S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Rauschhafte Nähe

Soziale Medien können ein Segen sein. Aber nach Gewalttaten wie in München sind die Netzwerke nicht hilfreich, sondern kontraproduktiv.

Eine Kolumne von


Kurz nach Bekanntwerden des hassgetriebenen Amokattentats in München schlug meine Frau etwas unerhört Antizyklisches vor: alle sozialen und anderen Medien auszuschalten. Ein Nachrichtenvakuum zu erzeugen, genau dann, wenn es am widersinnigsten erscheint.

Natürlich herrschte bis zur Nachtruhe eine angespannte, beklommene Spannung. Aber am nächsten Morgen fühlte es sich trotz der grauenvollen Ereignisse an, als wäre ich abends nach zwei Glas Alkohol vor dem endlosen Weitertrinken bewahrt worden.

Der Eindruck, die Welt würde schlechter, ist so verbreitet, dass politische Konsequenzen daraus folgen. Der erstarkende Neonationalismus etwa arbeitet erfolgreich mit Untergangsszenarien. Zugleich provoziert dieser Eindruck auch Gegenreden, in denen es heißt, die Welt sei so großartig dran wie nie zuvor, gestützt von allerlei Statistiken.

In solchen positiv gemeinten Aussagen finden sich Spuren des Zynismus: Ja, die Welt mag schlimm sein, aber weniger schlimm als vor 30, 50 oder 400 Jahren. Herzlichen Glückwunsch, vor 100 Millionen Jahren wurden sogar null Menschen im Jahr ermordet.

Überrationale Sichtweise auf die Welt

Aber zum Ersten geht es auch um Empfindungen, weil Gefühle Handlungen auslösen können. Zum Zweiten lassen sich ebenso Statistiken finden, die das Gegenteil zu belegen scheinen. Und zum Dritten lässt sich mit dieser Argumentation jedes aktuelle Ereignis schönreden. Eine Verbesserung von einem katastrophalen Ausgangspunkt aus betrachtet ist nicht automatisch ein Grund zum Feiern: nur 1000 ertrunkene Flüchtlinge, nur 100 Opfer islamistischen Terrors, weniger als im Vorjahr, hurra, lasst uns ein rauschendes Fest geben.

Die dahinterstehende Haltung zeugt von einer überrationalen Sichtweise auf die Welt. Da hat jemand offensichtlich Angst, und als vermeintliches Gegenmittel wird ein Bündel Statistiken willkürlich aufeinandergestapelt und erklärt, die Angst sei ja rational gar nicht berechtigt. Das funktioniert weder bei objektiv berechtigter noch bei scheinbar von den Fakten nicht gestützter Angst.

Deshalb sind Vergleiche der Sorte "Es ist in Mitteleuropa wahrscheinlicher an Blitzschlägen zu sterben als an einem Terroranschlag" auch zynischer, desinformierender Unfug. Nicht nur, weil damit implizit so getan wird, als sei Terror eine Naturgewalt. Sondern auch, weil man damit unterstellt, das Publikum sei allzeit rational, abwägend, berechnend.

Das quasi-literarische Genre der statistikgetriebenen Tolle-Welt-Artikel wirkt, als würde man angesichts eines zähnefletschenden Hundes sagen: "Statistisch betrachtet möchte er doch nur spielen. Außerdem war der Hund, dem Sie gestern begegnet sind, größer und böser."

Wenn soziale Medien eher kontraproduktiv wirken

Mustergültig wurde diese Argumentation Ende Juli vorgetragen von Googles "Director of Engineering" Ray Kurzweil, Forscher und Mitgestalter der digitalen Zukunft: "Vor hundert Jahren wäre das nächste Dorf in einer Schlacht vernichtet worden, und man hätte nicht einmal davon gehört. Heute findet ein Ereignis auf der anderen Seite der Welt statt, und wir hören nicht nur davon, wir erleben es."

Abgesehen davon, dass der durchaus bewundernswerte Zukunftist Ray Kurzweil sich bei Gelegenheit die Geschichte der gesellschaftlichen Informationsflüsse und Nachrichtenstrukturen seit dem Altertum anschauen könnte - hat er Recht mit dem Halbsatz: "Wir hören nicht nur [von Ereignissen], wir erleben sie."

Auf Nachfrage präzisiert Kurzweil, dass es ihm um soziale Medien geht: "Wir leben in der mit Abstand besten Zeit der Menschheitsgeschichte, trotz der Dinge, die Sie auf Facebook sehen." Äh, Moment, Ray Kurzweil ist einerseits Tech-Optimist, findet aber andererseits, dass Social Media am schlimmen Bild der Welt schuld ist?

