Amokdrohungen im Netz Warum keiner den digitalen Schulhof überwachen kann

Gewalt-Manifeste, Chat-Room-Gerede über Massaker, Ankündigungen von Amokläufen: Das Internet ist voller Hinweise auf eventuelle Verbrechenspläne. Doch eine gezielte Überwachung zur Verhinderung von Wahnsinnstaten ist unmöglich.

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Das Datum der Bluttat an einer Schule in Emsdetten jährt sich heute zum ersten Mal. Ein 18-jähriger ehemaliger Schüler schoss dort an einer Realschule um sich und verletzte 37 Menschen, bevor er sich selbst tötete. Vor zwei Wochen marschierte der 18-jährige Abiturient Pekka-Eric Auvinen in seine Schule in Tuusula und tötete acht Menschen und dann sich selbst. Und am Freitag warf sich der 17-jährige Rolf B. in Köln vor eine Straßenbahn. Gemeinsam mit einem Mitschüler hatte er eine Zeit lang geplant, in der eigenen Schule, dem Georg-Büchner-Gymnasium in Köln Weiden, ein Massaker zu begehen.

SchülerVZ-Profilbild von Rolf B.: "Frage nach dem eigentlichen praktischen Ansatz"

SchülerVZ-Profilbild von Rolf B.: "Frage nach dem eigentlichen praktischen Ansatz"

Die beiden hatten die Tat zwar schon vor Wochen verworfen. Aber nun ist B. tot, sein Mitverschwörer Robin S. ist wegen Suizidgefahr in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Heute wurde der Unterricht im Georg-Büchner-Gymnasium in Kaarst abgesagt, weil finnische Ermittler ein Chat-Gespräch über einen möglichen Amoklauf an der Schule mitbekommen hatten.

Bastian B., der Täter von Emsdetten, und auch der Amokläufer von Tuusula hatten ihre Taten per Manifest und Video im Netz angekündigt, und auch Rolf B. war von Polizei und Rektorat einvernommen worden, weil er in sein Profil in einer Schüler-Community im Netz ein Bild der Columbine-Amokläufer kopiert hatte. Könnte man Amoktaten, Schulmassaker also verhindern, wenn man die Aktivitäten von Schülern im Netz nur ausreichend beobachtet? Ist der Staat hier gefragt, ist Amok-Prävention auf diese Weise möglich?

"Ein großer Zufall, wenn man auf so einen Fall stieße"

Beim Bundeskriminalamt (BKA) will man sich nicht in die Karten sehen lassen. Ja, es gibt einen bundespolizeilichen Streifendienst im Internet, die "Zentralstelle für anlassunabhängige Recherchen in Datennetzen" (Zard). Wie viele Beamte dort aber täglich vor Rechnern sitzen, um den größten Informationswust in der Geschichte der Menschheit nach Verdächtigem zu durchsuchen, wird nicht verraten. Dazu mache man "grundsätzlich keine Angaben", heißt es aus der BKA-Pressestelle. Eins ist aber so gut wie sicher: Einen Amoklauf werden die Internet-Streifengänger vermutlich nie verhindern. Gerhard Schmoll, der dem niedersächsischen Äquivalent der Zard vorsteht, sagte dem SPIEGEL im Juli, es wäre "ein großer Zufall, wenn wir bei der Vielzahl von Seiten im Netz vorher auf einen Fall wie den in Emsdetten stoßen würden".

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) verwies auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE auf das Gemeinsame Internetzentrum (GIZ), "wo wir auch solche Dinge beobachten können". Das GIZ soll allerdings der Ressourcenbündelung von Geheimdiensten und Polizeibehörden dienen, zur "frühzeitigen Erkennung extremistischer und terroristischer Aktivitäten". Ob die etwa 30 Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, des BKA, des Bundesnachrichtendienstes (BND), des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) und der Generalbundesanwaltschaft (GBA) Zeit für die Beobachtung potentiell gewaltbereiter Schüler haben, scheint zumindest fraglich.

Wieviele Cybercops in Deutschland genau auf Streife sind, ist unklar. Die "taz" aus Berlin spricht von "etwa 350 Beamten", die meisten davon beim BKA. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE dürfte die tatsächliche Zahl der Ermittler deutlich geringer sein - in Hessen sind es derzeit drei, in Bayern 10 Beamte, und beim BKA selbst dürften es nicht viel mehr sein.

In der Selbstbeschreibung der Zard auf der Webseite des BKA heißt es: "Bei inzwischen weit über einer Milliarde Webseiten im WWW, über 80.000 verschiedenen Newsgruppen und ca. 25.000 verschiedenen Chatkanälen im IRC (Internet Relay Chat) stellt sich natürlich die Frage nach dem eigentlichen praktischen Ansatz anlassunabhängiger Recherchen."

