Amazons Logistik Chaos bringt Effizienz

Wie viele Versandzentren braucht ein Versandhaus? Kommt drauf an, wie viele Päckchen zu packen sind: Bei Amazon können es vor Weihnachten schon einmal Millionen werden - an einem Tag. Die Zahl der Versandzentren wächst rapide. Wir haben das neueste besucht.

Von , Rheinberg

SPIEGEL ONLINE

Rheinberg - In einem anderen Jahrhundert habe ich meine Brötchen selbst einmal als Kommissionär, als Lagerhalter verdient: Nach dem Zivildienst, in den Semesterferien, immer wieder mal. Hab mir meine Laufzettel mit dem Kundenauftrag abgeholt und zog mit meinem Karren durch endlose Gänge. Nummern am Boden, Nummern an der Decke, Fachnummern an den Lagerböden zeigten den Weg. Hab die Produkt- und Chargennummern abgeglichen, die Ware aufgepackt, die Liste abgehakt. Am Ende mein Paket gepackt, aufs Band gestoßen oder in den Korbwagen geworfen, quittiert und den nächsten Laufzettel bekommen.

Viel hat sich an dieser Arbeit nicht verändert in diesem Jahrtausend, zumindest nicht auf den ersten Blick. Im nagelneuen Amazon-Versandzentrum Rheinberg am Niederrhein, wo man Automatisierung pur erwartet, laufen die Kommissionäre scheinbar wie eh und je. Es sind ganz schön viele, was aber nicht weiter auffällt. Denn dieses Lager ist vor allem eines: es ist enorm groß.

Die Quadratmeterzahl ist so ziemlich die einzige konkrete Angabe, die Armin Cossmann macht, der Chef aller Versandzentren Amazons in Deutschland: 110.000 Quadratmeter Lagerfläche sind es in Rheinberg. Hochregale bis in rund zehn Meter Höhe. "Aber Sie sehen ja: Da ist noch Platz nach oben."

Der Chef darf fast nichts verraten

Doppeldeutig ist das und mag darauf verweisen, dass Amazons Geschäfte in Deutschland seit Jahren auf Wachstumskurs sind, nimmt man das Anwachsen der firmeneigenen Infrastruktur als Maßstab. Vor zwei Jahren gab es zwei Versandzentren, derzeit vier. Mehr könnten folgen, deutet Cossmann an. Danach fließen nur noch prinzipielle Informationen, aber keine konkreten.

Genaue Mitarbeiterzahlen?
"In Rheinberg? Wollen wir mittelfristig, so innerhalb der nächsten drei Jahre, tausend Leute beschäftigen. Saisonal 3000."
Wie viele Artikel normalerweise am Lager sind? "In Rheinberg? Angaben zu einzelnen Versandzentren machen wir nicht."
Und insgesamt?
"Es gab einmal einen Tag mit 2,1 Millionen Bestellungen. Ein Rekord. Angaben zum Warenumsatz machen wir sonst nicht."
Nach Umsätzen brauche ich dann gar nicht zu fragen?
Cossmann lacht: "Richtig."

Man kann das seltsam finden oder ärgerlich, aber natürlich ist das ein für US-Unternehmen typisches Kommunikationsverhalten. Vor allem für die, die dem IT-Sektor nahe stehen. Und Amazon war einmal ein Internet-Startup, bevor es zum größten Versandhaus der Welt wurde.

Man spürt das noch, durchaus: Der Dresscode ist bis ins Management locker, der Umgangston ebenfalls. Manager-Arbeitsplätze sind nicht weniger nüchtern als der Rest der Arbeitsräume. An der Wand vor dem Haupt-Halleneingang hängt das aktuelle interne Verlosungsplakat, das neben den kleinen, aber auch für Packer selbstverständlichen Aktienpaketen zu den Anreizen für die Belegschaft gehört. Derzeit kann man ein Auto gewinnen.

Zufriedenheit ist wichtig, sagt Cossmann. Er ärgert sich noch über die schlechte Presse, die Amazon zuletzt hatte, auch im SPIEGEL. Dass Amazon vom Arbeitsamt vermittelte Niedriglöhner mehrfach eingearbeitet habe, also als billigste Arbeitskräfte missbraucht, stimme einfach nicht. Man wolle zufriedene, gute Mitarbeiter, sagt er, weil "sich der Erfolg eines Versandes nur an einem Faktor misst: Effizienz". Um die zu erreichen, darf es nicht knirschen im Getriebe.

Natürlich gebe es vom Arbeitsamt vermittelte Arbeiter. Ziel sei aber, gute Arbeitskräfte an sich zu binden.