Die sich ständig weiterentwickelnden sozialen Medien sind in ihrer Wirkung noch immer Neuland, für jeden, jeden Tag aufs Neue. Aber definitiv sind soziale Medien zu groß und zu divers, um sie mit den Maßstäben gut oder schlecht, Segen oder Fluch zu messen. Es müsste ohnehin immer heißen: beides, je nach Kontext. Wasser, gut oder schlecht? Eine Frage, die ein Ertrinkender tendenziell anders beantworten dürfte als ein Verdurstender.

Soziale Medien erscheinen mir überwiegend als Segen, aber gerade in großen Nachrichtenlagen, wenn sie spürbar ihre größte Wucht entfalten, kommen sie mir derzeit eher kontraproduktiv vor. Die mitreißende, emotionale Wirkung des Miterlebens via Social Media wird unterschätzt, auch von denen, die glauben, sie könnten dem Weltgeschehen gelassen folgen.

Es werden Bilder verbreitet, die nur Monster unberührt lassen und Leute, die gern Monster wären. Der Wirkung kann man sich nur aufwendig durch mühsame Abstraktion und anstrengende Entsubjektivierung entziehen. Das aber ist komplizierter und langwieriger, wenn die Nähe zum Geschehen sich so unmittelbar anfühlt wie durch soziale Medien. In Echtzeit scheint es mir sogar fast unmöglich, selbst mit journalistischer Ausbildung.

Inszenierung im eigenen Kopf

Die Nachrichtenlage des Amokattentats in München war eine prototypische Momentaufnahme des Zusammenspiels zwischen redaktionellen und sozialen Medien (ich habe sie am nächsten Tag nachvollzogen). Drei Elemente traten in den Vordergrund:

Soziale und redaktionelle Medien verschmelzen im Notfall (abgesehen vom lebensrettenden Warnungspotenzial) zu einem aufgeheizten Vermutungsraum, in dem alle Beteiligten versuchen, wie bei der Rekonstruktion eines antiken Mosaiks tatsächliche oder vermeintliche Bruchstückchen sinnvoll zusammenzufügen.

Ein fortwährend aktualisiertes Möglichkeitsbild entsteht, das zwingend mit Hypothesen und Falsifikationen arbeiten muss und genau deshalb keine Chance auf umfassende Richtigkeit haben kann - aber trotzdem von der Öffentlichkeit so behandelt wird. Getrieben durch die beschriebenen Bedürfnisse und Handlungen des selbst aktiv teilnehmenden Publikums, das mindestens qualifiziertes Raten, eigentlich aber verifizierte Echtzeitfakten erwartet. Und beides auch noch durcheinandermischt.

Wenn man nicht direkt persönlich betroffen ist, entsteht dabei eine Inszenierung im eigenen Kopf, eine Art interaktiver Weltfilm in Echtzeit. "Found Footage" heißt ein eigenes Filmgenre. In fortlaufenden Notsituationen ist die Melange aus sozialen und redaktionellen Medien, im Erlebnis-Schwarm zusammengetragen, eigentlich Found Footage in Echtzeit, also: Find Footage. Auch der Unterton der Aufforderung ans Publikum - finde Material! - passt perfekt.

Erfindet bessere Instrumente!

Find Footage! - das ist der Nachrichtenimperativ des 21. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Crowd. Und so wird auch klar, warum so große Teile der Öffentlichkeit aus allen politischen Lagern solche Situationen nicht zur Analyse, sondern zur Bestätigung der eigenen Haltung benutzen. Denn genau in dieser Phase des Geschehens, wenn durch die sich erst entwickelnde Live-Lage nur Bruchstücke vorhanden sein können - kann man die vermeintliche Realität drumherum so konstruieren, wie sie einem am besten in den Kram passt.

Bestätigende Teilchen werden eingebaut, die eigene Weltsicht konterkarierende werden als unwichtig an den Rand gelegt. Das heißt aber auch: Mit den gegenwärtig vorhandenen Nachrichteninstrumenten redaktioneller wie sozialer Medien lassen sich in Echtzeit begleitete Geschehnisse noch nicht ausreichend gut abbilden, sondern führen zu oft in eine erst vermutungsschwangere, später verschwörungsgebärende Resonanzkatastrophe.

