Angriff auf Google: Facebook will E-Mail neu erfinden

Von

Macht Facebook bald den Rest des Netzes überflüssig? Mark Zuckerberg startet einen Universal-Kommunikationsdienst, der nicht einfach ein weiterer E-Mail-Service ist, sondern alle Informationskanäle verschmilzt - elektronische Post, SMS, Instant Messaging. Ziel: Google angreifen, Nutzerdaten abgreifen.

REUTERS

Hamburg - Mark Zuckerberg wählt seine Worte genau, als er an diesem Montagabend Facebooks jüngste Erfindung vorstellt. "Das hier ist kein E-Mail-Killer", sagt er. Aber die E-Mail soll in ihr aufgehen. Genau wie SMS, Instant Messaging und andere Kommunikationsdienste. Zumindest langfristig, sagt Zuckerberg.

Seit Tagen war das Netz voll mit Gerüchten über ein neues E-Mail-System von Facebook - jetzt präsentiert der Unternehmenschef eine noch größere Vision. Das soziale Netzwerk will viele Kommunikationskanäle zu einem einzigen bündeln.

Die klassische E-Mail, das Facebook-interne Postsystem, Instant Messaging (elektronische Kurzmitteilungen), SMS und weitere Dienste anderer Anbieter sollen in einer universellen Schnittstelle zusammengefasst werden. So will Facebook eine einheitliche Oberfläche für alle Arten digitaler Kommunikation schaffen. Zuckerberg sagt, er glaube nicht mehr an die E-Mail als modernes System zur Verbreitung von Nachrichten zwischen Personen. Sie sei "zu langsam", "zu formell".

In den "kommenden Monaten" sollen alle Facebook-Nutzer in den Genuss der neuen Möglichkeiten kommen, sagt Zuckerberg. Einigen wird der neue Dienst gleich zur Verfügung stehen. Die drei Komponenten des Systems:

  • "Nahtlose Kommunikation" - gemeint ist die Kombination der Kommunikationskanäle in eine Form.
  • "Konversationsgeschichte" - ein vollständiger Speicher aller über das System jemals geführter Konversationen.
  • "Social Inbox" - ein Posteingang, der nach persönlichen Freundschaftsbeziehungen sortiert wird. Einen ähnlichen Dienst bietet Google seit kurzem an, wo der "sortierte Posteingang" aufgrund der Mailhäufigkeit entscheidet, welche E-Mails für einen wichtig sind. Das System kann man belehren, so dass es seine Filteraufgabe immer besser erledigt. Ähnliches soll offenbar auch das neue Facebook-System leisten.

Jeder Nutzer kann nun eine name@facebook.com-Mailadresse bekommen - was Zuckerberg und sein Chefingenieur Andrew Bosworth bei der Präsentation als Nebenaspekt des neuen Produktes darstellen. Tatsächlich ist es das nicht. Man wolle "die Art verändern, wie die Menschen kommunizieren", sagt Bosworth. Am Ende sollen Nutzer dem Community-Konzern noch mehr Informationen als bisher darüber geben, wie ihr "social graph" aussieht, ihr soziales Umfeld im Netz.

Bosworth erklärt, man könne durch technische Integration auch mittels anderer Mailaccounts über Facebook kommunizieren. Genau darum dürfte es dem Unternehmen vorrangig gehen: Möglichst viele Menschen sollen ihr ganzes Online-Kommunikationsverhalten über den Dienst abwickeln.

Das Angebot ist vor allem auch ein Angriff auf Google und dessen Mailplattform Google Mail, die Zuckerberg "ein wirklich gutes Produkt" nennt. Facebook will dem Hauptrivalen mittelfristig einen möglichst großen Teil der Hunderten Millionen Nutzer abjagen.

"Nicht an die Grenzen des Speicherplatzes stoßen"

Worum geht es in dem Zweikampf? Für Google sind die kostenlosen Mailaccounts mit dem legendär großzügig bemessenen Speicherplatz der beste Zugang zu personenbezogenen Daten. Erst durch den Mail-Account erfährt der Konzern, mit wem und worüber ein Nutzer häufig kommuniziert - und was er sucht, denn wer auf der Mailplattform angemeldet ist, teilt jede Suchanfrage ganz persönlich mit dem Konzern. Googles eigenes Social Network Buzz sollte diese Einblicke noch vertiefen und dem Konzern auch eine "soziale Suche" ermöglichen, also Suchergebnisse mit Verbindungen zum Bekanntenkreis herausstellen. Doch Buzz startete mit gewaltigen Datenschutzproblemen und hat sich davon nicht erholt.

Facebook dagegen ist schon das größte Social Network der Welt und baut sich nun in die Gegenrichtung aus, um Google bei den Kommunikationsdiensten Konkurrenz zu machen. Wie viel Speicherplatz Facebooks neue Kommunikations-Inbox mitbringt, ist noch unklar. Aber man werde bei normaler Nutzung "nicht an die Grenzen des Speicherplatzes stoßen", sagt Bosworth - Vorbild Google Mail.

