Angst vor der Datenwolke Googles Musikdienst soll auf Eis liegen

Googles lang angekündigter Musikdienst wird einem Bericht der "New York Post" zufolge von der Musikindustrie blockiert. Die Branche hadere mit Teilen des Konzepts, das auch einen sogenannten Locker-Service vorsieht. So etwas ist Trend - und derzeit die größte Angst der Musikbranche.

Zweiter Google Music-Launch (2009): Mehrere Versuche, bisher wenig Erfolg
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Zweiter Google Music-Launch (2009): Mehrere Versuche, bisher wenig Erfolg


Googles neuer Musikdienst liegt einem Bericht der "New York Post" zufolge derzeit auf Eis: Die Verhandlungen mit der Musikbranche stagnierten, weil die Musikfirmen mit dem Cloud-Service innerhalb des Dienstes nicht einverstanden seien. Solche sogenannten Locker-Dienste liegen im Trend, schießen wie Pilze aus dem Boden.

Alle beruhen sie auf dem Grundgedanken, dass (meist zahlenden) Kunden im Web Speicherplatz zur Verfügung gestellt wird, auf dem sie vermeintlich eigene Musik ablegen und überall auf der Welt dann auch abrufen können. Ambitionierte Services versuchen dann noch, verschiedene Geräteplattformen anzusprechen und mit Musikstreams aus eigener Datenbank zu befüttern.

Doch was heißt schon Besitz, wenn es um Musik geht? Die Musikbranche hadert mit solchen Diensten aus mehreren Gründen: Zum einen, argumentiert sie beispielsweise ganz aktuell in einem Prozess gegen den Musik-Clouddienst des MP3.com-Gründers Michael Robertson, sei durchaus nicht garantiert, dass alles, was da hochgeladen und geparkt wird, auch wirklich bezahlt wurde. Zum anderen, berichtet die "New York Post", sehen die Musik-Manager solche Dienste auch als Plattformwechsel - und wollen, wenn sie so etwas schon erlauben, daran auch mitverdienen.

Man kauft Datenträger, nicht Musik

Denn aus Perspektive der Musikbranche erwirbt man keineswegs Musik, wenn man beispielsweise ein konkretes Album kauft. Man kauft den Datenträger, also die CD, die Schallplatte, die MP3-Datei, aber nicht die Musik darauf: An der erwirbt man nur eine Nutzungslizenz im Rahmen definierbarer Bedingungen. Zu denen können dann auch sogenannte Privatkopien gehören, die in manchen Ländern erlaubt, in anderen - wie in Deutschland - nur geduldet werden.

Filelocker-Anbieter sehen in den geparkten Dateien solche Privat-, die Musikbranche befürchtet dagegen sogenannte Raubkopien. Offensichtlich nicht unerheblich ist aber auch der angesprochene Plattformwechsel: Bevor mit Einführung der CD die hundertprozentige Kopierbarkeit digitaler Waren begann, war es selbstverständlich, dass man für ein und dieselbe Musik-Ware mehrfach bezahlte, wenn man sie auf verschiedenen Tonträgern erwarb. Der neueste Tonträger aus Perspektive der Musikbranche ist aber der Cloudservice - eine Nutzung der möglicherweise käuflich erworbenen Musik, die von deren Lizenzbedingungen nicht gedeckt ist.

Google äußert sich nicht

Die Musik-Cloud erkennt die Branche richtigerweise als Trend der nächsten Jahre. Das Streaming von Musik aus Datenbanken wird seit einigen Jahren vor allem im hochpreisigen Hifi-Segment angeboten. Inzwischen erreicht es den Massenmarkt: Vernetzte Geräte, die neben Internetradio und Zugriff auf eigene Festplatten auch Cloud-Dienste anbieten, mit denen man beispielsweise die beim Frühstück in der Küche gehörte Musik auf dem Weg zur Arbeit einfach über das Smartphone weiterhört, dürften schon bald zum Standard gehören - wenn die Musikbranche nicht mauert.