Erfinder der Welt, erfindet bessere Instrumente zur Abbildung des Weltgeschehens! Berichtende der Welt, erlernt den klügeren Umgang mit den vorhandenen Instrumenten! Publikum der Welt, halt doch mal die - ach egal. Bis ihr soweit seid, stelle ich versuchsweise Twitter immer dann aus, wenn alle anderen dorthin drängen. Ja, Ray Kurzweil, wir hören nicht nur davon, wir erleben es. Eben.

tl;dr

Find Footage! Zugleich Aufforderung in nachrichtlichen Notsituationen und neues Genre des Welterlebens in Echtzeit via Social Media.

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
paulvernica 27.07.2016
1. nur miterleben oder auch mitmachen ?
Ein beängstigender Aspekt finde ich dass man durch bewusst falsche oder irrtümliche Meldungen als Normalobürger auf das Tatgeschehen Einfluss nehmen kann. Defacto interaktiver Terror. Die Falschmeldung dass am Stachus auch geschossen wurde hat die Polizei verleitet dorthin zu gehen. Mich würde einmal interessieren wieviele Falschmeldung es während der Schiesserei in München gegeben hat. Und ich würde gerne wissen warum diese Falschmeldungen abgegeben wurden. Nur Hysterie, oder wurde versucht bewusst die Polizei abzulenken ? Da konnte man von der Polizei bisher nichts zu hören.
prince62 27.07.2016
2. Soziale Netzwerke sind nie hilfreich, ganz im Gegenteil
Herr Lobo, diese so hochgeputschten angeblich sozialen Netzwerke sind nie hilfreich, bzw. noch nie hilfreich gewesen, deshalb immer kontraproduktiv und für die Menschheit absolut verzichtbar. Was glaubt Herr Lobo denn, wie viele Menschen tagtäglich in Deutschland zu Tode und in die Krankenhäuser kommen, nur weil ein paar intellektuell fehlgeleitete, aber absolut hippe junge Menschen meinen während des Autofahrens unbedingt ihren giestigen Abfall auf Welt loszulassen, was die Welt übrigens nicht im geringsten interessiert. Dazu fällt mir dann immer A. Einstein ein, wenn der Mann wüßte, wie Recht er im 21. Jahrhundert bekommen würde.
hummel1 27.07.2016
3.
So, ein Segen für wen und warum würde mich mal interessieren. Für die ganze Unternehmen wie Amazon & Co. Ich persönlich merke, dass es ein Segen ist, mich immer weiter davon zu entfernen. Ausser Spiegel lesen und diverses zu kommentieren mache ich so gut wie nichts mehr im Netz und ich vermisse nichts. Im Gegenteil! Und ich wiederhole mich in dem Fall gerne. Durch nichts verbreitet sich Dummheit schneller als durchs Internet! Sagte mal ein gebildeter Mann und wie man sehen kann er hatte wohl Recht!
step75 27.07.2016
4. Gilt nicht nur für social media...
Auch die öffentlichen Medien (allen voran SPON und BILD) fördern diesen "Info Brei". Irrelevante Inhalte und echte Information werden vermengt, weil man im Kampf um Aufmerksamkeit erstmal alles herausposaunt, was aufgeschnappt wird. Auch Gerüchte werden auf diese Weise zu Nachrichten. Weil es schnell gehen muss. Weil man gar nicht so schnell recherchieren kann, wie es das gierige Netz verlangt. So kommt es auch dazu, dass beim Münchener Amoklauf sofort überall von "drei Tätern mit Langwaffen" zu lesen war. Echter Journalismus sieht anders aus.
fottesfott 27.07.2016
5. wie üblich bei Ihnen reflektiert und erhellend
Ich teile auch vollkommen die Einschätzung der negativen Rolle von Twitter und Co. bei bestimmten Ereignissen, egal ob München oder die unsäglichen Tweets von Politikern jeder Couleur, von Künast bis von Storch. Schnelligkeit geht vor Reflektiertheit, es wurde alles gesagt, nur noch nicht von jedem... Nur: Sie bleiben eigentlich anders als avisiert jeden Beweis schuldig, dass soziale Medien unter dem Strich eine positive Sache sind. Muss wirklich jeder Idiot jederzeit zu jedem Thema seine im Regelfall unmaßgebliche Meinung in die Menschheit bringen ? Der "arabische Frühling" wurde ja immer für eine solche Beweisführung benutzt. Kann man wohl nicht gelten lassen. Ich postuliere einfach mal: eine Welt ohne Facebook und Twitter wäre nicht nur möglich, sie hätte Vorteile. Freunde wären wieder wirkliche Freunde. Es ginge reflektierter zu. Und nicht alles würde sofort bis zum jeweiligen Extrem stilisiert. An Unterinformation würde der Planet nicht verenden.
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