Angriff auf Apples iTunes Google plant angeblich virtuellen Kiosk

Wer Apps im Angebot hat, braucht einen Shop, wer Medieninhalte per App vertreibt, braucht einen Kiosk: Eigentlich eine klare Sache. Googles angeblich geplanter digitaler Presseverkaufsstand ist trotzdem noch immer ein Gerücht - allerdings eines aus zunehmend besser informierten Quellen.

Android-Tablet (von Acer): Die auf den Markt drängende Plattform braucht Inhalte
Reuters

Android-Tablet (von Acer): Die auf den Markt drängende Plattform braucht Inhalte


San Francisco - Google prüft einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge den Aufbau eines digitalen Zeitungskiosks. Der US-Konzern habe seine Pläne bereits mit amerikanischen Großverlagen wie Time Warner, Condé Nast und Hearst besprochen, berichtete die Zeitung am Sonntag unter Berufung auf nicht näher benannte Quellen.

Der Bericht ist von US-Medien aufgenommen worden, als sei er bereits die offizielle Presseerklärung von Google - wie die meisten großen US-Firmen kommentiert Google Gerüchte gemeinhin nicht. Dass der Branchen-Smalltalk trotzdem als quasi-Tatsache gehandelt wird, ist allerdings kaum verwunderlich. Es wäre eine absolute Überraschung, wenn Google solche Kiosk-Pläne nicht pflegen würde.

Denn das ist es, was alle Anbieter von Plattformen für E-Books und -Magazine tun: Apple hat seinen iTunes-Store längst um Presseerzeugnisse erweitert, auch Amazon bündelt solche Angebote innerhalb seines Kindle-Angebotes. Google bemüht sich seit einiger Zeit, Presseerzeugnisse auch auf seine Android-Plattform zu ziehen. Attraktiv ist das für Verleger aber nur dann, wenn diese dann auch gefunden werden: Das Beispiel des Apple App-Store zeigt aber, dass Leseinhalte im Wust der Mini-Games, Fun-Gadgets und kleinen Nutzanwendungen untergehen. Statistiken zufolge macht die Nutzung von Leseinhalten in diesem überbordenden Angebot kaum vier Prozent aus. Ohne die Präsentation via iTunes wäre es wohl noch weniger.

Der erste Lese-Boom ist vorbei

Mit den Grundbedingungen der Präsentation ihrer Produkte bei Apple hadern die US-Verleger aber auch noch aus anderen, nicht medienimmanenten Gründen. Auch Apple versteht es bisher nicht wirklich, Presseerzeugnisse hinreichend prominent und gebündelt zu präsentieren - und vor allem nicht attraktiv genug für Verlage und Kunden.

Die anfänglich hohen Verkaufszahlen hatten offenbar viel mit Neugierde zu tun. Jetzt, da die gesättigt ist, wird der ständige Einzelkauf zum Umstand, die Zahlen aus dem digitalen Einzelverkauf kollabieren regelrecht - ein Abo-Modell scheitert aber bisher am grundsätzlichen Dissens zwischen Apple und den Verlegern über die Konditionen.

So korrelieren die Apple-Verkaufszahlen von Presseerzeugnissen inzwischen weitgehend mit denen des ganz normalen Straßenverkaufs - statt mit denen der weiter beeindruckend wachsenden iPad-Absatzzahlen. Die Zahl der Leser geht zurück, obwohl die Zahl der iPad-Besitzer steigt. Das hatten sich die Verleger mit Blick und Hoffnung auf die Erschließung neuer Märkte anders gedacht.

Dass Apple aber keine verlockenderen Angebote hinbekommt, liegt auch an den mauernden US-Verlagen selbst: Sie monieren zum einen Apples Provisionsforderungen (das Unternehmen kassiert 30 Prozent der Umsätze aus dem App-Verkauf) und zum anderen Apples Datengeiz. Denn Apple weigert sich bisher, detaillierte Informationen über die Käufer und Nutzer durchzureichen - Google ist hier laut "Wall Street Journal" williger und zudem bereit, die Presseerzeugnisse gegen deutlich kleinere Provision auf die Android-Plattform zu heben.

Das Gerücht heizt die Stimmung vor der Consumer Electronic Show CES in Las Vegas zusätzlich an, die am Dienstag beginnt. Amerikas Leitmesse für Unterhaltungselektronik, da sind sich die Branchenbeobachter einig, wird in diesem Jahr im Zeichen der Tablet-PC stehen. Erwartet wird eine wahre Flut an Geräten, die Apples bisher unangefochten dominantem iPad Paroli bieten sollen, und nicht wenige davon werden mit Googles Android-Plattform laufen. Kurzum: Einen besseren Ort und eine bessere Zeit, einen Google Kiosk bekannt zu geben, gäbe es kaum.

Zumal die Shop-Oberfläche selbst für Google keine große Herausforderung sein sollte. Erst im letzten Monat hatte Google in den USA mit dem Verkauf von digitalen Büchern über einen Online-Store begonnen - und Shop ist Shop.

pat/rts

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