Amoklauf: Video-Vermächtnis mit Waffe, Mantel, Kampfstiefeln

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Der Amokläufer von Emsdetten hat am Sonntagabend vier Videos ins Internet gestellt. Darauf trägt er fast dieselbe Kleidung wie bei seiner Bluttat. Ein Film ist ein brutaler, selbstgezeichneter Comic. Der Code seiner Tat ähnelt dem der Schul-Massaker von Littleton und Erfurt.

"Ich brauche Eure Vergebung nicht, ich brauche Euren Hass nicht, ich brauche Eure Anerkennung nicht, was soll ich also tun?" Der Amokläufer von Emsdetten hat sich das Brachial-Lied "Die, Motherfucker, Die" von der Metal-Band Dope ausgesucht, um sein Video-Vermächtnis an die Nachwelt zu untermalen. Der Titel heißt auf Deutsch in etwa "Stirb, Drecksau, stirb" - und der Text lässt keine Zweifel offen: "Es werde mir leidtun, habt ihr gesagt, tja, es tut mir nicht leid. Peng, Ihr seid tot!"

Amokläufer von Emsdetten mit Mantel, Sonnenbrille: "Die, Motherfucker, Die"

Amokläufer von Emsdetten mit Mantel, Sonnenbrille: "Die, Motherfucker, Die"

Mit dieser letzten Strophe des Liedes unterlegte der Amokläufer eines von vier Videos, die er offenbar kurz vor seiner Tat online gestellt hat: Drei der vier Videos kamen erst Sonntagabend zwischen 18 und 20 Uhr ins Netz. Der Film mit dem brutalen Song zeigt ihn mit einem anderen jungen Mann, beide sind schwarz gekleidet. Zunächst laufen die beiden im Wald auf die Kamera zu. Dann werden ihre selbstgewählten Spitznamen eingeblendet, beide posieren mit Waffen. Man sieht sie in einem Auto durch Felder fahren und mit selbstgebastelten Sprengsätzen hantieren.

Auch in einem weiteren der Filme taucht eine zweite Person auf. In insgesamt zwei der Filme posiert der Täter mit Waffen und offenbar selbstgebastelten Sprengsätzen, gekleidet in einen langen schwarzen Mantel und Kampfstiefel. In ähnlicher Montur marschierte der 18-Jährige heute Morgen in seine ehemalige Schule in Emsdetten und verletzte mehrere Menschen mit Schüssen und Sprengsätzen.

Der zuständige Oberstaatsanwalt von der Staatsanwaltschaft Münster, Wolfgang Schweer, sagte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Wir gehen von einem Einzeltäter aus." Die Ermittler wüssten von der Existenz der Videos, seien aber noch nicht im Besitz der Filme.

Comic-Bombe auf eine nackte Frau

Ein Video ist ein kruder Zeichentrickfilm. Darin erschießt ein Bewaffneter zunächst einen nackten Mann, wirft danach einen Sprengkörper auf eine ebenfalls nackte Frau am Boden. Die stilisierte Bombe explodiert, die gezeichnete Frau wird zerfetzt. Ein vierter Film heißt "Just a little Jump" und zeigt den mutmaßlichen Täter dabei, wie er eine hölzerne Gartentreppe hinaufsteigt, einige Meter tief hinunterspringt und sich abrollt.

Die Selbst-Stilisierung des 18-Jährigen in den Videos und im Internet wirkt auf unheimliche Weise vertraut - als gebe es inzwischen eine globale Blaupause für Schulmassaker. Der komplette Code seiner Tat, die zahlreichen Spuren, die er vor allem im Internet hinterließ, erinnern an die mutmaßlichen Vorbilder: an die Mörder von der Columbine High School in Littleton, Colorado; an Robert Steinhäuser, den Amokläufer von Erfurt; zuletzt an den Kanadier Kimveer Gill , der im September in Montreal mit einer Waffe in eine Schule marschierte und ebenfalls wahllos auf Menschen schoss. Die Requisiten sind stets die gleichen:

  • möglichst martialische Waffen, mit denen man auch vorher schon für Fotos posiert hat,
  • lange schwarze Mäntel wie aus den "Matrix"-Filmen,
  • harte Metal-Musik mit menschenverachtenden Texten.

Alles, was mit Gewalt zu tun hat, fasziniert diese verwirrten jungen Männer - auch brutale Filme und Videospiele. Der mutmaßliche Täter von Emsdetten berichtete schon vor Jahren in Internetforen über seine Bemühungen beim Herstellen eigener Splatter-Filme. Er erklärte zum Beispiel, wie man tricktechnisch ein ausgestochenes Auge vortäuscht.

"Ja, es geht hier um Amoklauf!"

Er war fasziniert von Explosionen, erkundigte sich in Internetforen nach Bauanleitungen für Bomben aus Kunstdünger und anderen legal erhältlichen Zutaten. Er spielte "Doom 3" und gab in Foren Tipps zum Basteln eigener Spiel-Level auf Basis des Shooters "Half Life".

Er besaß eine Softair-Waffe, mit der man Plastikgeschosse verschießen kann. Er betrieb ein eigenes "Team" für die simulierte Ballerei im Wald und war aktiver Teilnehmer eines Internetforums zu diesem Thema. Noch im Oktober erklärte er dort, wie er zu seinem Internet-Spitznamen kam: "Den Namen 'ResistantX' habe ich mir 2003 oder 2004 zugelegt. 'ResistantX' ist gleichzusetzten mit 'Vergänglichkeit', da alles bis zu einem bestimmten Punkt (X) standhaft ist, aber irgendwann zusammenbricht. Vergänglichkeit ist meiner Meinung nach das Beste, was es auf dieser Welt gibt!"

Eine der früheren Spuren unter diesem Spitznamen findet sich im Juni 2004 im Forum einer psychologischen Beratung. Nach einer längeren Klage über die Situation in seiner Schule heißt es darin am Schluss: "Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf! Ich weiß selber nicht woran ich bin, ich weiß nicht mehr weiter, bitte helft mir." Rund anderthalb Jahre später kommentierte er diesen Beitrag auf das-beratungsnetz.de aber optimistisch: "Mir geht's besser. Ich bin nun im 10. Schuljahr und denke, ich schaff's. Klar ist man bei so was sauer, aber ich habe gemerkt, dass ich letztendlich selbst schuld hatte, dass ich zweimal sitzen geblieben bin."

Auch über seine Faszination für Softair-Waffen schrieb er in einem Forum, im Juli 2005. "Airsoft ist für mich fast die einzigste Gelegenheit, mal von meinem PC wegzukommen, und somit ist mir der Sport ziemlich wichtig." Es gehe ihm "vor allem um Teamgeist, Taktik und natürlich um Spaß". Er habe sich drei Jahre zuvor nicht für Paintball entschieden, sondern für Softair, weil es dort "viel mehr Auswahl gibt, was die 'Waffen' angeht. Ich interessiere mich sehr für Waffen aller Art - will aber unter keinen Umständen als Hobbyrambo oder Freizeitterminator gelten".

mit Material von ddp

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