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Amazon: Der unheimliche Verlag

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2. Teil: Herbst 2011 - Amazons Angriff auf den Markt

Amazon: Auf dem Weg zum Verlagshaus Fotos
AFP

Denn seit April baut Larry Kirshbaum, einst Chef von Warners Buchsparte, Amazon Publishing auf. Bei ihm in New York sollen die strategischen Dinge geregelt werden. So gut wie unbemerkt hat Amazon Publishing bereits damit begonnen, seine Produkte in den regulären Buchmarkt zu bringen.

Und das läuft auch über Verlagskooperationen. Bereits im April lizenzierte Amazon Verwertungsrechte für zehn Titel an den renommierten Verlag Houghton Mifflin Harcourt (Boston). Als erster Titel aus der Crossing-Verlagslinie wird dort im Herbst "Die Henkerstochter", ein Historienroman des Deutschen Oliver Pötsch, erscheinen.

Mit Genreliteratur wird die Sache spannend

Das größte Potential dürfte aber die Thomas & Mercer-Krimireihe haben. Amazon hatte im Frühjahr fünf Autoren massenkompatibler Spannungsliteratur unter Vertrag genommen. Alle sollen bis Jahresende neue Bücher vorlegen. Der spektakulärste Deal gelang mit den Werken des verstorbenen Serien-Krimischreibers Ed McBain: Amazon erwarb 35 seiner populärsten Bücher, insgesamt wirft der Konzern allein im Herbst 47 Krimis auf den Markt. Zumindest 32 Erstausgaben hat Amazon Publishing im kommenden Verlagsprogramm. Der Gesamtkatalog dürfte schnell auf 200 Titel anschwellen.

Spätestens an diesem Punkt hört Amazon auf, ein heimlicher Verlag zu sein - er dürfte vielen Konkurrenten sogar unheimlich werden. Langsam schwant auch der Verlagsbranche, dass man Amazons Verlagsexperimente nicht länger ignorieren kann.

Die prominenteste Mahnerin ist derzeit Victoria Barnsley, Chefin der britischen Dependance von HarperCollins. Amazon sei ein "sehr, sehr mächtiger globaler Konkurrent", sagte sie in einem Radiointerview und seine Verlagstätigkeiten offensichtlich "Grund zur Sorge". Hausintern nenne man Amazon einen "frenemie", also "Freind" - halb Freund, halb Feind.

Amazon habe "phantastische Dinge für die Buchbranche geleistet", sagte sie weiter. Sie habe "gemischte Gefühle", immerhin ist Amazon zugleich Kunde und Konkurrent: "Aber es gibt keinen Zweifel daran, dass sie sich einer Monopolstellung nähern."

Das ist natürlich eine Übertreibung, doch dass sich Verlagsvertreter bedroht fühlen, ist logisch. Amazons Modell stellt die bisherige Verwertungskette in Frage, auf jeder Ebene. Noch bedient der Händler nur wenige populäre Nischen mit weitgehend trivialen, wenn auch gewinnversprechenden Produkten. Seinen Druck bekommen die Verlage aber schon jetzt zu spüren: Da Amazon Autoren weit bessere Konditionen biete als sonst üblich, sagte kürzlich der einflussreiche Literaturagent Andrew Wylie, müsste die Verlagsbranche kräftig nachlegen, um für Autoren attraktiv zu bleiben.

Üblicherweise bekommen Autoren 5 bis 15 Prozent des Verkaufsumsatzes, wenn sie Glück haben: Amazon bietet bis zu 70 Prozent bei den E-Books. Wylies Forderung: Verlage müssten ihre Tantiemen bis auf 50 Prozent hochschrauben. Finanzierbar wären so wohl nur noch Bestseller.

