Von Felix Knoke und Konrad Lischka
Anonymous-Aktivisten müssen heftige Kritik für den Angriff auf das US-Unternehmen Stratfor einstecken, selbst aus den eigenen Reihen. Die Web-Guerilla hat angeblich Zehntausende Kreditkarten-Informationen von Newsletter-Kunden und Millionen interne E-Mails kopiert und zum Teil veröffentlicht.
Mit den Kreditkarteninformationen wollte Anonymous angeblich Hilfsorganisation mit unfreiwilligen Spenden beglücken, die E-Mails sollen aufzeigen, welche staatlichen und privatwirtschaftlichen Organisationen Kunden des Beratungsunternehmens sind. Unter den veröffentlichten Daten sind allerdings auch viele Kreditkartennummern von Journalisten und Privatleuten, die Stratfor-Newsletter abonniert hatten. Die Bezeichnung "Sicherheitsberatung" ist für diese außenpolitischen Analysen und Nachrichtenzusammenfassungen zu hoch gegriffen - letztlich macht Stratfor Journalismus.
Kritik am Angriff auf journalistische Angebote
Der Angriff auf das Unternehmen sei ein Fehler, heißt es jetzt in einem neuen Anonymous-Schreiben (jeder kann sich als Anonymous-Mitglied selbst bezeichnen, jeder kann Bekennerschreiben im Namen von Anonymous veröffentlichen): Der Missbrauch der Kreditkarteninformationen habe Kunden des kostenpflichtigen Stratfor-Newsletters betroffen und damit ein journalistisches Projekt. "Anonymous greift keine Medien an", heißt es dort. Wer auch immer im Namen Anonymous agiert habe, habe Grundprinzipien der Bewegung für mehr offene Kommunikation verletzt.
Der deutsche Sprecher des Chaos Computer Clubs, Frank Rieger, kritisierte Rechtfertigungen für den Hack via Twitter. Er wundere sich, dass der Logik der Angreifer zufolge "also jeder, der einen kostenpflichtigen, tatsächlich interessanten Info-Dienst mit schlechtem IT-Schutz abonniert, nun Teil des militärisch-industriellen Komplexes" sein solle.
Antivirus-Experte Mikko Hyppönen merkt in in einem Blog-Eintrag an, dass den Hilfsorganisationen durch die Anonymous-Überweisungen ein Schaden entstanden sei. Die Rückbuchungen, die Kreditkarteninhaber zweifelsohne veranlassen werden, würde den Organisationen zumindest Arbeit machen, wahrscheinlich aber auch Geld kosten.
Angreifer wollen Quellen bloßstellen
Stratfor selbst weist auf den Umstand hin, dass die veröffentlichte Kundenliste nicht mehr als ein Auszug aus dem Newsletter-Abonnenten-Register und die ganze Aktion deshalb grundsätzlich missgeleitet sei - Anonymous hatte es eigenen Aussagen zufolge auf die "top-geheime" Kundenliste der Stratfor-Berater abgesehen. Außerdem bestehe nun die Gefahr, dass Newsletter-Kunden auch weiterhin Opfer von Angriffen würden.
Der prominente Anonymous-Sympathisant Barrett Brown veröffentlichte schließlich einen Erklärungstext "Über Stratfor", in dem er darauf hinweist, dass die Veröffentlichung der Kreditkarteninformationen und Kundenliste nur ein Zufall war. Der Hack habe vielmehr zum Ziel gehabt, die Quellen von Stratfor transparent zu machen. Zu diesen Quellen gehörten laut Brown Experten in staatlichen und privatwirtschaftlichen Organisationen - der Hack sei damit Teil der langläufigen Antisec-Kampagne, alle weiteren Informationen könne man in der Sammelstelle seines Projekts "Persona Management" einsehen.
Kein Quellenschutz für Stratfor-Informanten?
Wobei hier nicht klar ist, warum die Gesprächspartner der Autoren von Stratfors Analysen nicht Quellenschutz genießen sollen wie die Tippgeber von Journalisten und Informanten, die interne Dokumente über Dritte an die Öffentlichkeit bringen.
Stratfor bietet zwar neben seinen journalistischen Publikationen auch spezielle Beratungsdienstleistungen für Firmen und Organisationen an. Ob es sich dabei um viel mehr als spezielle Dossiers mit Artikeln und Auftragsrecherchen handelt wie sie jedes bessere Archiv eines Medienhauses zahlenden Kunden bietet, lässt sich anhand der im Google-Cache gespeicherten Kopien der Stratfor-Website nicht nachvollziehen.
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