Vom Feld zum Versandkomplex in sieben Monaten

"Wenn Ihr Navi die Amazonstraße nicht kennt", sagte mir ein Sprecher der Firma am Tag zuvor, "nehmen Sie die alte Landstraße". An solchen Orten siedelt Amazon sich an: Nahe einer Kleinstadt, aber auch nahe einem der größten Ballungsräume des Landes. Verkehrstechnisch bestens angebunden, aber mit großen verfügbaren Freiflächen. Das Navi kennt die Adresse nicht, weil sie erst vor wenigen Monaten entstand: Schlappe sieben Monate braucht Amazon, um ein blankes Feld in einen riesigen Versandkomplex zu verwandelt. "Man muss das erlebt haben, um das zu glauben", sagt Cossmann.

Früher wuchsen hier statt Hallen vor allem Azaleen, im Frühjahr Spargel auf plantagenartigen Feldern, in Gewächshäusern. Nach Holland schafft man es per Fahrrad, wenn man will. Östlich liegt in wenigen Kilometern Entfernung der Rhein und dahinter das nördliche Ruhrgebiet, westlich in tausend Meter Entfernung die Auffahrt zur A57. DHL hat sich direkt neben Amazon angesiedelt. Alles ideal, auch wenn es aussieht wie eine Halle im Nirgendwo.

Chaos mit System

Sie ist ein reiner Zweckbau, Stahlträgergerüst, Betonplatten. Fensterrahmen sind Sonnenblumengelb auf Blau abgesetzt, Amazon-Farben. In der Mittagspause zieht der Strom der Kommissionäre und Packer in roten Signalwesten in eine mit Biergarnituren möblierte Kantine. Wer lieber pafft als zu essen, geht über stählerne Laufwege an der Hallenaußenseite eine Stahltreppe hinab zum Raucher-Unterstand. Bis hierhin sieht ein Versandzentrum 2011 nicht anders aus als eines 1981.

Mit einem feinen Unterschied: Es scheint unordentlicher. Da stehen Waschmaschinen neben Kinderspielzeug, Kaffeemaschinen und DVD-Playern. Wer sich lang genug umsieht, entdeckt Dopplungen: Nicht nur, dass es kein System zu geben scheint, wo welche Warengruppen eingelagert werden. Zahlreiche Waren findet man doppelt und dreifach, kreuz und quer verstreut in den riesigen Räumen der H-Form, die die vier Haupthallen bilden.

Es ist ein gewolltes Chaos: Unordnung dieser Art bringt ab einer gewissen Größe Effizienz. "Es hält die Laufwege kurz", erklärt Cossmann.

Der Schlüssel ist ein von Amazon selbst entwickeltes Lagerverwaltungssystem, das quasi Schnittstelle zwischen im Internet bestellendem Kunden, Kommissionär und Warenauslieferung ist.

Eine angelieferte Ware wird völlig willkürlich da eingelagert, wo gerade Platz für sie ist. Das System registriert ihren Ort und gleicht ihn mit der Position der Kommissionäre im Raum ab. Zugeteilt wird der Auftrag dem Kommissonär, der für eine Abwicklung des Auftrags die geringsten Laufwege zurückzulegen hat. Es ist eine praktische Anwendung der Prinzipien, die man in der Warenlogistik "Internet der Dinge" nennt.

Erfasst wird die Position der Kommissionäre über die Scanner, die dem Arbeiter einerseits Aufträge zuspielen und ihn durch die Hallen leiten, andererseits jeden Schritt der Bestellungsabwicklung dokumentieren. Die Kommissionäre liefern jeweils mehrere Aufträge an einen Sortierer, der die Waren nach Aufträgen bündelt. Von dort gehen sie an einen Packer, der vom System für jeden Auftrag sogar den passenden Karton zugeteilt bekommt.

Der geht ab aufs Band und landet im günstigsten Fall ein, zwei Minuten später schon in einem Lieferwagen: Gewogen und mit dem passenden Adressaufkleber etikettiert wird er auf dem Weg, "on the fly", ohne auch nur eine Sekunde anzuhalten.

Auch das ist Automatisierung

Es ist ein durchaus automatisiertes System, das den Menschen als höchst flexible Komponente zum Bestandteil des logistischen Ablaufes gemacht hat. Man kann das fürchterlich finden, oder bedenklich, weil es sogar eine Überwachung von Arbeitnehmern erübrigt: Hier legt sich garantiert niemand für ein Nickerchen ins Hochregal.

Andererseits wirkt auch keiner der Arbeiter so, als spüre er ständig die virtuelle Peitsche im Nacken. Gearbeitet wird zügig, aber nicht gehetzt, die Stimmung ist gelöst. "Dat issen guter Job", sagt mir nachher ein Arbeiter auf dem Werksparkplatz, ein Kollege bestätigt das. Arbeitnehmer, denen wir in der Halle mit Chef-Begleitung begegnen, reagieren locker und ungekünstelt.