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1. Unheimlich?
borisHB 22.08.2011
Was ist denn daran "unheimlich", wenn Amazon auch als Verlag auftritt?
2. ----
Poisen82, 22.08.2011
Zitat von sysopDuck Dich, Buch-Branche: Amazon-Chef Bezos will sein Buchgeschäft zum One-Stop-Shop machen - von der Autorenakquise über den Verlag, Druck und Vertrieb bis zum Verkauf. Allein in diesem Jahr fast 200 Bücher. Es dürfte nur der Anfang sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,780922,00.html
Auch wenn ich von dem Konzept begeistert bin bin ich mir im klaren das man Amazon nicht eine solche Marktbeherschende Macht werden lassen darf. Eigentlich schade aber hier ist das Bundeskartellamt gefragt bzw sein Amerikanisches Gegenstück.
3. König der Welt
corona, 22.08.2011
Bei dem Angebotsportfolio ist es schon schwer zu sagen was Amazon eigentlich ist. Shop, Hostinganbieter, Verlag, Logistikdienstleister etc. Im Grunde nutzen die geschickt aus, dass jeder PC Besitzer Amazon kennt, vertraut und für irgendwas sein Geld ausgeben will. Ich erinnere mich noch daran als Bezos als Einfaltspinsel abgetan wurde. Jetzt wird er bald eBay plattmachen. Ob das Alles so gesund ist...
4. Beispielhaft
wetnoodle 22.08.2011
Zitat von Poisen82Auch wenn ich von dem Konzept begeistert bin bin ich mir im klaren das man Amazon nicht eine solche Marktbeherschende Macht werden lassen darf. Eigentlich schade aber hier ist das Bundeskartellamt gefragt bzw sein Amerikanisches Gegenstück.
Ein Beispiel für die Abwesenheit jedes Verständnisses zum Thema Kartellrecht...
5. Anti-Kapitalismus
cor 22.08.2011
Zitat von borisHBWas ist denn daran "unheimlich", wenn Amazon auch als Verlag auftritt?
Das werden Ihnen die hier äusserst zahlreich vorhandenen Anti-Kapitalisten sicher gerne beantworten. Amazon ist nämlich böööööse.
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Strategien: Amazons Ableger

Amazons Weg ins Verlagsgeschäft
2006: Print on Demand
2006 stieg der Online-Konzern mit CreateSpace ins digitale Buchdruckgeschäft ein, zunächst als typisches Angebot für Selbstverleger (Print on Demand). Interessant wurde das Geschäft, nachdem ein On-Demand-Service für Verlage folgte: zahlreiche Verlagshäuser bieten ihr Backprogramm inzwischen nur noch on demand an ("Powered by Amazon").
2007: der Kindle
Amazons Kindle ist die weltweit führende E-Book-Plattform - Exklusiv-Ausgaben inklusive. In den USA ist der Nook-E-Reader von Barnes and Nobles die einzige relevante Konkurrenz. Amazons Boom auf dem Buchmarkt (Zuwachsraten von 2007 bis 2010: 11 bis 29 Prozent im Jahr) erklärt sich nicht zuletzt durch den Kindle. Rund 25 Prozent aller Buchverkäufe in den USA sollen inzwischen E-Books sein. Auch bei Barnes and Nobles wächst nur noch das Online-Geschäft, der physische Handel verliert jedes Jahr seit 2008.
2009: erste Amazon-Verlagsmarke
Bis 2009 beschränkten sich Amazons Verlagsaktivitäten auf lizenzierte Sondereditionen. Im Mai 2009 aber kam AmazonEncore, das erste Amazon-eigene Verlagsprojekt. Amazon flöhte die Tiefen des eigenen Angebots nach erfolgreichen Selbstverlagsbüchern, vor allem aber nach finanziell gescheiterten, aber von Kunden hoch gelobten Büchern: Encore bringt solche versteckten Perlen unter dem Amazon-Signet erneut auf den Markt.
2010: Crossing - der Bestseller-Import
Im Mai 2010 schickte der Konzern AmazonCrossing auf den Weg: Das Verlagsprogramm umfasst ausschließlich Lizenz-Übersetzungen von Romanen ins Englische. Die meisten Autoren sind in ihren Heimatländern - Deutschland, Italien, Frankreich, Russland, Ukraine u.a. - Bestseller-verdächtig. Das ist natürlich kein Zufall: Amazon wählt Titel aus, die sich in den jeweiligen Ländern gut verkaufen und gute Leser-Beurteilungen bekommen - die Kundschaft als Lektorat.
2011: die Genre-Verlags-Strategie
Im Mai 2011 ließ Bezos die nächsten Projekte abheben. Das Montlake-Verlagsprogramm wird sich auf den lukrativen Markt der Liebesromane stürzen, ein weiteres Verlagslabel soll den US-Markt ab Herbst mit Krimis fluten. "Thomas and Mercer" klingt anspruchsvoll, klingt nach Verlagstradition oder respektablen Gründerfiguren, ist aber typischer Amazon-Humor: Es sind die Namen zweier Straßen, die das Stammhaus von Amazon in Seattle flankieren. Erklärte Absicht von Amazon Publishing: Den Markt gezielt mit Genreliteratur zu bedienen - jede Verlagsmarke wird für ein bestimmtes Marktsegment stehen.

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