Neue Regeln für Produktbewertungen Amazon räumt auf

Mit neuen Richtlinien will Amazon das Vertrauen in die Produktbewertungen auf seiner Plattform stärken. Außerdem hat das Unternehmen in den USA eine halbe Million Rezensionen gelöscht.

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Bei Amazon ist nicht alles Gold, was bei den Kunden glänzt. Denn viele der Nutzer gaben bisher auch aus Eigennutz positive Produktbewertungen ab. Viele Anbieter bewarben ihre Produkte auf dem Online-Portal jahrelang mit Rabatten, kleinen Belohnungen oder kostenlosen Beigaben - Kunden bekamen diese aber nur, wenn sie bestimmte Produktbewertungen abgaben. Wie aus einem Bericht des Analyse-Unternehmens ReviewMeta hervorging, fielen diese dann meist überdurchschnittlich gut aus.

Das Unternehmen hatte sieben Millionen Bewertungen auf Amazon.com untersucht. Demnach scheinen die Käufer tendenziell dazu zu neigen, "anreizbasierte" Produkte weitaus besser zu bewerten, als regulär angebotene Artikel. Für viele Dritthändler kann das zum Problem werden, denn: Je mehr Sterne ein Produkt erhält, desto höher ist auch die Chance, dass sich Kunden online dafür entscheiden.

"Anreizbasierte" Bewertungen fallen häufig durch folgenden Satz auf, heißt es in dem ReviewMeta-Bericht: "Ich habe dieses Produkt umsonst oder mit einem Rabatt im Gegenzug zu meiner ehrlichen, unvoreingenommenen Kritik erhalten." Aufgrund der bisherigen Amazon-Richtlinien hatten viele Händler einen solchen Hinweis von den Käufern gefordert, denen sie Geschenke mitschickten.

Amazon verbietet bezahlte Rezensionen

Bis vor kurzem waren derartige Rezensionen mit den entsprechenden Hinweisen bei Amazon also erlaubt - oder zumindest nicht explizit verboten. Die Folge war allerdings, dass viele Produktbewertungen nur wenig Aussagekraft hatten.

Mit neuen Richtlinien will Amazon die Glaubwürdigkeit der Rezensionen nun wieder erhöhen: Bezahlte oder "anreizbasierte" Rezensionen sich auf der Plattform jetzt offiziell nicht mehr erlaubt. Bei Amazon.com wurde die Neuregelung bereits im Oktober dieses Jahres eingeführt. Auf der deutschen Website Amazon.de wurden die Richtlinien für Kundenrezensionen Ende November aktualisiert.

Eine Ausnahme macht das Unternehmen allerdings für sich selbst, zum Beispiel wenn Käufer einen von Amazon angeforderten Beitrag veröffentlichen. Das ist etwa bei "Amazon Vine - Club der Produkttester" der Fall. Dort dürfen ausgewählte Kunden auch weiter neue und noch nicht veröffentlichte Artikel kostenlos testen, um sie anschließend auf der Seite zu bewerten.

Rezensionen werden nun gekennzeichnet

Unklar bleibt bei Amazons Reform allerdings, wie die Plattform erkennen will, ob bestimmte Rezensionen nicht doch bezahlt oder mit Anreizen auf den Weg gebracht werden. Nach Informationen der Tech-Seite "Golem" hat Amazon seine Kunden zumindest aufgefordert, Rezensionen zu melden, die sich nicht an die Neuregelungen halten. Anschließend würden diese geprüft.

Geprüfte Rezensionen, bei denen ein vorangegangenes Tauschgeschäft ausgeschlossen werden kann, wird Amazon künftig mit dem Zusatz "verifizierter Kauf" kennzeichnen, heißt es vom Unternehmen. Kunden müssten sich darauf einstellen, nur noch maximal fünf nicht-verifizierte Produktbewertungen pro Woche veröffentlichen zu dürfen.

Gegen bezahlte Rezensionen, die bereits veröffentlicht worden waren, ist Amazon kürzlich schon vorgegangen: Wie "TechCrunch" berichtet, wurden rund 500.000 Produktbewertungen von Amazons US-Portal gelöscht. Über 70 Prozent der Bewertungen seien bezahlte Rezensionen gewesen.