Am Ende will Facebook den Rest des Internets für seine Nutzer ein bisschen überflüssiger machen. Wenn man von der Plattform aus E-Mails, SMS und Instant Messages verschicken kann, warum sollte man die Seite dann überhaupt noch verlassen? Schon heute verbringen Nutzer dort mehr Online-Zeit als mit jedem anderen Internetangebot. Schließlich kann man innerhalb von Facebook nicht nur Freunde treffen, sondern auch Videos ansehen, Spiele spielen, Fotos betrachten. Für einen Konzern, der von Werbung lebt, ist eine so große Verweildauer bares Geld.

Es wird hochinteressant zu beobachten, ob die Nutzer den neuen Dienst annehmen oder ihn zu kompliziert finden. Oder womöglich entscheiden, dass Facebook genug über sie weiß - und nicht auch noch ihr gesamtes Online-Kommunikationsverhalten in Zuckerbergs Archiven protokolliert werden soll.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 117 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. why not?
Medienkritiker 15.11.2010
Zitat von sysopMark Zuckerberg verspricht Großes. Der Facebook-Chef präsentiert eine Art Universal-Kommunikationsdienst namens "social inbox", der elektronische Post, Chat und SMS bündeln soll - und so nichts weniger als die E-Mail ablösen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,729298,00.html
wer diesen "Service" nutzen will - gerne! es gibt ja immer mehr Dumme, welche einfach zu faul sind um sinnvoll getrennte Accounts zu präferieren. Die Bündelung birgt zweifellos eine ungewollte Profilierung des Users, sei es zu Werbezwecken oder whateva... Nur BITTE, schreit dann nicht später und beschwert euch über mangelnden Datenschutz!
2. Vorsicht!!
brunnersohn 15.11.2010
ich würde facebook keine email anvertrauen, weil mir facebook den Datenschutz nicht so ernst nimmt wie ichs gerne habe. Neulich wollte ich in Facebook Spielgold via Paypal kaufen. Ich traute meinen Augen nicht: Bevor ich den letzten click zur Bezahlung machte, sollte ich folgendem zustimmen: "Künftige Zahlungsabbuchungen genehmigen" Gehts noch? Und warum will Facebook meine Emailadressen dauernd reinsaugen.. nee nee liebe Amis.. ohne mich
3. ...
Mindbender 15.11.2010
Zitat von sysopMark Zuckerberg verspricht Großes. Der Facebook-Chef präsentiert eine Art Universal-Kommunikationsdienst namens "social inbox", der elektronische Post, Chat und SMS bündeln soll - und so nichts weniger als die E-Mail ablösen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,729298,00.html
Ist natürlich Quatsch, was der Herr Zuckerberg da phantasiert. Das ganze existiert schon seit Jahren unter dem Namen "Forum" mit "Personal Messages". Klar, dass er um noch mehr Geld zu scheffeln, versucht, dass Rad neu zu erfinden. Insbesondere bei seiner Äusserung, dass die Mail zu langsam und "zu formell" sei musste ich lachen; Wird beim Anlegen eines Facebook-Accounts für den Benutzer jetzt per Zaubertrick eine schnellere Kommunikationsform freigeschaltet, die es mit Mail-Verkehr aufnehmen kann? In einem hat er aber vielleicht recht (wenn er es denn meinte, was ich bezweifel)... smtp als Mailprotokoll ist wirklich etwas in die Tage gekommen. Insbesondere der massive Overhead den es erzeugt.
4. ...
knut_hansen 15.11.2010
Ähem, wenn das mal nicht größenwahnsinnig ist, vor allem mit derartig großspurigen Aussagen einen neuen Dienst vorzustellen. Um zu erkennen, dass es auf Dauer keine SMS mehr geben wird, muss man kein Zuckerberg sein, denn das ist ohnehin absehbar. Daher wird die Email eher das Hauptkommunikationsmittel werden und dann bleiben. Sobald jedermann mit seinem Handy eine Internet-Flat hat, wird dies geschehen. Wenn ich schon dem seine Hackfresse sehe ey!
5. Riepl lässt grüßen
MasaGemurmel 15.11.2010
Das sind wieder diese marketing-trächtigen Parolen, auf die alle immer wieder reinfallen. Und es bleibt doch anders: "(...) die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchstentwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen." Das Zitat stammt von Wolfgang Riepl, aus dem Jahre 1913. Meint: Selten hat ein neues Medium unmittelbar ein altes ersetzt. Noch immer (wenn auch immer weniger) faxen wir, noch immer telefonieren wir und noch immer schreiben wir auf Papier. Und ich bin fest davon überzeugt: Viele werden Facebooks Service nutzen, aber noch mehr werden den Braten riechen und wissen warum Zuckerberg diesen Dienst anbietet: zum Datensaugen und Profiling - sonst nichts. Mir reicht E-Mail so wie ich es habe. Murmel.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Facebook
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 117 Kommentare
  • Zur Startseite
Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.


E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.