Angespielt Call of Duty: Modern Warfare 2


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Über "Modern Warfare 2" wird noch lange gesprochen werden. Nicht nur, weil es das bisher am schnellsten verkaufte Entertainmentprodukt ist. Sondern auch, weil es wie ein ungezogener Teenager alle Reizthemen kennt und dankbar benutzt, um der Umwelt vor das Schienbein zu treten und sich dann hinter dem großen Bruder zu verstecken. Allerdings hat sich dieser pubertäre Wesenszug mit zynischem Marketing zusammengetan.

Mit einer gezielten Desinformation der Presse, als vor einiger Zeit behauptet wurde, dass die deutsche Version des Spiels ungeschnitten in den Handel kommen würde, fing alles an. Tatsächlich allerdings fehlt ihr ein Spielelement - doch dazu später mehr. Die Mission war dennoch erfüllt: Die wichtigen deutschen Spielemedien übernahmen die Meldung. Das Ausweichen der Fans auf ausländische Spieleversender war erst einmal gestoppt. Dann kam heraus, dass doch etwas fehlt oder jedenfalls verändert wurde, was für Ärger sorgte. Dummerweise machte man auch noch eine völlig überflüssige Szene in dem Spiel unglaubwürdig: die Flughafenszene.

In der kann der Spieler in der internationalen Version von "Modern Warfare 2" zum Attentäter werden, der wehrlose Menschen in einem Flughafen niedermetzelt. In der deutschen Version wird das Schießen auf Zivilisten mit einem Neubeginn der Szene bestraft. Erstaunlicherweise wird allerdings in der gleichen Szene vom Spieler verlangt, Polizisten und Sicherheitskräfte zu erschießen. Macht er das nicht, ist das Level ebenfalls zu Ende, die Tarnung fliegt auf, und die Spielfigur wird hingerichtet. Auf diese Logik muss man erst einmal kommen. Vor allem, weil die eigene Spielfigur am Ende

(wer "Modern Warfare 2" noch spielen möchte, sollte die nächsten zwei Zeilen überspringen)

sowieso erschossen wird. Warum also nicht hundert Meter früher in einem Akt des Widerstands gegen das Spieledesign?

Die Grenze des schlechten Geschmacks

Der Grund für die Szene ist interessant: Sie soll, so heißt es, die Bösartigkeit eines russischen Bösewichts zeigen und dazu den Russen einen Grund geben, die USA zu überfallen. Was sie in Wirklichkeit zeigt, ist ein bizarres Spektakel, das man wenigstens nicht ernst nehmen kann: Hunderte menschliche Figuren fallen mit den immer gleichen Animationen zu Boden, viele von ihnen sehen absolut identisch aus. Das wirkt erst dann schockierend, wenn man die Szene im nächsten Fernsehbericht zeigt, der fordert, dass "Killerspiele" verboten werden sollen. Im Zusammenhang des Spieles wirkt es nur so, als ob die Entwickler einen herausfordernd anschauen und fragen: "Da haben wir uns aber wirklich was getraut, oder?"

Dabei haben sie nicht einmal das. Sie packten sogar eine dicke Warnung vor die Szene und geben Spielern die Möglichkeit, sie zu überspringen. Was wohl kaum jemand tun wird, was aber gleichzeitig heißt: Man traut dem eigenen Spiel nicht. Zu Recht, denn die Grenze, die hier überschritten wurde, ist die zum Reich des schlechten Geschmacks.

Was übrigens im Rest des Spieles immer wieder geschieht, wenngleich nicht so offensichtlich. Da wird in den Favelas von Rio de Janeiro auf Figuren geschossen, die nicht aussehen, als ob sie das Teenageralter hinter sich hätten, da werden die bösen Russen aus dem Kalten Krieg reaktiviert, da wird nach jedem Tod, den die eigene Figur gestorben ist, ein Zitat eingeblendet, beliebig ausgewählt, mit Quellen von Dick Cheney bis Gandhi. Hauptsache, es klingt irgendwie wichtig. Das alles wird in einen pathosgeladenen Militarismus eingehüllt, der bis zum Ende bleischwer über dem Spiel liegt.

