu - und machen so klaglos mit bei der Entwertung professioneller Arbeit.

Fotografieren ist billig geworden. Seitdem das Knipsen digital wurde und sich von der Notwendigkeit des Filmekaufens (teuer) und des Entwickelns und Abzügemachens (noch teurer) emanzipiert hat, tut es jeder - überall, zu jeder Zeit.

Foto aus Flickr-Group von "Max": "Es gibt leider kein Honorar"

Foto aus Flickr-Group von "Max": "Es gibt leider kein Honorar"

Aber was passiert eigentlich mit den Bildern, die da jeden Tag zu Zehntausenden entstehen? Die meisten verschwinden auf den Computerfestplatten der Fotografen, manche werden auf dem heimischen Drucker ausgedruckt, andere vielleicht sogar nach traditioneller Weise im Fotolabor als richtige Abzüge. Und dann gibt es einige, die ihre Fotos online stellen. Entsprechende Onlineplattformen gibt es mittlerweile zuhauf.

Verlage haben das Potential von Flickr & Co. längst erkannt. Denn dort gibt es ihn, den "user-generated content", von dem viele Medienmacher in ihrer Web-2.0-Euphorie schwärmen.

Ruhm und Ehre ohne Gold

Das Hochglanz-Blatt "Max" aus dem Hause Burda, zuständig für den Edel-Boulevard, begreift die Foto-Plattform Flickr als ideales Jagdrevier zu eigenen Zwecken - und das auch noch schön billig. Seit diesem Sommer tritt das Blatt an die Mitglieder der Fotocommunity heran: "Mit der 'Flickr Max Magazine Group' suchen wir nach neuen Talenten, nach frischen Ideen, ausgefallenen, schönen, skurrilen und lustigen Bildern. Und jeden Monat präsentiert "Max" im Heft die Highlights dieser Group." Soll heißen, die User machen fleißig Fotos, die besten werden veröffentlicht.

Eine feine Sache, mag mancher da denken, man wird bekannt und ein nettes Zubrot gibt es auch. Doch weit gefehlt. "Es gibt leider kein Honorar für das Bild - seht es als 'Competition' an", heißt es in den sogenannten Group Rules von "Max". Aber jeder Flickr-Fotograf werde namentlich genannt. Bisher hätten sich alle Beteiligten "sehr gefreut", schreiben die "Max"-Redakteure. Und natürlich gebe es auch ein Belegexemplar.

Auch einzelne User werden angefragt, ob sie nicht Lust auf Veröffentlichung eines ihrer Bilder hätten, natürlich mit "ein paar Zeilen über das Bild", um der Redaktion auch gleich die schwierige Arbeit der Texterstellung abzunehmen.

Auf gut deutsch: Das Hochglanzmagazin eines großen Verlagshauses, ein durchaus kommerzielles Produkt, bedient sich zum Nulltarif an den Arbeiten Dritter und speist sie mit einem Almosen ab. Erstaunlicherweise sind sich beinahe tausend Mitglieder der entsprechenden Gruppe für diesen Nepp nicht zu schade.

Das Abdrucken der Flickr-Bilder sei in erster Linie Werbung für die Fotografen, sagte Alexander Böker, stellvertretender Chefredakteur bei "Max", im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bislang haben wir von allen Fotografen, deren Bilder erschienen sind, begeisterte Reaktionen bekommen." Die Leute seien "sehr stolz".

Ganz ähnlich argumentiert man beim Fotomagazin "View" aus dem Hause Gruner + Jahr, in dem Bilder aus der eigenen Community ebenfalls ohne Honorar abgedruckt werden. "Das sind keine redaktionellen Inhalte", sagte der zuständige Projektmanager Alireza Jerani SPIEGEL ONLINE. "Wir stellen die Foto-Community vor; es geht uns darum, junge Fotografen bekannt zu machen."

Das Magazin "Stern" sucht ebenfalls nach Schnappschüssen vom Internetvolk: auf der Plattform augenzeuge.de. Immerhin bekommen Fotografen aber ein Honorar, wenn ihr Werk im "Stern" gedruckt wird: Für eine Doppelseite gibt’s 1000 Euro, für eine Einzelseite 500 Euro. Kleinere Formate werden mit 250 (halbe Seite) oder 130 Euro (Viertelseite) entlohnt. Während bei "Max" also Flickr-User zu unbezahlten Zulieferen gemacht werden, konkurrieren beim "Stern" nun Amateure mit den Profis um die Foto-Honorare - was den einen oder anderen ausgebildeten Fotografen durchaus ärgern dürfte.

Abschussprämien für Volkspaparazzi

Die "Bild"-Zeitung geht noch einen Schritt weiter und schickt ihre Leser zur gezielten Schnappschussjagd. 500 Euro zahlt das Springer-Blatt für Leser-Fotos, die in "Bild" bundesweit erscheinen. Für den Abdruck in Regionalausgaben gibt's 100 Euro.

Die "Leser-Reporter" bekommen neckische "Presseausweise", die in ihrer Anmutung eher an Dreingaben von Kinderzeitschriften erinnern, aber Bild-Lesern das sichere Gefühl verleihen sollen, dass Voyeurismus im Grunde etwas Anständiges sei.

Seit Wochen kann sich nämlich niemand, der nur halbwegs bekannt ist, noch unbefangen im Lande bewegen. Ständig muss sich selbst ein D-Promi davor fürchten, dass beim Nasebohren einer der Volkspaparazzi mit dem Foto-Handy draufhält und das Foto ein paar Minuten später beim Hamburger Boulevard-Blatt landet.

Auch Unfallopfer sind jetzt nicht mehr sicher. Was hier vor allem bedient wird, ist die allgemeine Sensationsgier, die sogar lebensgefährlich werden kann, wenn Unfallzeugen nicht mehr zu Hilfe eilen, sondern nur noch Bilder knipsen und die Rettungsarbeiten behindern. Die Zustimmung der Abgebildeten, das Recht am eigenen Bild? Anscheinend sind das alte Zöpfe, auch wenn "Bild" im Kleingedruckten auffordert, die "Privatsphäre anderer Menschen" zu respektieren.

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