Server-Ausfall Das Internet hängt am Tropf von Amazon

Viele Internetdienste sind Anfang der Woche ausgefallen - weil einem Amazon-Mitarbeiter ein Tippfehler unterlaufen war. Selbst bekannte Firmen sind abhängig von den Cloud-Angeboten weniger Tech-Riesen.

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Als das Internet erfunden wurde, stand dahinter eine simple Idee: Der Datenfluss darf niemals abebben, selbst wenn bei einem Atomkrieg einzelne Knotenpunkte zerstört werden. Das hat viele Jahre lang auch gut funktioniert. Doch mittlerweile sieht die Lage anders aus. Die Daten vieler Websites ballen sich auf den Servern weniger Onlinesanbieter und jeder Ausfall wirkt sich massiv auf das gesamte Internet aus.

In dieser Woche hat sich wieder gezeigt, was passieren kann, wenn viele Online-Unternehmen ihre Daten einem einzelnen Cloud-Anbieter anvertrauen. Stundenlang waren in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch populäre Websites lahmgelegt, weil die Amazon Web Services (AWS) ausgefallen waren. Amazon Video zeigte keine Filme mehr, das Reiseportal Expedia war nicht mehr erreichbar, Soundcloud spielte keine Audiodateien mehr ab, die Airbnb-Website hakte und auch SPIEGEL.TV konnte über drei Stunden keine Filme ausliefern.

Einen Grund für den Ausfall nannte Amazon erst am späten Donnerstag: Ein Mitarbeiter habe sich einen simplen Tippfehler geleistet, hieß es in einer Erklärung.

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Er habe bei Wartungsarbeiten etwas Speicherkapazität abschalten wollen. Durch einen fehlerhaft eingegebenen Befehl seien jedoch auf einen Schlag zu viele Server des Amazon-Speicherdienstes S3 vom Netz gegangen. Nun will der Konzern dafür sorgen, dass durch eine Änderung nicht mehr so viel Speicherkapazität auf einmal vom Netz genommen werden kann, dass die Systeme unter ein bestimmtes Funktionsniveau rutschen.

40 Prozent Marktanteil

Die Störung hat gezeigt, wie viele Onlinekonzerne am Tropf einzelner Amazon-Mitarbeiter hängen, das den Markt mit seinem Cloud-Angebot dominiert. Laut dem Marktforschungsinstitut Synergy Research Group erreichte Amazon mit seinen AWS im vierten Quartal des vergangenen Jahres einen Marktanteil von 40 Prozent. Danach kommt lange nichts. Den zweiten Platz mit 23 Prozent teilen sich Google, Microsoft und IBM.

Die Cloud-Angebote sind vor allem reizvoll für kleine Unternehmen, die sich keine eigenen Rechenzentren leisten können. Die Firmen mieten sich alle Funktionen, die sie brauchen. Die Cloud-Konzerne stellen unter anderem Rechenpower zur Verfügung, verleihen Speicherplatz und Software, um Datenbanken auszulesen und Websites zu steuern.

Die Werbebotschaft: Kunden können sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, während sich Amazon und Co. um die Technik kümmern. Diese Vorteile bestätigt auch Jörg Schwenk von der Ruhr-Universität Bochum. "Es ist immer billiger, sich die Server eines Cloud-Dienstleisters zu teilen", sagt der Professor für Netz- und Datensicherheit. Damit könne man sehr einfach und schnell in den Markt starten.

Amazon knickte unter politischem Druck ein

Doch es sind längst nicht nur Start-ups, die auf dieses Angebot zurückgreifen. Auch erfolgreiche Onlineriesen lagern ihre Daten in kommerzielle Clouds aus. Netflix hat alle Filme bei Amazon abgelegt, Airbnb vermittelt seine Unterkünfte über die AWS und Pinterest verwaltet dort die Fotoalben der Nutzer. Dropbox hingegen ist im vergangenen Jahr aus der Amazon-Cloud ausgestiegen und setzt nun auf ein eigenes Rechenzentrum. Gelohnt hat sich das nach eigenen Angaben aber nur deshalb, weil man mittlerweile 500 Millionen Gigabyte an Nutzerdaten verwalte.

Die Dienstleistung ist günstig, hat aber ihren Preis. Denn sobald die Daten auf den Amazon-Servern liegen, verlieren Unternehmen die Kontrolle darüber. Da es sich um ein US-Unternehmen handelt, muss Amazon bei einer richterlichen Anordnung die Kundendaten den Strafverfolgungsbehörden in den USA herausrücken. Im Fall von WikiLeaks sorgte politischer Druck sogar dafür, dass Amazon das Enthüllungsportal von seinen Servern verbannte.

Außerdem müssen sich die Unternehmen darauf verlassen, dass Amazon die Server ausreichend gegen Angriffe absichert und Back-ups erstellt, um bei einer Störung die Daten nicht zu verlieren. Und das klappt nicht immer. Vor einigen Jahren entdeckte Schwenk mit einem Team von Wissenschaftlern, dass die Amazon-Cloud erhebliche Sicherheitslücken offenbarte.

"Ein einzelner Angriff hat größere Auswirkungen"

Die Forscher drangen problemlos in das System ein und hätten sogar Daten verändern oder löschen können. Amazon hat diese Lücken zwar gestopft, doch die Gefahr bleibt bestehen. "Diese Cloud-Angebote sind so komplex, das ist ein ständiger Kampf, die Server am Laufen zu halten", sagt Datensicherheitsexperte Schwenk. Außerdem bestehe immer die Wahrscheinlichkeit, dass neue Sicherheitslücken auftauchen. Zwar ließen sich DDoS-Attacken in der Cloud leichter abwehren, da die Rechnerzentren weltweit verteilt sind. "Aber was wir immer wieder vergessen: Der Effekt eines einzelnen erfolgreichen Angriffs hat wesentlich größere Auswirkungen."

Mittlerweile betreibt Amazon drei Rechenzentren in Europa, in Frankfurt, London und Dublin. Konzerne können sich dafür entscheiden, dass ihre Daten ausschließlich auf europäischen Servern gespeichert werden und nicht durch die USA oder andere Länder geschleust werden. Sobald die Daten jedoch an einem zentralen Ort gespeichert werden, ergibt sich ein neues Problem.

Wenn die Daten in diesem Rechenzentrum zerstört werden, dann sind sie endgültig verloren. Und das kann ziemlich schnell passieren. Im schlimmsten Fall genügt ein Blitzeinschlag, damit die Server ausfallen. Ein technischer Fehler kann dafür sorgen, dass wichtige Nutzerdaten gelöscht werden. Daher rät Schwenk: "Wenn man einen kritischen Onlinedienst betreibt, der nicht ausfallen darf, dann würde ich mich nicht nur auf eine Cloud verlassen."




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