acg



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Poco Loco 01.12.2016
1. Willkür und Fake bei Bewertungen
Ich habe erst kürzlich wieder auf Amazon Bewertungen entdeckt, die alles andere vermittelten nur nicht dass, wie der Artikel wirklich ist. So hatte der Verkäufer eines Artikels, seinen Artikel selber bewertet, es las sich wie eine Auflistung vorgefertigter Textfloskeln und Worthülsen, die dem tatsächlichen Zustand des Artikels nicht im geringsten entsprachen, Amazon hat diese Bewertung nie gelöscht. Der nächste vergab 5 Sterne weil der Artikel schnell geliefert wurde und er den chinesischen Billig-Artikel als "Edel" beschrieben hat, war mir klar der Bewerter hat keine Ahnung was "Edel" überhaupt ist, da er offensichtlich nur Billigschrott kauft und somit völlig inkompetent ist derartige Vergleiche überhaupt zu ziehen oder zu begründen. Ein weiteres Problem ist auch, dass die Bewertungen, sofern korrekt, viel zu schnell abgegeben werden, ohne den Artikel erst mal in der Praxis ausreichend lange zu testen. Dazu kommen die gekauften Fakebewertungen oder jene die nur die momentane Gefühlslage des Bewerters widerspiegeln aber nicht den tatsächlichen Eigenschaften des Artikels usw. Das Bewertungssystem scheint sich wg. des häufigen Missbrauchs, auf dauer selbst abzuschaffen. Die Verkäufer sind dieser Willkür, sich selbst überschätzender Bewerter, leider hilflos ausgeliefert, ausser sie kaufen sich halt dann ein paar positive Bewertungen hinzu oder geben sich selbst welche. Die Glaubwürdigkeit dieser Bewertungen ist nur mit äusserster Vorsicht zu geniessen.
margrad 01.12.2016
2.
Der erfahrene Amazon-Kunde fängt bei den Produktbewertungen ganz unten an. So erschließt sich ihm am ehesten, was von dem Artikel (und dem Rezeszenten!) zu halten ist und ob er mit eventuellen Mängeln/Nachteilen leben kann.
herkurius 01.12.2016
3. Sind alle noch da
Hierzulande sind die 5-Sterne-Schwindelbewertungen alle noch da. Viele erkennt man am Werbesprech - kein Mensch würde doch im Ernst seine Erfahrungen privat mit einem Text weitergeben wie: " Ein absolutes MUSS für alle, die sich nicht entscheiden konnten (...) Wer am Morgen auf einen leckeren Filterkaffee ohne Crema steht (...). Das besondere Schwall-Brühverfahren macht den Kaffee besonders aromatisch und bekömmlich. Ein wirklicher Genuss! (...)". Diese Besprechung habe ich binnen drei Minuten neu für diesen Leserbeitrag bei Amazon gefunden. Gegenmittel: ich jedenfalls kaufe (und lese!) nie Artikel, die bei Amazon eine reine Fünfsternebewertung haben, sondern sortiere nach Bewertung ... und blättere dann zu den Viereinhalbsterne-Bewertungen weiter, auch wenn ich mich durch -zig Seiten durchklicken muss. Und dann geht es einfach nach dem Bewertungsprofil. Wenn es viele Fünfsternebewertungen gibt, aber herab zu den Einsternebewertungen plötzlich die Anzahl auf zehn oder fünfzehn Prozent der gesamten Reviews wieder ansteigt, weiss man schon, was los ist. Kritisch lesen, siehe oben zitiertes Beispiel, kann auch nützlich sein. Oder auf den Reviewer-Namen klickenk und nachgucken, ob der Betreffende schon die siebzehnte Dashcam in diesem Jahr mit der Bestnote bewertet hat, bzw. ob beispielsweise im Mai 2015 nur Fünfsterne-Bewertungen kamen und danach nur Verrisse.
theo# 01.12.2016
4. seitdem es diese Fake-Bewertungen gibt
kaufe ich weniger über Amazon ein. Das Vertrauen ist weg.
herkurius 01.12.2016
5. @theo#
Naja, in Webshops und im Versteigerungshaus gibt es gar keine Bewertungen oder Hinweise auf die Zufriedenheit mit dem Produkt. Amazon hat halt nur seinen Vorrang gegenüber dem sonstigen Versandhandel zu einem großen Teil verloren. Dennoch, irgendwie ist auch sonst meine Begeisterung geschwunden. Heute gibt es eine zwanzig-Prozent-Rabatt-Aktion, die auch auf einen Artikel anwendbar ist, für den ich mich interessiere, einen Abbruch-Hammer. Toll, aus 169,95 Euro sind schon 145,89 Euro geworden und sie schenken mir noch ein Fünftel davon, macht 116,71 Euro. Ist ja Advent, Amazon hat ein großes Herz. Preis für ein baugleiches Gerät beim Versteigerungshaus 118,90 Euro. Noch Fragen? Vielleicht: "Ist das seriös?".
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