Denn nicht nur bei Google und Michael Robertsons MP3Tunes (das immerhin schon online ist) sträubt sich die Musikbranche, auch bei Apples Ausbau von iTunes zum Stream-Cloud-Dienst hakt es es offenbar. Der befindet sich seit Monaten im Status des (wie bei Apple üblich) unbestätigten Gerüchtes.

Unbestätigt sind auch die Angaben des "New York Post"-Artikels, indem sowohl auf Musikbusiness-, als auch auf Google-Seite nur anonyme Quellen zitiert werden. "Es ist völlig unklar", beantwortet Googles deutsche Dependance eine entsprechende Anfrage von SPIEGEL ONLINE, "wer diese Person sein soll. Uns sind solche Aussagen nicht bekannt. Leider haben wir zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Ankündigungen zu dem Thema zu machen."

Der Download- und Cloud-Musikdienst wäre Googles dritter Versuch, auf dem Online-Musikmarkt Fuß zu fassen und endlich eine erwähnenswerte Rolle zu spielen. 2005 begnügte sich Google noch mit einem auf die USA beschränkten Musiksuchdienst, der Downloadshops wie die von Apples iTunes, eMusic und RealNetworks Kunden zuführte. Der Dienst verhungerte weitgehend unbemerkt, um dann im Oktober 2009 erneut als absolute Novität, visuell immerhin aber aufgebürstet angekündigt zu werden.

Als im Juni 2010 dann Gerüchte über einen Google-eigenen Downloadshop ventiliert wurden, soll das hinter den Kulissen der Musikbranche erst für freudige Erregung gesorgt haben: Dort hofft man seit langem vergeblich darauf, dass ein neuer großer Konkurrent Apples übermäßige Marktmacht endlich anknabbern könne - auch Amazon hat das mit seinen Download-Angeboten nicht geschafft.