Die hessische Landespolizei zum Beispiel bekommt gerade 42 neue Stellen für "Internet-Kommissariate". Die Netzpolizisten sollen aber vor allem auf Strafanzeigen reagieren und etwa Betrugsfälle verfolgen, die über das Internet abgewickelt wurden. Auch für anlassunabhängige Recherchen gibt es in Hessen - wie in fast allen Landeskriminalämtern - eine Abteilung. Die sucht vorrangig nach in Deutschland verbotenen Computerspielen, die in Tauschbörsen und anderswo angeboten werden. Und nach Kinderpornographie. Wie bereits erwähnt: Drei Beamte sind dafür bislang abgestellt. Demnächst soll auf fünf Stellen aufgestockt werden.

Die Beamten auf Netzpatrouille machen ihre Arbeit

In einem internen Papier des BKA, das dem SPIEGEL vorliegt, steht zum Thema Chatrooms der schlichte Satz: "Eine permanente Überwachung der verschiedenen Dienste ist aufgrund der Vielzahl der Möglichkeiten de facto nicht möglich." Vor allem, wenn es um angeblich bevorstehende Gewalttaten gehe, müsse die Suche "durch geschultes Personal manuell durchgeführt werden". Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) sagte dem SPIEGEL im Juli 2007: "Selbst wenn wir doppelt so viele Internet-Fahnder hätten, bliebe es nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

De facto suchen die Netz-Polizisten der Kriminalämter der Länder und des Bundes vor allem nach einem: Kinderpornographie. Im Jahr 2005 etwa ergaben sich aus den Ermittlungen der Zard 425 Verdachtsfälle. In 340 Fällen wurde Anzeige erstattet, in zwei Dritteln dieser Fälle ging es um Kinderpornographie. In manchen Jahren sind es bis zu 80 Prozent der Fälle. Mit anderen Worten: Die Beamten machen ihre Arbeit - sie suchen nach Verbrechern, die für grauenvolle Taten mitverantwortlich sind, deren Opfer Kinder sind. Sie schleichen nicht durch Schüler-Chatrooms oder Community-Netze und belauschen dort Pausenbrot-Konversationen um sie anschließend kriminalpsychologisch auszuwerten.

Reicht der Nutzername "Amoklauf" als Verdacht?

Das nämlich wäre der einzige Weg, aus den Abertausenden täglich im Netz getätigten verdächtigen Äußerungen die herauszufiltern, die möglicherweise auf eine eines Tages drohende Bluttat hindeuten könnten. Wenn jemand in der SchülerVZ-Gruppe mit dem Namen "40% Der Amokläufer spielen Killerspiele, 100% essen Brot!" schreibt, er spiele "lieber real life CS" - ist er damit ein potentieller Amoktäter? CS steht für "Counter-Strike", den Taktikshooter, der immer noch als Trainingsinstrument des Erfurt-Attentäters Robert Steinhäuser gilt - obwohl der ihn gar nicht auf seinem Rechner installiert hatte. Reicht eine angebliche Vorliebe für "real life CS" als Anfangsverdacht gegen einen potentiellen Massenmörder?

Muss das YouTube-Mitglied mit dem Benutzernamen "Amoklauf0*" polizeilich beobachtet werden? Oder der Nutzer, der ein HipHop-Lied hochgeladen hat, das ein Schulmassaker aus der Täterperspektive beschreibt? Der Kommentator, der unter ein Video schreibt "Dafür wirst du zahlen, Opfer. Du wirst um Gnade betteln, elender Hund"? Oder der Hobby-Satiriker, der zuerst vor der Kamera "Counter-Strike" spielt und dann mit Spielzeugwaffen posiert, um zu belegen, dass weder das eine noch das andere zum Amokläufer macht?

Die Gefährlichkeit solcher Äußerungen im Netz kann im Zweifelsfall nur jemand beurteilen, der mehr über die Netz-Selbstdarsteller weiß. Auch der Kölner Schüler Rolf B., der sich am Freitag vor eine Straßenbahn warf, war seinen Mitschülern schon vorher aufgefallen. Die Tatsache, dass er die Columbine-Mörder mit einem Platz in seinem Community-Profil ehrte, teilten Mitschüler der Polizei mit. "Alle waren sich einig: Der Rolf, der ist auch so ein komischer Einzelgänger, der irgendwann durchdreht", sagte eine Schülerin dem Kölner "Express".

Der globale Schulhof Internet ist für die Behörden noch viel schwerer zu überwachen als all die realen Pausenhöfe in Deutschland und dem Rest der Welt. Auch dort, zwischen Raucherecke und Brötchenstand, werden wohl täglich Sätze ausgetauscht, die für manche Ohren besorgniserregend klingen - und für Eingeweihte wie ein Witz. Es kann nicht Aufgabe der Polizei sein, selbst zuzuhören und Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden. Das gleiche gilt für die globalen Pausenhöfe in Communities und Chaträumen, in denen Schüler sich heute eben auch unterhalten. Das Verhindern von Verbrechen durch die wahllose Überwachung privater Kommunikation - auch wenn sie im öffentlichen Raum stattfindet - kann und darf nicht zur Aufgabe der Behörden werden.

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