Mutmaßliche Lügengeschichte auf Facebook "Diese Frau gibt es für uns nicht"

Ein Mann behauptet auf Facebook, drei Männer hätten versucht, seine schwangere Freundin zu vergewaltigen. Die Polizei geht von einem "cleveren" Fake aus. Was steckt dahinter?

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"Fasst ihr sie noch einmal an, fasst ihr somit mein Leben an!!!", mit diesen Worten beginnt ein Post, der Anfang Januar auf Facebook für einigen Wirbel gesorgt hat.

Ein 18-Jähriger schreibt diesen Satz und mehr unter der Ortsangabe eines Erfurter Krankenhauses. Auf die Nachfrage eines anderen Users gibt er an, drei Männer hätten versucht, seine schwangere Freundin "Pauline Z.", die zum Einkaufen unterwegs war, zu vergewaltigen. Nur das Einschreiten eines Passanten habe das Schlimmste verhindert. Vor ihrer Flucht hätten die Angreifer der Frau aber in den Bauch und den Helfer krankenhausreif getreten.

Fast 800-mal ist der mit einem Zeugenaufruf endende Post geteilt worden. Doch nach Überzeugung der Polizei hat der Überfall nie stattgefunden.

"Wir gehen davon aus, dass das alles falsch ist", fasst Judith Schnuphase-Stahn, Pressesprecherin der Landespolizei Erfurt, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Ermittlungsstand zusammen. Bis heute liegt ihren Kollegen keine Anzeige einer versuchten Vergewaltigung oder Körperverletzung vor. Die Polizisten waren durch die Recherchen des Lokalmediums "Thüringen24" auf die Geschichte aufmerksam geworden.

"Diese Frau gibt es für uns nicht"

In die Erfurter Krankenhäuser seien zudem keine Personen eingeliefert worden, die annähernd zu den Schilderungen des 18-Jährigen passen würden. Auch das Einwohnermeldeamt kenne eine Frau mit den genannten Personalien nicht. Ein Zeugenaufruf der Polizei brachte ebenso wenig Klarheit. Das angebliche Opfer und sein Retter bleiben unbekannt. "Diese Frau gibt es für uns nicht", lautet das Fazit der Polizei.

Inzwischen wurde der Verfasser des Facebook-Beitrags von der Polizei vernommen. Gegenüber den Beamten habe er nur "vage Angaben" gemacht, heißt es. Er selbst will ja nicht bei dem Überfall dabei gewesen sein. Was das angebliche Opfer anbelangt, blieb er dabei, dass es die Frau gebe, sie sei aber verreist, ihren Aufenthaltsort wollte er nicht nennen. Der Polizei zufolge sei der Mann "keine große Hilfe" gewesen.

Aus diesem Grund müsse nun in alle Richtungen ermittelt werden, heißt es, "da es ebenso möglich ist, dass es sich um einen Fake handelt". Der Vorwurf des Vortäuschens einer Straftat stehe zwar nicht im Raum, so Polizeisprecherin Schnuphase-Stahn. Aber womöglich liege eine Ordnungswidrigkeit nach Paragraf 118 vor: Belästigung der Allgemeinheit durch grob ungehörige Handlungen.

Auf eine Kontaktanfrage von SPIEGEL ONLINE hat der 18-Jährige bislang nicht geantwortet.

Durchaus clever angestellt

Die Polizeisprecherin kommentiert noch, der Mann habe sich auf den ersten Blick durchaus clever angestellt. Sein Beitrag verlinkte auf das Profil einer "Pauline Z." und war mit der Ortsangabe "Katholisches Krankenhaus St. Johann Nepomuk Erfurt" versehen.

Erst bei näherer Betrachtung fallen Ungereimtheiten auf:

  • Das Profil "Pauline Z." existiert möglicherweise erst seit Kurzem. Die wenigen Beiträge, die dort zu sehen sind, wurden alle am gleichen Tag erstellt: 16. Dezember 2016.
  • Keiner der Facebook-Kontakte des 18-Jährigen ist mit seiner angeblichen Freundin vernetzt - selbst diejenigen nicht, die dem Namen nach vermutlich Familienangehörige sind.

Dafür finden sich in diesem Personenkreis andere aufschlussreiche Informationen: Hinweise auf Rechtsrock-Konzerte, Likes für die Bands "Böhse Onkelz", "Triebtäter", "Krawallbrüder", "Holsteiner Jungs", "Feindbild Deutsch", "Unantastbar", "Eskalation". Gefallen finden außerdem die in der rechten Szene verorteten Bekleidungsmarken "Thor Steinar" und "Yakuza", diverse Pegida-Gruppen sowie der Pegida-Ableger Sügida.

Eine Person ist Mitglied einer Facebook-Gruppe mit dem Namen "Mut zur Wahrheit -Ausländerkriminalität nicht länger verschweigen". Einer der jüngsten Beiträge dort ist mit "#UNTERMENSCHEN" gekennzeichnet.

Diese Informationen sind vor dem Hintergrund interessant, dass der 18-Jährige sich in einem Kommentar zu seinem Post scheinbar von fremdenfeindlicher Hetze distanziert hatte, aber eben genau dadurch den Fingerzeig auf die üblichen Verdächtigen gab: "Ich nenne mal keine Herkunft, denn ich möchte keine Hetze verbreiten."

Das Facebook-Profil des jungen Mannes wurde inzwischen gelöscht. Allerdings finden sich im Netz noch weitere Social-Media-Präsenzen von ihm. In seiner Twitter-Biografie steht als Berufswunsch: "Schauspieler".

Der Fall aus Erfurt ist nur ein Einzelfall, eindeutig geklärt ist er trotz der massiven Zweifel der Polizei nicht. Aber er zeigt, wie leicht sich in sozialen Netzwerken ohne jeden Beleg Behauptungen, Lügen, Hetze verbreiten können.

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.


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