pat

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
ohno 25.11.2010
1. Zeit für die Abschaffung der Musikbürokratie
.. von "Industrie" kann man bei dem Geldgierlappen ja wohl kaum sprechen. Es wird Zeit, ein vernünftige Bezahlmodell für *Künstler* zu schaffen - nicht für die Vermarkter. Die sind nämlich im Zeitalter des Internets schlicht so überflüssig wie Weber, Heizer oder Schriftsetzer.
Osis, 25.11.2010
2. titelzwang: Nein Danke.
Zitat von ohno.. von "Industrie" kann man bei dem Geldgierlappen ja wohl kaum sprechen. Es wird Zeit, ein vernünftige Bezahlmodell für *Künstler* zu schaffen - nicht für die Vermarkter. Die sind nämlich im Zeitalter des Internets schlicht so überflüssig wie Weber, Heizer oder Schriftsetzer.
Jop. Und mich interessieren solche Cloud-Dienste nichtmal ansatzweise. Und Gooogle ist für mich eine Suchmaschine, mehr nicht. Datenwolken sind mein persönlicher Alptraum. Egal was sie enthalten.
der_rookie 25.11.2010
3. .
Zitat von ohno.. von "Industrie" kann man bei dem Geldgierlappen ja wohl kaum sprechen. Es wird Zeit, ein vernünftige Bezahlmodell für *Künstler* zu schaffen - nicht für die Vermarkter. Die sind nämlich im Zeitalter des Internets schlicht so überflüssig wie Weber, Heizer oder Schriftsetzer.
Egal wie sie es nennen: Es wird wenig Künstler geben, die die Lust/Fähigkeit haben sich professionel um die eigene Vermarktung zu kümmern. Es wird also immer irgendwelche Manager / Industriekonzerne / Betreiber von Bezahlmodellen / ... geben die sich zwischen Künstler und Konsument setzen. Egal wer das ist: Die wollen auch Geld verdienen. Und es wird immer schwarze Schafe geben; ebenso wird es immer welche geben die größerer/teurer/erfolgreicher als Andere sind und desween mit Ihrer Arbeit mehr Geld scheffeln. Ist das jetzt Gier? Heute verdienen Leute wie Madonna oder Bands wie U2 ein vielfaches von Ihren Produzenten/Mangern/etc. Das finde ich nachvollziehbar. Ob die Gesamtprofite in der Branche angemessen sind - schwierig zu beurteilen. Übrigens: Wenn mir mein Chef eine Gehaltserhöhung anbietet, dann sage ich auch ja. Ja, ich bin gierig. Ich gestehe es.
rst2010 25.11.2010
4. vor der cd
Zitat von sysopGoogles lang angekündigter Musikdienst*wird einem Bericht der "New York Post" zufolge von der Musikindustrie blockiert. Die*Branche hadere mit*Teilen des*Konzepts, das auch einen sogenannten Locker-Service vorsieht. So etwas ist Trend - und derzeit die größte Angst der Musikbranche. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,731113,00.html
was waren die handelsgängigen tonträger vor der cd? die schallplatte mit der besseren tonqualität und die musicassette, die man sich aber besser selber vons einen platten bespielt hat; ergo wurde ein tonträger/ein musikstück auch nur einmal gekauft und dann für den privatgebrauch und freunde verfielfältigt; ich nehm mal an, dass die musikindustrie heutzutage deutlich größere umsätze hat; warum jammern die dann und finanzieren gleichzeitig ein heer von lobbyisten? ich sehe eigentlich nur ein ungleichgewicht, die rechte der verbraucher werden immer weiter zugunsten von anbietern von meistens eigentlich wertloser musik (aka musikalische meterware, abschneiden nach bedarf) eingeschränkt, auf dass die musikdealer sich nicht nur durch den rechteverkauf refinanzieren können.
hambürger 25.11.2010
5. Paradigmenwechsel
Zitat von sysopGoogles lang angekündigter Musikdienst*wird einem Bericht der "New York Post" zufolge von der Musikindustrie blockiert. Die*Branche hadere mit*Teilen des*Konzepts, das auch einen sogenannten Locker-Service vorsieht. So etwas ist Trend - und derzeit die größte Angst der Musikbranche. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,731113,00.html
Ein Gedankenfehler im Artikel. Das Wort "erwarb" ergibt an dieser Stelle keinen Sinn. Natürlich musste und muss man alles mehrfach bezahlen, wenn man's mehrfach erwirbt. Eine Binsenweisheit. Das Verb "erwerben" impliziert "bezahlen", sonst wäre es "klauen", "ausleihen" etc. Entweder (physischer) Diebstahl oder vorübergehende Gebrauchsüberlassung. Früher aber war es selbstverständlich, dass man eine - erworbene und bezahlte - LP auf sein Revox oder Uher kopierte, später auch auf CompactCassette, ohne ein weiteres Mal dafür zu bezahlen. Und da hat sich auch keiner daran gestört. Also hatte man die Musik einmal bezahlt und anschließend auf verschiedenen Plattformen. Natürlich musste man auch früher schon für eine im Laden gekaufte (bespielte) Musikkassetten zahlen - ja, auch dann, wenn die LP schon zu Hause im Plattenschrank ruhte. Aber eben nicht für seine selbstüberspielte Kopie. Wenn ich heute eine legal erworbene CD (soll's ja noch geben) mein eigen nenne, will die Musikindustrie eben nicht - und das ist der Unterschied zu früher -, dass ich mir die Musik von dieser CD am Strand in Spanien per Cloud ohne Zusatzkosten anhöre. Die wollen mich dazu zwingen, entweder noch was obendrauf zu bezahlen oder aber die physische CD von zu Hause mit in den Urlaub schleppen. Begründung: Ich habe beim CD-Kauf lediglich ein Stück totes Plastik erworben, aber nicht die Mucke darauf.
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