Cossmann weiß, dass Amazon als kommender Groß-Arbeitgeber trotzdem unter Beobachtung steht. Das Gros der Amazon-Jobs sind einfache Arbeitsverhältnisse, und sie entstehen in Massen. Wann denn die nächsten Versandzentren hochgezogen werden, will ich wissen, und Geheimniskrämer Cossmann flieht ins Unbestimmte: "Dauert bestimmt nicht lang", sagt er: "Warten Sie mal ab!"

Es ist Mittwoch, der 14. Dezember. Rund 24 Stunden später wird Amazon bekanntgeben, dass die nächsten zwei Versandzentren in Koblenz und Pforzheim aufgebaut werden. "Im dritten Quartal 2012" sollen beide die Arbeit aufnehmen. Die Zahl der Amazon-Packer in Deutschland nähert sich zügig der Fünfstelligkeit.

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insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
dweird 23.12.2011
1. Dem Kommissionär ist nichts zu schwär oder wie?
Lieber Herr Patalong, Ihre Zeit in einem Lager scheint wirklich in einem anderen Leben gewesen zu sein (vielleicht nicht Ihr eigenes?). Die Person, die in einem Lager die Waren zusammenstellt heißt "Kommissionierer". Ein "Kommissionär" ist die Bezeichnung für einen selbstständigen Kaufmann (österr. Recht: Unternehmer), der Waren oder Wertpapiere nicht auf eigene Rechnung verkauft, sondern gegen eine Provision ausstellt und verkauft, siehe Kommissionsverkauf.(...) Wikipedia - immer einen Blick wert, wenn man keine Ahnung hat, wovon man schreibt. Und mit dem Fahrrad von Rheinberg nach Holland sind es übrigens gut 40 Kilometer; da muss der fleißige und zufriedene Amazon-Kommisionierer schon möchtig strampeln... Schönen Gruß
aaback 23.12.2011
2.
Zitat von sysopWie viele Versandzentren braucht ein Versandhaus? Kommt drauf an, wie viele Päckchen zu packen sind: Bei Amazon können es vor Weihnachten*schon einmal Millionen werden - an einem Tag. Die Zahl der Versandzentren wächst rapide. Wir haben das Neueste besucht. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,804092,00.html
Ob ein Versandhandel gut funktioniert ist in erster Linie von den Zustelldiensten wie Post, Hermes oder UPS abhängig und bei vielen, die nie zuhause sind, weil sie Geld verdienen müssen,vom Goodwill der Nachbarin im Erdgeschoß. Sonst schmeißt der Bote das Päckchen auch gern mal vor die Haustür. Der Krampf bei der Zustellung und die verlangte Vorkasse, die mir das erhebliche Versandrisiko aufbürdet, halten mich vom Versandhandel ab. Warum soviele Leute sich das in unserer Servicwüste antun, kann ich nicht verstehen.
Altesocke 23.12.2011
3.
Zitat von sysopWie viele Versandzentren braucht ein Versandhaus? Kommt drauf an, wie viele Päckchen zu packen sind: Bei Amazon können es vor Weihnachten*schon einmal Millionen werden - an einem Tag. Die Zahl der Versandzentren wächst rapide. Wir haben das Neueste besucht. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,804092,00.html
Das wichtige, fuer mich dabei, ist: Ich bestelle etwas von Amazon, oder von jemandem, der den Versand von Amazon erledigen laesst, und es geht entweder noch am gleichen Tag, spaetestens jedoch am naechsten Tag, raus.
_stordyr_ 23.12.2011
4.
Zitat von sysopWie viele Versandzentren braucht ein Versandhaus? Kommt drauf an, wie viele Päckchen zu packen sind: Bei Amazon können es vor Weihnachten*schon einmal Millionen werden - an einem Tag. Die Zahl der Versandzentren wächst rapide. Wir haben das Neueste besucht. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,804092,00.html
amazon kann es sich ja auch leisten, niedrige Raten von Automatisierung zu verwenden. Immerhin arbeiten viele Menschen dort ja nicht auf Amazon Kosten... nein im Ernst... is doch schön, wenn da auch Menschen arbeiten... Wenn die nun noch nen vernünftigen lohn kriegen, sises noch viel besser und Amazon stellt sich gut dar.... leider sind sie halt wirklich schnell und günstig in vielem, so dass die leute ihre Moralvorstellungen auch gern mal beiseite schieben... geiz is eben leider geil.
m²hoch2 23.12.2011
5. es besteht...
... ein gewisser unterschied zwischen einem kommissionär und einem kommissionierer. ansonsten macht amazon nichts besonderes, kaum einen artikel wert wie ich meine...
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