Die Entwickler von "Modern Warfare 2" stellen keine Fragen zu den Szenarien, die sie entwerfen. Ihre Geschichte besteht aus Brocken, die nicht so recht zusammenfinden wollen. Darin hetzen sie den Spieler atemlos durch Konfliktherde auf der ganzen Welt. Weil sie aus Afghanistan, Kasachstan oder Kamtschatka tolle Level bauen können, in denen Spieler dann in großartiger Grafikkulisse eine Art Moorhuhnjagd veranstalten. Denn was dem Gegner an künstlicher Intelligenz mangelt, wird durch Masse aufgewogen.

Es gibt zwei Fragen, die dieses Spiel aufwirft. Zum einen: Darf ein Spiel so etwas wie die Flughafenszene zeigen? Die Antwort darauf muss sein: Ja, wenn man darauf vertraut, dass Spiele inzwischen ein Erzählmedium wie Filme oder Bücher sind. Denn dann sollte ein Spiel, das vom Krieg erzählen will, auch dessen finsterste Seiten zeigen. Die Entwickler sollten sich aber nicht wundern, wenn man ihnen die Szene trotzdem um die Ohren haut: Sie ist schlecht gemacht und schlecht begründet.

Die andere Frage aber bleibt vorerst unbeantwortet: Wie kann ein so dümmliches Spiel einen derartigen Erfolg haben?

"Call of Duty: Modern Warfare 2" von Activision; für Xbox 360, Playstation 3 und PC; ab 55 Euro; USK: ab 18 Jahren

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
hansmaus 02.12.2009
1. Antwort:
---Zitat--- Die andere Frage aber bleibt vorerst unbeantwortet: Wie kann ein so dümmliches Spiel einen derartigen Erfolg haben? ---Zitatende--- Ich Spiele das Spiel ganz gern wenni ch von einem Arbeitstag am Schreibtisch nach hause komme und den ganzen Tag den Kopf benutzen musste. Interessant an dem Artikel ist auch, das der Autor offensichtlich garnicht erst auf die Idee kommt das Menschen auch ab und an dümmliches konsumieren. Abgesehen davon ist es schon faszinierend wie sich einige Journalisten erdreißten zu definieren was dumm ist und was nicht....
drtek 02.12.2009
2. Stichwort: Online Multiplayer
Wieder mal ein sehr oberflächlicher, nahezu typischer SpON Artikel über ein aktuelles Massenphänomen unserer Zeit. Seit CoD Modern Warfare 1 (für andere auch schon früher), stand schon immer der Online Multiplayer Spaß im Vordergrund. Die Single Player Missionen sind nice to have aber der Punk geht so richtig online ab. Perfekt ausbalancierte Waffen, Levels, Spielmodi. Ranking System mit Erfahrungsstufen ("Leveln" ähnlich WoW). CoD MW 1 ist das meistgespielte Game auf Xbox Live. Deshalb an den Autor des Artikels: Bitte einige Zeit online Spielen und den Artikel dann nochmal schreiben. Multiplayer ist der Kaufgrund, Single Player die nette Dreingabe.
wuermsche 02.12.2009
3. Autor weit ueber 50!
Dieser Artikel ist doch von jemanden geschrieben worden der weit ueber 50 ist! Dieses Spiel ist ein ONLINE-SHOOTER! Ich spiele die CoD serie nun seit CoD2 und habe noch nicht einmal die Missionen zuende gespielt.
K1llaH 02.12.2009
4. Autor
Offenbar war der Autor noch nie online zocken. Warum schreiben Leute Artikel über etwas was Sie nicht recht beurteilen können ? Offline habe ich CoD nie gespielt - was soll das auch ?
xhammer, 02.12.2009
5. fazit
"Darf ein Spiel so etwas wie die Flughafenszene zeigen? Die Antwort darauf muss sein: Ja, wenn man darauf vertraut, dass Spiele inzwischen ein Erzählmedium wie Filme oder Bücher sind. Denn dann sollte ein Spiel, das vom Krieg erzählen will, auch dessen finsterste Seiten zeigen." dem stimme ich zu 100% zu!
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